Mit der Wahl von Emily Wilsons Übersetzung der „Odyssee“ als Hauptgrundlage für seinen neuen Film hat der Regisseur Christopher Nolan ein Zeichen gesetzt. Wilson nennt Odysseus in den berühmten ersten Versen, der Anrufung der Musen, „complicated man“ – und eröffnet damit eine Deutungsmöglichkeit, die sich an modernem Psychogebrabbel über toxische Männlichkeit und Beziehungsprobleme orientiert. Viele hassen den Film schon, bevor sie ihn gesehen haben, für die Wahl dieses vermeintlich „woken“ Textes.
Im Deutschen gibt es noch keine Übersetzung von einer Frau und keine, die von ähnlichen psychologisch-politischen Grundannahmen ausgeht. Hier ist eine Übersicht über die wichtigsten Versionen, zu denen hierzulande Leser greifen können, die wissen wollen, worum es bei Homer eigentlich geht – und eine in die Neuzeit verlegte Version des Odysseus-Mythos, die literarisch fast so bedeutend ist wie Homers Original.
Johann Heinrich Voß
Neben Luthers Neuem Testament die einflussreichste Übersetzung aus dem Altgriechischen im deutschen Kulturkreis. 1781 im Selbstverlag („auf Kosten des Verfassers“) zunächst unter dem rechtschreibreformerischen Titel „Odüssee“ erschienen, prägt diese Fassung in der Versform daktylischer Hexameter die Homer-Rezeption bis heute. Sie ist für den Griechen das, was die Schlegel-Tieck-Übersetzung für Shakespeare ist: die Übersetzung, die in den Bestand deutscher Klassiker eingegangen ist. Immer noch bei zahlreichen Verlagen gedruckt.
Der Anfang:
„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung.“
Wolfgang Schadewaldt
Der große Gräzist (1900–1974) entschied sich für einen radikal anderen Zugang als Voß. Seine Übersetzung ist in Prosa. Sein Argument: Altgriechische lange und kurze Silben im Deutschen als betont und unbetont wiederzugeben, sei eine Verfälschung. Davon abgesehen bemühte er sich aber um größtmögliche Genauigkeit, bis hinein in die Wortstellung. Adjektive wie „rosenfingrig“ oder „listenreich“ bleiben so nahe wie möglich am Griechischen. Schadewaldts Fassung liest sich bis heute gut. Mit ihr sind Generationen von Geisteswissenschaftlern in den Mythos „Odyssee“ eingestiegen und haben den Text als Quasi-Original rezipiert.
Der Anfang:
„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der sehr viel irregetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstört hatte.“
Roland Hampe
Der Archäologe Hampe übersetzte 1979 ebenfalls in Prosa, orientierte sich aber mehr als Schadewaldt daran, dass sein Text sich im Deutschen noch flüssig liest – auch wenn er sich dafür etwas weiter vom griechischen Urtext entfernen musste.
Der Anfang:
„Nenne mir, Muse, den Mann, den vielgewandten, der so viel umhergetrieben wurde, nachdem er die heilige Stadt Troja zerstört hatte.“
Kurt Steinmann
Der Schweizer Altphilologe Kurt Steinmann kehrte 2007 mit seiner Übersetzung wieder zu den Hexametern – sechshebigen daktylischen Versen mit einer Zäsur in der Mitte – der klassischen epischen Dichtung zurück. Seine Sprache ist aber naturgemäß deutlich moderner und scheut im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die prüder als die Griechen waren, nicht vor derben Ausdrücken zurück, wo es dem Original angemessen ist.
Der Anfang:
„Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen, den oft es / abtrieb vom Wege, seit Trojas heilige Burg er verheerte.“
Gustav Schwab
Keine Übersetzung, sondern eine Nacherzählung. Der schwäbische Pfarrer, Gymnasialprofessor und Schriftsteller (die Heilige Dreifaltigkeit der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts) hat auch die „Odyssee“, wie so viele andere griechische Stoffe, in die Gestalt einer eigenen Erzählung gebracht. So wie die von Voß ist auch Schwabs Fassung schon lange ein eigenständiger Klassiker der deutschen Literatur.
Rosemary Sutcliff
Niemand hat im 20. Jahrhundert tollere historische Romane geschrieben als die konservative patriotische Britin Rosemary Sutcliff. Die meisten ihrer Bücher spielen im römischen Britannien und im anglo-normannischen Mittelalter. Sie hat aber auch die Epen Homers nacherzählt. Was damals für Jugendliche gedacht war, ist heute – 50 Jahre des Bildungsniedergangs später – die perfekte Lektüre für Menschen, die einfach wissen wollen, worum es eigentlich geht, ohne Debatten um Versformen, philologische Exaktheit und darüber, ob ein moderner Leser wirklich jede 2700 Jahre alte Redundanz Homers braucht.
James Joyce
Wer ein oder mehrere der vorherigen Bücher gelesen hat, versteht dann auch die zahlreichen Anspielungen im Jahrhundertmeisterwerk „Ulysses“ des Iren James Joyce. Die Irrfahrt seines Helden führt aber nicht übers Ägäische Meer, sondern durch das Dublin des 16. Juni 1904. Anders als viele schamhafte Übersetzer war Joyce nicht blind dafür, dass Sex eine gewaltige Rolle bei Homer spielt – und er übertrug die entsprechenden Mythen in die Gegenwart seiner Zeit: Nausikaa ist eine junge Frau, die von der onanierenden Hauptfigur Leopold Bloom am Strand beobachtet wird, das Kapitel „Circe“ (bei Homer der Name der Zauberin, die Odysseus’ Männer in Schweine verwandelt) spielt im Bordell.
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