Müssen Banknoten hässlich sein? Fragte schon Kurt Tucholsky. Der berühmteste Feuilletonist der Weimarer Republik wusste, wovon er sprach, schließlich hatte er sich während der Hyperinflation anno 1923 selbst in eine Banklehre geflüchtet, weg vom kargen Zeilengeld, hin zu den harten Devisen.

Tucholsky wusste, welches Papiergeld besser oder schlechter in der Hand lag. Er konnte erklären, warum „die neuen Banknoten meist noch dümmer aussehen als die alten“. Und woran es fast allen Geldscheinen mangelt: Ästhetik. Denn, so „Tucho“ unter seinem Pseudonym Peter Panter, überall begehen „die Herren Entwerfer“ den gleichen Fehler: Sie wollen etwas darstellen, das sich allegorisch lesen lässt, und füllen den kleinen Raum auf dem Blatt Papier notorisch überambitioniert aus: „Er soll wohl ein Bild ergeben, aber keine Bildchen“.

Was hätte Tucho wohl zum Euro gesagt? Sieht aus wie Spielgeld, dachten viele 2002. Dass die Währung eine ästhetische Totgeburt war, haftet dem Look & Feel ihrer Banknoten bis heute an. Fiktive Brücken, Fenster und Tore sollten den Geist europäischer Verbundenheit und Offenheit visualisieren. Bloß kein reales Bauwerk, nur keine Konkurrenz zwischen einzelnen Mitgliedstaaten, bloß nicht „Meine Rialto-Brücke“ gegen „meine Sainte-Chapelle“ oder „meine Porta Nigra“. So neutralisiert wie gewollt sehen die Scheine bis heute aus: seelenlos.

Neue Geldscheine sollen Europas Identität stärken

Jetzt will die Europäische Zentralbank (EZB) das ändern. Neue Geldscheine mit neuen Motiven sollen „unsere gemeinsame Identität stärken“, erklärt EZB-Präsidentin Christine Lagarde zu den Entwürfen, die kürzlich vorgestellt wurden – und führt aus: „Euro-Banknoten sind mehr als ein Zahlungsmittel – sie sind eine der greifbarsten Ausdrucksformen Europas.“ Und weil das so ist, zeigt die EZB den Bürgern im Euro-Bargeldverkehr künftig entweder den Vogel. Oder fährt historische Persönlichkeiten auf.

Die meisten der insgesamt zehn Entwürfe (A bis J) für die jeweils sechs Banknoten (mit den Werten 5, 10, 20, 50, 100 und 200 Euro) sehen gestalterisch eher billig und nach KI-Retorte aus. Zwei Motivserien stehen in jeweils fünf Varianten zur Abstimmung.

Die eine Motivreihe zeigt geniale Menschen aus den Sparten Gesang (Maria Callas), Komposition (Beethoven), Naturwissenschaft (Marie Curie), Schriftstellerei (Cervantes), Kunst (Leonardo da Vinci) und Frieden (Bertha von Suttner). Auf den Rückseiten sehen wir jeweils viele Menschen tanzen, lauschen, forschen, lesen, staunen und friedlich unterwegs sein.

Entwurf für neue Euro-Banknote: Vorderseite im Design CEntwurf für neue Euro-Banknote: Rückseite im Design C

Die andere Motivreihe überrascht, hat aber auch mehr Potenzial, Kulturkämpfe zu entfachen: Sie zeigt vorne Vögel (Mauerläufer, Eisvogel, Bienenfresser, Weißstorch, Säbelschnäbler und Basstölpel) und hinten EU-Institutionen. Möchte uns die EU mit dieser Kombination sagen, dass auch Parlament, Kommission, Zentralbank, Gerichtshof, Rat und Rechnungshof schützenswerte Biotope (der europäischen Idee) sind? Auf die Idee, sich behördlich selbst abzubilden, muss man erst einmal kommen. Hermeneutisch könnte diese Paarung als Hypothek gelesen werden: Lauter linksgrüne Habitate in Serie, werden EU-Feinde ätzen.

Die Grundfrage der neuen Geldscheine lautet demnach: Stärken wir unsere Identität mit Kultur oder Natur? Wird Cervantes gegen die Windmühlen kämpfen oder klagt ein Weißstorch vor dem Gerichtshof? Der neue Euro von der traurigen Gestalt blamiert sich vor allem mit den behördlichen Rückseiten.

Entwurf für neue Euro-Banknote: Europäische Zentralbank im Design HEntwurf für neue Euro-Banknote: Bienenfresser im Design HEntwurf für neue Euro-Banknote: Gebäude des Europäischen Rats im Design HEntwurf für neue Euro-Banknote: Säbelschnäbler im Design H

Farblich bleiben übrigens sämtliche Vorschläge dem vorgegebenen Schema der gegenwärtigen Euro-Banknoten treu. Ästhetisch sind auch Traditionen früherer und anderer Währungen ablesbar, so erinnert die hochformatige Bildausrichtung des Entwurfs G an die achte Banknotenserie des Schweizer Frankens. In Entwurf E schimmern Reminiszenzen der guten alten D-Mark durch.

Und Design F erweckt – wie erste Kunstkritiker schon bemerken – den Eindruck, das Gelddesigner-Büro habe im Auftrag der EZB einen Sommerausflug in die Grafikstiftung Neo Rauch nach Aschersleben unternommen.

Entwurf für neue Euro-Banknote: Leonardo da Vinci im Design F

Man möchte gar nicht wissen, wie viele Beamtenkommissionen über Motivfindung und Ausschreibung in jahrelanger Kleinarbeit bis hierher beraten haben. Wer sich auf der Homepage der EZB durch die Pressemitteilungen zum Prozedere klickt, könnte auf dem Weg zu Kafkas „Schloss“ jedenfalls nicht verwirrender Auskunft bekommen.

Tucholsky sah in jeder Banknote das ästhetische Versagen eines ganzen Apparates, nämlich „das Kunstideal jener Beamten, die über die Annahme der Entwürfe zu entscheiden haben“. Die EU möchte es jetzt also partizipativ angehen und uns alle zum Bestandteil des Apparates machen – zumindest konsultierend. Bis 21. September können Voten abgegeben werden, welches Papiergeld es in Zukunft sein soll.

Die EZB wertet das Voting dann bis Jahresende aus (komisch, beim Eurovision Song Contest geht das schneller). Das Votum der Bürger wird nicht bindend sein – weswegen manche auch schon von einer, haha, Schein-Abstimmung sprechen –, und in unsere Geldbeutel wandern die neuen Scheine nicht vor 2028.

Genug Zeit also für spöttische Memes wie jenes, das empfiehlt, weder Vögel noch Menschen zu zeigen, sondern Trinkflaschen, deren Verschluss sich nicht mehr abdrehen lässt, weswegen man als EU-Bürger heute nur noch eingeschränkt elegant einen Schluck zu sich nehmen kann, ohne das abzugeben, was auf Italienisch brutta figura heißt.

Genug Zeit auch, in der sich jeder EU-Bürger befragen kann, was für ein komischer Vogel er selbst ist: Bezahlt aus Bequemlichkeit immer seltener Cash, doch sein Geldautomatennetz will er so engmaschig wie eh und je erhalten wissen – und sein Bargeld als potemkinsches Bollwerk gegen digitale Finanzüberwachung soll bei alledem auch noch gut aussehen. Besser als jetzt jedenfalls allemal, wenn das Schlimmste vermieden wird.

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