Die Frage, wie vorteilhaft es ist, wenn die Heimatregion eine eigene Krimi-Reihe bekommt, darf man sich schon stellen. Einerseits droht die Stadt von nun an mit zwielichtigen Gestalten assoziiert zu werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass sie in Zukunft von Touristen überrannt wird, die jetzt endlich die Schönheit des zuvor unterschätzten Landstrichs erkannt haben. Nach zahlreichen Städte-Reihen wie „Tatort“, „Usedom-Krimi“, „Spreewaldkrimi“, „Die Toten vom Schwarzwald“, „Taunuskrimi“, „Polizeiruf 110 Magdeburg“, „München Mord“ oder „Die Toten vom Bodensee“ wird jetzt auch die Region Ostwestfalen-Lippe zur Hintergrundkulisse mysteriöser Verbrechen. „Wurde auch mal Zeit“, würde der Lipper dazu sagen.
Schließlich hat die 75.000-Einwohnerstadt Detmold, Sitz des TV-Kommissariats, alles, was ein Krimi braucht: alte Berühmtheiten (Christian Dietrich Grabbe, Malwida von Meysenburg) und neue Promis (Frank-Walter Steinmeier, Andreas Voßkuhle, Iris Berben, Tommi Schmitt, Matthias Opdenhövel), dramatische Landschaften (Teutoburger Wald, Externsteine, Donoperteich, Dörenschlucht, Ruine Falkenburg), historische Denkmäler (Hermannsdenkmal), kulturelle Institutionen (Landestheater, Musikhochschule, Freilichtmuseum, Schloss) und einen entzückenden Altstadtkern mit Rathaus, Marktplatz und Fachwerkhäusern. Die Skandale und unerhörten Begebenheiten, die bietet Detmold wie jede mittelgroße Stadt selbstverständlich auch.
Opfer oder Täterin? Annika Lorenz (Philine Schmölzer)„Im Grunde Mord – Blutsbande“ heißt der Auftakt der neuen ZDF-Reihe, die im Teutoburger Wald rund um Detmold angesiedelt ist. Tatort: Externsteine. Eine mythenumrankte Gesteinsformation, die seit jeher als Treffpunkt esoterischer und neonationalsozialistischer Gruppen, etwa zur Walpurgisnacht, dient. Ein junger Mann stürzt von den pittoresken Felsen in den Abgrund. War es Suizid, ein Unfall, Mord? Alles möglich.
„Gab auch schon manchmal Selbstmorde“, bemerkt eine der Aufseherinnen, die jeden Abend einen Kontrollgang macht, um sicherzugehen, dass alle Besucher weg sind. „Kein Wunder, denn das ist schon ein besonderer Ort. Wenn man da oben ist, zwischen den Steinen, ich spür’ da schon was. Irgendwas Magisches“, seufzt sie und erklärt damit gleich in den ersten Minuten allen, die es noch nicht verstanden haben sollten, dass wir uns hier nicht irgendwo im Nirgendwo befinden, sondern an einem Ort, wie es ihn kein zweites Mal gibt in Deutschland.
Der Tod hängt wie der Nebel über dieser sagenumwobenen Landschaft, der Heinrich von Kleist nicht grundlos mit seinem Drama „Die Hermannsschlacht“ ein literarisches Denkmal verpasste. Fast ehrfurchtsvoll kreist die Kamera um das über allem thronende Hermannsdenkmal. Später findet sich der Tod auch in der Frauenarztpraxis wieder, in der Aktivisten „Baby-Mörder“ an die Wand gekritzelt haben, um die Schwangerschaftsabbrüche anbietende Ärztin in Angst zu versetzen. Er sucht Kommissarin Paula Schäfer heim, die von Rückblicken an den Krebs-Tod ihrer Mutter geplagt wird, über den die Angehörigen nur in Rätseln sprechen. Er schwebt über dem von Gedächtnisverlust geplagten, pflegebedürftigen Vater Schäfers sowie über der jungen Annika Lorenz, die ihre Schwangerschaft beenden will.
Ermittlerin Paula Schäfer (Hanna Plaß) kehrt in ihre Heimat Detmold zurückSogar der Roman, der irgendwann einmal auf dem Tisch liegt und an den die Kamera bedeutungsschwanger heranzoomt, endet bekanntlich tödlich: Goethes „Wahlverwandtschaften“. Der Romantitel ist hier genauso Programm wie der Filmtitel „Blutsbande“. Es geht um Patchworkfamilien, biologische und selbstgewählte Verwandtschaft, und um die Risse, die sich auftun, wenn familiäre und professionelle Zusammenarbeit nicht mehr voneinander zu trennen sind. Denn Stefan Rogalls von Regisseur Bruno Grass in Szene gesetztes Drehbuch sieht allerlei bemerkenswerte Konstellationen vor: Nicht nur besteht das Ermittler-Duo aus den sympathisch dauerzankenden Geschwistern Paula (Hanna Plaß) und Leon Schäfer (Jakob Benkhofer). Sondern auch Staatsanwältin Britta Everslage (Ann-Kathrin Kramer), die mit ihrer Partnerin (Julika Jenkins) in einer stattlichen Villa am Detmolder Bandelberg lebt, nimmt ersatzfamilienartige Züge an. Gelegentliche Unstimmigkeiten lassen sich da nur schwer verhindern.
Familiäre Intrigen
Zu den Verdächtigen gehören wiederum zwei Familien: Einmal ist da Familie Lorenz, also Tochter Annika (Philine Schmölzer) mit ihren Eltern, den Restaurantbesitzern Jens (Patrick Joswig) und Kerstin. Letztere wird von der Schauspielerin Helene Grass verkörpert, womit sich das Thema der Vermischung von Beruflichem und Privatem auch auf der Produktionsebene wiederfindet. Denn Helene Grass ist nicht nur die Schwester von „Blutsbande“-Regisseur Bruno Grass (beide sind Kinder des Nobelpreisträgers Günter Grass), sondern hat auch noch lange in Detmold gelebt, wo sie das Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“ geleitet hat.
Und dann ist da noch Familie Brokämpfer, bestehend aus dem großkotzigen Vater, Küchenverkäufer, Bürgermeisteranwärter und (natürlich) Villenbesitzer Torsten (Bernhard Schir), sowie seinem Sohn Matteo (Ben Felipe), der sich gerne als „Innenarchitekt und Designer“ vorstellt, was der Vater ruppig beiseite wischt und mit dem Rat versieht: „Verkauf dich nicht immer so unter Wert“. Ein „Architekt“ als Sohn wäre ihm nämlich lieber.
Leider erscheinen die familiären Hintergrundintrigen oft interessanter als der Kriminalfall selbst. Dieser bietet zwar durchaus spannende Action: Kommissarin allein im Keller, Kommissarin allein im Wald, gestohlene Dienstwaffe, usw. Gleichzeitig überfordert er mit seiner komplexen Anlage und den vielen unterschiedlichen Verdächtigen aber das Kombinationsvermögen selbst der Whodunit-erprobtesten Zuschauer. Vielleicht hätte es geholfen, die Auflösung am Ende um einen Rückblick zum Tathergang zu ergänzen, damit der Zuschauer nicht noch Tage später rätseln muss, ob er die Enthüllung nun richtig verstanden hat oder ob nicht doch der Detmolder Bürgermeister Frank Hilker, der als Statist einmal durchs Rathaus gehen darf, der Mörder war.
Da der vielleicht etwas zu ambitioniert konstruierte Fall – im Gegensatz zu den angedeuteten Familienkrisen im Privatleben der Kommissare – abgeschlossen ist, schmälert dieser kleine Makel die Vorfreude auf die nächste Folge jedoch keineswegs. Und während die Kamera dann beim Abspann von melancholischer Klaviermusik begleitet auf dem Hermannsdenkmal verweilt, denkt man sich: Lieber in Detmold sterben als irgendwo anders leben.
Marie-Luise Goldmann kommt aus Detmold, wo sie „Im Grunde Mord – Blutsbande“ mit ihrer Familie und Wahlverwandtschaft gleich mehrmals gesehen und jedes Mal neue Orte aus ihrer Heimat wiedererkannt hat. Sie schreibt über Film und Fernsehen und ist Absolventin der Drehbuchwerkstatt München.
„Im Grunde Mord – Blutsbande“ ist in der ZDF-Mediathek zu sehen und läuft am Montag, 20. April, um 20:15 Uhr im ZDF.
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