Vor elf Jahren war die Kinderwunschbehandlung in deutschen Praxen mit wenigen Ausnahmen Paaren vorbehalten. Als Single entschied ich mich deshalb für eine anonyme, wesentlich leichter zu organisierende Spende im Ausland. Nach der Entbindung habe ich gleich die standesamtlichen Formalitäten zur Geburt erledigt und wahrheitsgemäß „Vater unbekannt“ angegeben.

Die Post vom Jugendamt flatterte schon vor unserer Rückkehr ins Haus. „Wir möchten Ihnen behilflich sein, den leiblichen Vater Ihres Kindes zu finden“, stand sinngemäß in dem Schreiben. Erst verzögert, leicht naiv, wurde mir klar, dass der Staat nicht 18 Jahre lang für den Unterhalt meines Kindes aufkommen möchte. Verstehe ich.

Vor wenigen Tagen haben vier Solo-Mütter vor dem Bremer Verwaltungsgericht erfolgreich Unterhaltsvorschuss eingeklagt. Das ist neu. Und das Urteil ist gefährlich. Es sendet falsche Signale an alle Frauen, die mit dem Gedanken spielen, Solo-Mutter zu werden. Es suggeriert, dass Solo-Mutterschaft machbar ist, Frauen locker diesen Weg einschlagen und finanzielle Verantwortung abgeben können. Doch die Realität sieht anders aus.

Nicht nur die Toleranz gegenüber Diversität nimmt ab, auch Leistungen des Sozialstaats werden aktuell in vielen Bereichen heruntergefahren. Das zeigen Einsparungen bei der Pflege, die Rentenpläne und nicht zuletzt der Gesetzentwurf von Gesundheitsministerin Karin Prien, in dem es darum geht, dass Unterhaltsvorschuss künftig nur bis zum 16. Lebensjahr gezahlt wird. Im Parteiprogramm der AfD steht, dass Solo-Mutterschaft ausdrücklich nicht gewünscht ist. Gewollt ist die Vater-Mutter-Kind-Familie, obwohl die Frontfrau der Partei etwas anderes vorlebt.

„Ich habe mir das niemals so krass vorgestellt“

Ich persönlich bin nie auf die Idee gekommen, Unterhaltsvorschuss zu beantragen – die Kosten für unser Leben bestreite ich allein. Nicht umsonst nennt mich meine Tochter ab und zu „Mapa“. Inzwischen aber muss ich mir eingestehen, dass es zwar kein utopisches Unterfangen ist, eine Solo-Eltern-Familie zu gründen – die moderne Fortpflanzungsmedizin macht vieles möglich –, aber geahnt, was es wirklich bedeutet, habe ich nicht.

Eine Einzelperson kann niemals leisten, was für ein Paar schon zur Zerreißprobe werden kann. Warum sonst verzichten so viele Paare auf Nachwuchs oder stellen die Reproduktion ernüchtert nach dem ersten Kind ein? Angehenden Solo-Mamis muss ich sagen, dass sie nicht beides sein können, egal wie viele Aufklärungsbücher zum Thema sie ihren Kindern vorlegen oder wie progressiv sie versuchen, sie aufzuziehen. Weder die Gesellschaft ist bereit für das, was wir uns vorgenommen haben, noch haben wir selbst Superkräfte.

Was gerade unter Solo-Müttern außer Acht gelassen wird, ist, dass sie zum Zeitpunkt der Geburt ihres Kindes häufig nicht mehr so jung sind und ein dickes finanzielles Polster benötigen, um erfolgreich den Marathon mit Kind durchzustehen, bis es sich selbst versorgen kann. Es ist ebenso wenig eine Lösung, das Kind an Institutionen outzusourcen. Vollzeitarbeiten ist gelinde gesagt „Bullshit“. Kommt das Kind in die weiterführende Schule und hat keine Lust mehr auf Hortbetreuung, hat die Mutter keine andere Wahl, als mehr zu Hause zu sein und sich mit ihrem Spross auseinanderzusetzen, wenn sie nicht möchte, dass er nur noch vorm Handy hängt und zockt.

Und das ist lange nicht die einzige Baustelle. In einer Gruppe für Solo-Mütter postete eine Betroffene neulich: „Meine Tochter, gerade mal zwei Jahre alt, ist auf der Suche nach ihrem Papa. Wenn ich ihr erkläre, dass … es bei uns keinen Papa gibt, sagt sie: ‚Gibt doch!‘ und dann läuft sie durchs Haus und ruft: ‚Mein Papa, wo bist du?‘ Das macht mich echt fertig.“

Die Mutter einer Zweijährigen schrieb mir vor wenigen Tagen: „Ich bin Solo-Mama einer zweijährigen Tochter, und die letzten zwei Jahre haben mich absolut an meine Grenzen gebracht. Ich habe mir das niemals so krass vorgestellt und war sehr wenig vorbereitet, was es heißt, ein Kind zu haben. Es wird sowieso sehr wenig über die Schattenseiten gesprochen und darüber, wie hart es ist, es alles allein zu wuppen.“

Männer sind wichtig für Kinder ohne Väter

Die Dimension der alleinigen Verantwortung wird in Solo-Mama-Kreisen gern unterschlagen – genauso wie die Bedürfnisse des Kindes. Vor wenigen Tagen sagte meine Tochter zum ersten Mal, dass sie sich einen konkreten Mann als Vater vorstellen könnte. Es war der Freund einer Freundin, der sich ganz intensiv auf sie eingelassen und sie lange auf dem Rücken getragen hatte. (Auch das kann ich nicht. Sie ist längst zu groß und zu schwer.) Männer sind wichtig für Kinder ohne Väter, und eine wirklich befriedigende Antwort, warum bei ihnen diese Leerstelle ist, gibt es nicht. Unsere Kinder müssen damit leben lernen. Oder, härter gesagt, sie müssen es ausbaden.

Laut Studien sind diese Wunschkinder nicht stärker von seelischen Beeinträchtigungen betroffen als Kinder aus Paarbeziehungen. Noch dazu werden sie von Müttern in die Welt gesetzt, die sie um jeden Preis wollten, und wachsen in einem Klima auf, in dem sie maximal ersehnt sind. Aber haben sie Lust, die Sinnstifter ihrer In-die-Welt-Setzerinnen zu sein? Natürlich wünsche ich mir für mein Kind eine Gesellschaft, die bereit für die Einelternfamilie ist, kann aber selbst nach zehn Jahren niemandem dieses Konstrukt als erstrebenswertes Lebensmodell verkaufen.

Und jetzt zurück zum Unterhaltsvorschuss und meiner Meinung dazu: Mütter wie ich, die um jeden Preis ein Kind wollen, haben ihn vielleicht nicht verdient, doch die Kinder sind unschuldig an ihrer Situation. Andererseits kann es grundsätzlich nicht sein, dass der Sozialstaat die Finanzierung meines Lebensmodells übernimmt. Sicher, in Krisen, sicher bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit, aber eben nicht als einkalkulierter Brötchengeber. Ich bin unverändert eine liebende Mutter, würde meinen Schatz nie im Leben wieder hergeben, kann diese Familienform aber schon lange nicht mehr als Nonplusultra verkaufen – ob mit oder ohne Unterhaltsvorschuss.

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