Große Abschiede brauchen große Titel. „Was für ein schönes Ende“ heißt das Stück, mit dem Herbert Föttinger seine langjährige Intendanz am Wiener Theater in der Josefstadt abschließt. Föttinger hat das im 8. Gemeindebezirk gelegene Theater über Jahre geprägt: Seit 33 Jahren steht der 1961 geborene Schauspieler in der Josefstadt auf der Bühne, seit 20 Jahren ist er außerdem der Direktor des Hauses. Da darf man schon von einer Ära sprechen. Zudem spielende Intendanten im Theater selten geworden sind, das wirkt fast aus der Zeit gefallen. Doch Föttinger gibt eine Zugabe: In „Was für ein schönes Ende“ steht er noch einmal selbst auf der Bühne – und lässt sich von seinem Publikum feiern.

„Was für ein schönes Ende“ ist ein Stück über einen alternden Künstler und den flüchtigen Ruhm der Theaterwelt. Föttinger spielt Lorenzo Da Ponte, den Librettisten von Wolfgang Amadeus Mozart. „Ich war ein Gott in Wien“, ruft der Greis immer wieder aus. Für seinen „Don Giovanni“ wurde er gefeiert, vom Kaiser an den Hof berufen. Doch heute ist er weder Gott noch in Wien, sondern Schnapsverkäufer in einem Boulevardschuppen in der neuen Welt, in Santa Fe in den USA. Während Mozart zu einem Superstar wurde, ist Da Ponte in ein schwarzes Loch des Vergessens gefallen. Da steht er nun im Foyer vor den verschlossenen Türen des Saals, in dem – Ironie der Geschichte! – „Don Giovanni“ läuft. Sein Libretto, sein Werk! Nur niemand weiß es und es will auch niemand wissen, weder der erfolgshungrige Theaterleiter noch die korrupte Presse.

„Kein Künstlerleben ohne Niederlagen“

Ganz neu ist die Geschichte nicht. Tatsächlich wurde „Da Ponte in Santa Fe“ vor fast 25 Jahren bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, damals in der Regie des kürzlich verstorbenen Claus Peymann. Schaut man in die Kritiken von damals, war das Publikum nicht gerade begeistert von Peter Turrinis Stück. Turrini, der seit seinem fulminanten Debüt „Rozznjagd“ als Neuerfinder des österreichischen Volksstücks und heute als Urgestein dieses Genres gilt, hat das alte Stück für das Finale an der Josefstadt umgearbeitet und mit dem passenden neuen Titel versehen. In der Regie von Janusz Kica, ein alter Wegbegleiter von Föttinger an der Josefstadt, wird daraus statt einer Wild-West-Klamotte ein melancholischer Rückblick auf ein bewegtes Künstlerleben.

„Es gibt kein Künstlerleben ohne Niederlagen!“, ruft Föttinger als Da Ponte aus. Das gilt auch für seine eigene Karriere. Vor ein paar Jahren wurden Vorwürfe öffentlich, dass Föttinger sein Haus noch in der Manier alter Theatertyrannen vom Schlage Peymann führen würde, mit Gebrüll und Einschüchterung. Das Theater versprach Aufarbeitung und führte einen Verhaltenskodex ein. In der Öffentlichkeit blieb ein deutlicher Kratzer im Renommee des Intendanten. Als künstlerischer Beitrag zur Aufarbeitung konnte man auch Föttingers Auftritt in der Titelrolle von Thomas Bernhards berühmten Stück „Der Theatermacher“ verstehen, das der in dieser Hinsicht auch nicht unbeleckte Regisseur Matthias Hartmann im vergangenen Herbst in der Josefstadt zur Premiere brachte.

Mit Turrini hat Föttinger vor 20 Jahren seine Intendanz eröffnet, mit Turrini beschließt er sie. Dazwischen lagen fast 300 Premieren, über ein Drittel davon Ur- oder österreichische Erstaufführungen. „Die Tradition im Griff, die Zukunft im Auge“ war Föttingers Motto. Neben Wiener Klassikern wie Nestroy oder Raimund kamen hier zeitgenössische Autoren wie Daniel Kehlmann oder Lisa Wentz auf die Bühne. Und trotzdem: Theater findet im Augenblick statt. Was gestern war, ist morgen schon vergessen. Wie Da Ponte? Doch auch der wird nicht völlig vergessen, sondern bekommt sein Porträtbild im Foyer der Oper. Neben Mozart – und genauso groß. „Was für ein schönes Ende!“, heißt es da im Stück. Wird auch Föttinger im Foyer des Theaters in der Josefstadt verewigt? Er setzt sich jedenfalls mit seinem letzten Auftritt auf jener Bühne, wo er über 30 Jahre lang wirkte, selbst ein Denkmal und der ganze Saal applaudiert.

Föttingers Nachfolgerin ab der kommenden Spielzeit wird Marie Rötzer, die seit 2016 das Landestheater Niederösterreich in St. Pölten leitet, nur eine halbe Stunde mit dem Zug von Wien entfernt. Die 1967 geborene Rötzer ist als Dramaturgin ein anderer Typ als der Volksschauspieler Föttinger. Auch ist sie in ihrer Karriere schon viel herumgekommen, von Berlin und Hamburg bis Graz und Mainz. Nur einen Tag nach Föttinger feiert auch sie mit der letzten Premiere ihren Abschied in der niederösterreichischen Landeshauptstadt und auch da ist der Stücktitel ein charmantes Augenzwinkern zum Finale: „Speed – Auf den letzten Metern“. Gemeinsam mit dem Ensemble hat das Regie-Duo Sarah Viktoria Frick und Martin Vischer einen charmanten Bühnenklamauk inszeniert, der das Theater in seiner lebensweltlichen Absurdität feiert – auch als ein Geschenk an das Publikum.

Die künftige Josefstadt-Direktorin Marie Rötzer

Auf der Bühne steht ein Reisebus, in dem das Ensemble durch die niederösterreichische Provinz tingelt, um „Die Odyssee“ zu performen. Nur geht dieses Mal, bei der letzten Vorstellung, so ziemlich alles schief. Weil der Fahrer im Lift stecken bleibt, übernehmen die Schauspieler selbst das Steuer. Es ist eine Reise, auf der das Theater sich selbst umkreist, mit viel Slapstick à la „Der nackte Wahnsinn“. Und bei der die Flüchtigkeit alles Lebendigen auf wehmütige Weise mit ins Spiel kommt: Jedes Mal, wenn das Radio eingeschaltet wird, hört man den kürzlich verstorbenen Alexander Kluge, wie er unter anderem über die Fragmentarisierung des Organischen philosophiert. Am Ende schwebt eine Miniatur des Reisebusses durch das Weltall. So klein ist das Theater des Menschen im Kosmos und kann doch so groß in seiner Wirkung auf das seelische Erleben sein.

Als die Schauspieler am Ende in den Saal winken, heben auch einige Zuschauer die Hand. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Wehmut liegt in der Luft. Doch das Theater geht weiter. In St. Pölten, wo nach zehn Jahren die aus Kassel kommende Patricia Nickel-Dönicke auf Rötzer folgt und in Wien, wo am Theater in der Josefstadt ein neues Kapitel aufgeschlagen wird. Und wie bei der Reise des Ensembles im Bus weiß man nie, ob man am Ziel ankommt oder was das eigentliche Ziel ist. Theater ist und bleibt eben eine Fahrt ins Ungewisse.

„Was für ein schönes Ende“ läuft am Theater in der Josefstadt und „Speed – Auf den letzten Metern“ im Landestheater Niederösterreich in St. Pölten.

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