Als Graf Almaviva (Jonah Hoskins) sich zum zweiten Mal verkleidet ins Haus des Don Bartolo (Johannes Martik Kränzle) einschleicht, um seiner Geliebten Rosina (Lilly Jørstad) nah zu sein, wählt er zur Tarnung einen Job als Musiklehrer. Dabei erscheint der Vertraute des Barbiers von Sevilla in der Hamburgischen Staatsoper als Aerobic-Lehrer verkleidet, hat eine Gymnastikmatte unter dem Arm und nötigt den Don gleich mal zu ein paar Yogahaltungen, die diesen zu Verrenkungen nötigen, sichtlich strapazieren und somit für Heiterkeit im Saale sorgen.
Dimmbare Straßenlaternen-Stimmung
Die Szene ist symptomatisch für die Rossini-Inszenierung von Tatjana Gürbace, die in „Il Barbiere di Siviglia“ mehr auf Klamauk als auf Komödie setzt. Als weiteres Beispiel mögen die Herren des Staatsopernchores und die Sänger dienen, die gleich zu Beginn des Abends in Feinripp-Unterwäsche vor den Vorhang treten. Das kann, wie beschrieben, auch lustig sein, verwirrt aber die ohnehin willkürlich anmutende Plot-Struktur des Originals noch weiter. Des Grafen kaum plausibler Auftritt als Musiklehrer wird vom Don, der die reiche Rosine als sein Mündel betreut und ihr ebenfalls nachstellt, ohnehin durchschaut – zumal ein Stirnband als Verkleidung reichlich dürftig erscheint. Darum geht es aber weder bei Rossini noch bei Gürbace.
Die Treppe dreht sich wie ein Glücksrad hinter dem Ensemble, vor dem Don Basilio (Ilia Kazakov) deklamiertDie wahre Komik des Stückes herauszuarbeiten, gelingt der Regisseurin leider auch nicht. Nach der scheitert der geldgierige Don mit seinen Plänen am Grafen, der fanatisch inkognito unterwegs ist, weil er nicht seines Vermögens wegen geliebt werden will. Stattdessen stellt Gürbace Rossini wenig nachhal(l)tig aus – auf einem Podest, einer Bühne auf der Bühne von Klaus Grünberg, der auch das Lichtdesign entwarf. Drei dimmbare Straßenlaternen machen Stimmung, derweil sich im Hintergrund als Kulisse das Bild einer Treppe dreht, mal an ein Glücksrad, mal an eine Windmühle erinnernd. Je nachdem, wie die Chancen der Handelnden stehen, führt die Treppe als Erfolgsleiter also hinauf oder hinab, das Schwanken des Glücks, das Schicksal wird zum bestimmenden Motiv.
Figaro als Über-den-Löffel-Barbier
Insgesamt gerät der Abend dennoch überwiegend heiter, denn das engagierte Ensemble ist sich für kein Geblödel zu schade, was der Aufführung einen eigen(artig)en Charme verleiht. Der findet seinen Höhepunkt in der Entwaffnung des Dienstmädchens Berta (Hellen Kwon) durch den Souffleur Marco Kim, der energisch das Messer ergreift, mit dem die Enttäuschte vor seinem Kasten herumfuchtelt. Ein Lampenschirm auf dem Kopf verwandelt Rosine in eine unauffällig trippelnde Stehlampe. Nachdem er seinen Zweck erfüllt hat, landet er als Insignie des Spottes auf Bartolos Haupt. Die Figur Figaro, stark gesungen und gespielt von Mattia Olivieri, bleibt in der Anlage der Inszenierung relativ blass, er erfüllt einfach seine Funktion als Beichtvater, Plaudertasche und Über-den-Löffel-Barbier.
Stimmlich und musikalisch gibt es nur leichte Schwankungen und Abstriche auf insgesamt hohem Niveau. Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber gelingt mit dem Philharmonischen Staatsorchester eine durchweg zügige und dennoch leichte Version der genialen Komposition, die jede Emotion auf der Bühne scheinbar mühelos in Musik verwandelt oder als Klang spiegelt. Diese Leichtigkeit ist aber gar nicht leicht zu erzeugen, so wie die Komische Oper bekanntlich nach ernsthafter Arbeit verlangt. Neben Olivieri überzeugen auch Jørstad, Kränzle und Hoskins, letzterer vor allem in der Höh‘. Ilia Kazakov als wahrer Musiklehrer Don Basilio harmoniert im unfreiwilligen Leid prächtig mit Kränzles Don Bartolo.
Diverse Termine bis 31. Dezember
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