Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im August lohnen sich – auch zur kritischen Lektüre – folgende Titel:
1. Christiane Hoffmann:
Die Träume, die wir hatten. Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich. C. H. Beck, 26 Euro*
Die Journalistin Christiane Hoffmann wurde 2022 mit einem Bestseller bekannt: Es war die Spurensuche nach ihrem aus Schlesien vertriebenen Vater („Alles, was wir nicht erinnern“). Auch ihr neues Buch ist wieder sehr persönlich gehalten. Man kann es als Plädoyer lesen, Russland als Zivilgesellschaft trotz Krieg und Putin nicht einfach abzuschreiben. Lesen Sie hier eine ausführliche Buchbesprechung.
2. Papst Leo XIV.:
Magnifica humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Enzyklika. Herder, 192 Seiten, 16 Euro*
Dieses päpstliche Lehrschreiben – das erste im Pontifikat von Leo XIV. – hat für reges Interesse gesorgt, denn natürlich ist die Katholische Kirche auch für diese Frage der Schöpfung zuständig. Als die päpstliche Enzyklika im Mai erschien, gab es diverse Einordnungen. Zur Einordnung der eigenen Lektüre empfohlen!
3. Asma Mhalla:
Cyberpunk. Das neue totalitäre System. Übersetzt von Stephanie Singh. C. H. Beck, 137 Seiten, 16 Euro*
Ihre Prognose sorgt in Frankreich für Furore: Asma Mhalla, Politikwissenschaftlerin und Ex-Investmentbankerin, sieht Big State und Big Tech verschmelzen. Der Kampfschauplatz: das menschliche Gehirn. Das Ziel: Unterwerfung. Lesen Sie hier mehr zum Essay der 1984 in Tunesien geborenen und heute in Paris lehrenden Asma Mhalla.
4. Jan-Werner Müller:
Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume. Suhrkamp, 267 Seiten, 24 Euro*
Jan-Werner Müller stellt überfällige Fragen an den Städtebau und untersucht – anhand von Fallbeispielen – exemplarische Orte, die Bürgern die Möglichkeit geben, sich gegenseitig wahrzunehmen.
5. Alain de Botton:
A Therapeutic Journey. Von der Kunst, schwere Zeiten zu bewältigen. Übersetzt von Karin Witthuhn und Sabine Längsfeld. Rowohlt, 400 Seiten, 25 Euro*
Niemand ist davor gefeit, im Leben nicht nur körperlich, sondern irgendwann auch psychisch zu erkranken. Der seit vielen Jahren bekannte britisch-schweizerische Publizist verlegt sich in seinem neuen Buch aufs Feld der mentalen Lebenshilfe. In zahlreichen Vignetten werden viele Fallbeispiele vorgeführt.
6. Andrea Stoll:
„Zwei Menschen sind in mir“. Ingeborg Bachmann. Piper, 480 Seiten, 26 Euro*
Schon 2013 erschien Stolls erste Bachmann-Biografie. Pünktlich zum Jubiläum legt die Expertin (u. a. Mitherausgeberin des Bachmann/Celan-Briefwechsels) eine überarbeitete Fassung vor. Wer Kino-Dokumentation, Gedenkartikel und Briefwechsel vertiefen will, wird bei Stoll bedient.
7. Augustine Sedgewick:
Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht. Übersetzt von Holger Hanowell. Reclam, 315 Seiten, 30 Euro*
Dieses Buch zeigt, wie berühmte Männer – Aristoteles, Augustinus, Heinrich VIII., Darwin, Freud – über die Jahrhunderte ein Verständnis von Männlichkeit, Macht und Fürsorge geprägt haben, das heute als Patriarchat bezeichnet wird. Der US-Historiker, der an der City University of New York lehrt, müht sich, dieses Patriarchat zu dekonstruieren. Er weiß ihm aber auch gute Seiten abzugewinnen.
8. Philip Manow:
Spaltungslinien. Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats. C.H. Beck, 173 Seiten, 18 Euro*
Dieses Buch ist weitgehend Fachlektüre, aber Politikern und Publizisten gerade deshalb zu empfehlen. Der in Siegen lehrende Politikwissenschaftler gehört zu den klügsten Beobachtern aktueller Entwicklungen – von der Verrechtlichung von Politik bis zum Aufstieg autoritärer Parteien.
9. Avner Ofrath:
Israel, Palästina, Deutschland. Versuch einer Entwirrung. Suhrkamp, 176 Seiten, 16 Euro*
Der an der Freien Universität Berlin lehrende Historiker Ofrath argumentiert, dass es seit dem 7. Oktober 2023 sehr viel schwieriger geworden sei, sich kritisch mit dem „Siedlerkolonialismus“ auseinanderzusetzen. Ofrath verwendet den Begriff in Anführungszeichen, weil man Israel und den jüdischen Kolonialismus nicht mit dem europäischen Kolonialismus gleichsetzen könne. Es scheint allerdings fraglich, wie sehr der postkoloniale Diskurs, der im Blick auf Israel global dominiert, überhaupt noch Wert auf Differenzierungen legt.
10. Klaus von Dohnanyi/Erich Vad:
Frieden – wie geht das? Westend, 126 Seiten, 22 Euro*
Wer Krieg führt, muss den Frieden danach bereits mitdenken – und darf den Gegner nicht mit jakobinischem Eifer vernichten wollen, wenn man ihn später noch als Verhandlungspartner braucht. Krieg und Frieden sind, wie Clausewitz festhielt, untrennbar miteinander verbunden. Ausgehend von dieser Prämisse, machen sich die beiden Autoren des Buches – Dohnanyi, der ehemalige Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg und Vad, der Bundeswehr-Brigadegeneral a. D. – Gedanken über ein Thema, das hierzulande seit dem russischen Überfall auf die Ukraine kontrovers diskutiert wird.
Die Extra-Empfehlung
Neben den zehn Favoriten der Jury kommt jeden Monat eine Extra-Empfehlung von einem Gast. Dieses Mal von Prof. Dr. Judith Kohlenberger (Wirtschaftsuniversität Wien). Sie empfiehlt:
Barbara Prainsack: Datenschlussverkauf. Solidarität in der digitalen Welt. Wagenbach, 128 Seiten, 18 Euro*
Barbara Prainsacks neues Sachbuch liefert eine Gebrauchsanweisung für eine bessere Datenwelt. Statt technokratischer Lösungen setzt die Politikwissenschaftlerin auf ein umfassendes Solidaritätskonzept: Daten müssen gerecht geteilt und verantwortungsvoll genutzt werden, um gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen und Missbrauch zu verhindern. Wer wissen will, wie Transparenz, Teilhabe und faire Regulierung die Kontrolle über die Datenstruktur zurück ins Gemeinwesen bringen können, findet hier ein stringentes, praxistaugliches Programm. (Judith Kohlenberger)
Die Jury der „Sachbücher des Monats“
Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, radio 3 vom rbb; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, Feuilleton-Frankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. – Die Redaktion der Jury-Voten liegt bei Andreas Wang.
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