Schwarze Haut, schwarzer Hut. Anzug, Hintergrund – alles schwarz. Weiße Augen mit schwarzen Pupillen. Grinsemund mit weißen Zähnen und schwarzer Lücke. Ein Zipfel nur vom versteckten weißen Hemd. Heiterer kann man sich zu seiner schwarzen Identität nicht bekennen, schwarzstolzer dem „Invisible Man“ nicht widersprechen, der in Ralph Ellisons berühmtem Roman im selbst eingerichteten Kellerloch unter tausend Glühlampen hockt und ein elendes Leben zurückblendet, in dem er als Schwarzer nie wahrgenommen worden ist.

Kerry James Marshall schaut wunderbar provozierend in die nichtschwarze Welt. Sein „Portrait of the Artist as a Shadow of His Former Self“ ist nichts weniger als das Programmbild einer eindrücklichen Ausstellung im Zürcher Kunsthaus. Es wird in diesem Werk auch um Opfer gehen, auch um die Traumata des schwarzen Amerika, auch um die ehemalige Beteiligung der afrikanischen Oberschicht am Sklavenhandel, aber zugleich und mehr noch um die Vision einer Black Community, in der tiefschwarz nur die Gesichter sind und ringsum bunte Ausgelassenheit herrscht.

„The Histories“ von Kerry James Marshall, 2025

Schon damals in Kassel, 2007 auf der documenta 12, standen die Leute vergnügt vor einer monumentalen Leinwand, auf der sich ein schwarzes Paar im etwas übermöblierten Schlafzimmer schlafzimmermäßig verhält. Kerry James Marshall hat schon immer für beste Laune gesorgt. Und man wird den Frauen, die im gut besuchten Schönheitssalon („School of Beauty, School of Culture“, 2012) ihre opulenten Frisuren pflegen, nichts anderes als erheblichen Daseinsspaß nachsagen können. Wie auf der Bühne sitzen und stehen sie alle an ihren Toilettentischen, während im Vordergrund eine Mutter mit ihren zwei Kleinkindern tanzt.

Es ist wie eine Einladung, „Hereinspaziert!“, und nur das gelbe, schräge Ding, das zwischen den Kindern wie ein Stofffetzen schwebt, stört ein wenig die waltende Gemütlichkeit. Ein Geheimnis freilich soll’s nicht sein. Der Maler hat gleich verraten, dass er an den verehrten Hans Holbein gedacht hat, der auf seinem famosen Bild „Die Gesandten“ ein ähnlich schräges Ding seinen noblen Figuren vor die Füße gelegt hat. Pikant nur, dass das Renaissance-Original, das Marshall zitiert, einen Totenschädel „anamorph“ verzerrt, der ja nun zur Schönheitsgeschäftigkeit des Marshall-Bildes ganz und gar nicht passen will.

Man wird also das Memento mori nicht überbewerten. Ein bisschen Laune gehört stets zum Kompositionsprinzip. Aber ganz ohne doppelten Boden macht es der Künstler eben auch nicht. Immer wieder entdeckt man auf diesen Bildern versteckte Anspielungen, politische Aperçus, Belehnungen der Abstraktion, Details alter Stiche oder nie ganz auflösbare Schriftzeichen, die wie bei einer Moritat die Fantasien auf moralische Spuren lenken.

So ist auch der Schauraum fröhlicher Frisurenproduktion durchaus als Bildungsstätte gemeint. „School of Beauty, School of Culture“: Es darf getanzt werden – auch um den Totenkopf dunkelschwarzer Vergangenheit herum. Erst so werden die schwarzen Hochfrisuren auf den schwarzen Damenköpfen zu Körperzeichen kultureller Eigenständigkeit – gerade so wie die Hoch-Stimmung an schwarze Solidarität appelliert.

Kerry James Marshall

Das übersieht das Idyll keineswegs, das sich immer wieder dazwischenschiebt. Das Segelboot im Wind mit den Bergen hinter dem „Gulf Stream“ und dem Fischernetz, das das Bild wie ein Urlaubsandenken rahmt. Oder „Plunge“, auch so eine Sommerszene: Pool, Bötchen, Tennisschläger, Sonnenschirm, Sanitätskasten nebst Sprungbrett mit schwarzer Springerin und schwarzgepunktetem Bikini. Oder das zärtliche Paar, das Hand in Hand über eine Blumenwiese spaziert. Wir sehen ihm nach, wie es über einem Hügel verschwindet, während sich ein rosa Schleier wie eine Girlande um die Szene schmiegt: „Vignette“, ein argloses Märchenbild, das einen zärtlichen Augenblick lang den schwarzen Sonderweg vergessen lässt.

Nichts vergeblicher, als in Marshalls Werk überall Erinnerungsspuren der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu vermuten. Vom Civil Rights Movement der Sechzigerjahre ist der 1955 geborene Künstler doch eine ganze Generation entfernt. Und auch die Black Community, von der er erzählt, ist ein gutes Stück weiter. Der unheroische Alltagsstolz, den Marshall feiert, der Charme des selbstverfügten Lebens, von dem er erzählt, die pathosfreien Wirgefühle, die seine Bilder entfesseln, machen sie zum Zeugnis einer authentischen schwarzamerikanischen Malerei. Und halten sichtbar Abstand zur Bilderflut, die der postkoloniale Diskurs immer wieder produziert.

Grandios, wie die schwarze Dame am Clubtisch vor dem Kaltgetränk sitzt – im getigerten Fellkostüm und mit zum steilen Hängegewächs auftoupierten Haaren. Grandios, wie sie den Betrachter anlächelt und nie auf die Idee käme, den freien Platz am Tisch mit uns zu teilen. Das ist es, was das denkwürdige Bild provoziert: Schwarzes Selbstbewusstsein, das keine woke Korsage braucht.

Ganz anders als seine schwarzafrikanischen Kollegen und Kolleginnen, die unlängst mit der Parole „Wir sind die Größten der Welt, und die Mutigsten sind wir auch“ durch europäische Museen gezogen sind und mit ihren „eigenen“ bildnerischen Erzählweisen das imperialistische Narrativ der Westkunst brechen wollten, tritt Marshall gar nicht erst an gegen eine nichtschwarze Kunstelite. Souverän verfügt er über die Lehrmittel der Kunstgeschichte. Subtil weicht er den Erstarrungen der Black-Lives-Matter-Rhetorik aus.

„Untitled (Policeman)“ von Kerry James Marshall, 2015

Im gesamten Panorama der Zürcher Ausstellung findet sich keine einzige Szene, die vom fatalen Schicksal schwarzer Minderwertigkeit handeln würde. Und vielleicht macht gerade dies die denkwürdige Unterhaltungsqualität des Werks aus, dass es so souverän die Polemik mit genüsslichen Selbstgefühlen ersetzt.

Wozu nicht zuletzt die ironische Nachtschwärzung sämtlicher Haupt- und Nebenrollen gehört. Mienen malt Marshall nie. Alle seine Gesichter sind Masken, Shadows of a Former Self. Und so steht er auch im Atelier, schwarz verhüllte Gesichtszüge, halb verborgen hinter einer riesenhaften Palette voller angerührter Farbe. Dass er den Pinsel in den Schwarzfleck hält, ist Ehrensache. Aber die Rot-, die Gelb- und die Blauvorräte daneben sind nicht geringer.

Bis 16. August 2026 im Kunsthaus Zürich

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