Was für ein freier Mensch! Der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz verbrachte fast die Hälfte seines Lebens im Exil, was ihm und seinem Werk gutgetan hat: Wunderbar ungebärdige und gleichzeitig nuanciert formbewusste Romane wie „Trans-Atlantik“, „Kosmos“ und „Pornographie“ zeugen davon ebenso wie sein umfangreiches, über die Jahrzehnte geführtes „Tagebuch“ – inklusive der posthum veröffentlichten Notate des bisexuellen Freibeuters.

Gombrowicz (1904–1969) lebte seit 1939 in Buenos Aires, wo er beim Weltkriegsausbruch gestrandet war und eine Art Heimat gefunden hatte, die ihm auch das stalinisierte Polen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr sein konnte. Ende der 1950er Jahre war er von den polnischsprachigen Redakteuren des US-finanzierten „Radio Free Europe“ um Texte gebeten worden, die der jetzt wieder aufgelegte Band mit dem Titel „Polnische Erinnerungen/Argentinische Streifzüge“ versammelt.

„Die Russen und die Deutschen waren zweitrangig“

Das Buch macht die Kippmomente in der Biografie des anarchischen Sensualisten Gombrowicz noch einmal deutlich. Der Autor (der nach seiner Zeit in Argentinien kurzzeitig in Berlin lebte und später eine Bleibe in Frankreich fand) war einer, dessen Ruhm lange fragil war. Er konnte jeden Dollar gut gebrauchen, und doch machte er (außer bei den in Andeutungen verbleibenden sexuellen Episoden) keinerlei Konzessionen an eine Hörergemeinde, die vermutlich eher konservativ geeicht war.

Selbstbewusst verbindet Gombrowicz die Geschichte seiner Nation Polen mit seinen individuellen Vorstellungen von Freiheit, wenn er sich erinnert, wie er auf Kriegskarten Orte wie Reims oder Amiens entdeckte: „Hinter dieser Front begann für mich Europa, die Russen und die Deutschen waren eine zweitrangige, lächerliche, barbarische, mich von der Zivilisation trennende Existenz. Als dieser Damm 1918 brach und der Westen durchzusickern begann, anfangs nur tropfenweise, war das für mich ebenso wichtig wie die Rückgewinnung der Unabhängigkeit.“

Das quecksilbrige Zwischenkriegs-Polen findet in Witold Gombrowicz einen eigenwilligen Chronisten. In seinen Notizen finden sich Erinnerungen an ein „neues Leben voller Versprechungen, das Zertrümmern der Monarchenthrone, steife Kragen, Schnurrbärte und ‚Ehren‘-Vorurteile“ bei gleichzeitigen Invektiven gegen alles, was er als medioker und abgeschmackt empfand. Will heißen: Die Mehrzahl derjenigen, die der Rechtsreferendar mit Neigung zum literarischen Schreiben bald selbstbewusst als seine Kollegen bezeichnen wird, findet auch retrospektiv bei ihm kaum Gnade. Selbst der Prosa des von ihm aufrichtig bewunderten Bruno Schulz (der 1942 von einem deutschen SS-Besatzer erschossen wurde) wird eine vermeintlich zu starke Verkapselung in der Metaphernwelt bescheinigt.

Der areligiöse Gombrowicz war frei von der Pest des säkularen Antisemitismus und empfand seine jüdischen Warschauer Caféhaus-Freunde als die besten Verbündeten im geistigen Florett-Kampf gegen nationalistische Phrasenhaftigkeit und die Denk-Routinen auch in den Reihen der Bohème. Auch das „Parisertum mit wallender Mähne und ohne Krawatten“ erregt bei einem Frankreich-Besuch seinen Spott. Immerhin: „Ich sah damals die Nation von außen. Vom Ausland her. Das ist sehr lehrreich.“

„Diese Jugend zieht sich schnell aus“

Und dann: Argentinien, die anfangs ihm so exotische Welt Südamerikas: Großstadt, Pampa, tropischer Dschungel und riesige Flüsse. Ein einziges Sich-Umschauen und Durchatmen, eine permanente Horizont-Erweiterung. (Obwohl der im Privaten mitunter auch Streitsüchtige an der dortigen Literaten-Szene kein gutes Haar lässt und selbst die Prosa eines Jorge Luis Borges als „geschraubt und unergiebig“ abwatscht.) „Diese Jugend zieht sich schnell aus, vielleicht zu schnell“, heißt es bewundernd – und gleichzeitig bedauernd, dass trotz oder gerade wegen des Übermaßes an physischer Schönheit hier kaum ein Bewusstsein für das Besondere existiere.

Sehr erhellend sind Gombrowicz’ maliziöse, aber treffende Vergleiche zwischen östlichen und lateinamerikanischen Mentalitäten. Man würde nicht wenigen verdrucksten Ostdeutschen am liebsten sofort zu einer Argentinien-Reise raten – oder zumindest zur Lektüre dieser frohgemut frechen Aufzeichnungen.

Und was das Politische betrifft: Der Javier Milei von 1958 hieß Arturo Frondizi, und dessen Scheitern am quasi ewigen rechts-links-etatistischen Peronismus Argentiniens hatte Gombrowicz mit frappierender Präzision vorausgesehen: „Unpopulär, liberalistisch, und nach einigen Jahren der Anstrengung und der Sparsamkeit sind die Kassen wieder voll, man kann wieder träumen und planen und ausbauen und Geld drucken, um das alles zu bezahlen. Das Tretrad der Geschichte, immer im Kreis.“

Den Lauf der Geschichte konnte selbst ein Witold Gombrowicz nicht aufhalten – vermutlich entschied er sich gerade deswegen, seinen eigenen Weg zu gehen, jenseits von Affirmation und Resignation. Das glockenhelle Gelächter dieses furchtlosen Solitärs klingt noch immer nach. Olaf Kühl, exzellenter Kenner des Gombrowicz-Werks, hat den Band mit einem instruktiven Vorwort-Essay versehen.

Witold Gombrowicz: Polnische Erinnerungen/Argentinische Streifzüge. Übersetzt von Klaus Staemmler und Gisbert Haefs. Mit einem Vorwort von Olaf Kühl. Kampa, 400 Seiten, 28 Euro.

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