Einen Provokateur stellt man sich anders vor. Laut polternd zum Beispiel. Wild gestikulierend. Oder schrill polemisierend, mit angriffslustigem Funkeln in den Augen. Doch Frank Castorf wirkt an diesem Nachmittag wie einer, der in sich ruht. Er spricht mit leiser Stimme, die Hände liegen ruhig auf dem Tisch. Der berühmte Theaterregisseur ist vor wenigen Tagen 75 Jahre alt geworden. Die Gratulationsartikel der Zeitungen würdigten ihn als Erneuerer des Theaters, als Meister der Dekonstruktion und als Erklärer des Ostens. Und als einen, der provoziert, wo er nur kann. „Provokation aus Prinzip“ lautet der Untertitel eines biografischen Buchs über Castorf. Ist der Theatermacher im Alter des Provozierens müde geworden?

Während sich die Touristen durch die Hackeschen Höfe schieben, auf der Suche nach einem Berlin, das es so nicht mehr gibt, sitzt Castorf in seinem Stammlokal. Das Jugendstilinterieur mit den braunen Lederbänken und den gediegenen Holzeinbauten schaut noch immer so aus wie vor über 100 Jahren. Vor sich hat er einen doppelten Espresso und ein Stück Pflaumenkuchen mit viel Sahne. Um Provokation sei es ihm nie gegangen, sagt er. „Ich wollte immer nur die Schönheit der Paradoxien entdecken, bis heute.“ So auch in seiner neuesten Arbeit: Am Berliner Ensemble probt Castorf zurzeit „Mephisto“. Mit dabei ist unter anderen Jens Harzer, der neue Schauspielstar am Schiffbauerdamm. Es ist die erste Zusammenarbeit der beiden.

Wenn Castorf über „Mephisto“ spricht, ist es ein ausufernder Trip durch den Stoff. Auf den ersten Blick wirkt das unverbunden, auf den zweiten Blick erkennt man das feine Netz aus Verweisen eines leidenschaftlichen Lesers. Oft hat man Castorf einen Stückezertrümmerer gescholten. Hinter seinen monströsen Bühnenarrangements mit allerlei Zitaten und Fremdtexten versteckt sich jedoch eine erstaunliche Texttreue. Es ist eine Treue zu den Paradoxien, die in den Texten stecken, die aber oft unter unzähligen Schichten von Konvention, Bequemlichkeit und Ignoranz begraben wurden. All das bricht Castorf auf, was oft viel brachialer wirkt, als es ist.

Für Castorf ist „Mephisto“ das perfekte Beispiel eines Buchs, über das sich heute alle einig sind. Castorf mag solche Einigkeit nicht. Er ist keiner, der mit den Wölfen heult. Viele Theater bringen dieser Tage den „Roman einer Karriere“ auf die Bühne. Meist als simples Zivilcouragelehrstück über einen angepassten und opportunistischen Schauspieler, der sich heute der AfD anbiedern würde. Man behauptet Aktualität („Es ist 5 vor 1933!“), man fordert Haltung („Klare Kante gegen rechts!“) und der Stoff dient mehr oder weniger bloß der Illustration. „Aktualität ist das Furchtbarste und Langweiligste im Theater“, sagt Castorf dazu. „Ein Schauspieler ist ein Opportunist? Oh Wunder.“

„Es ist so einfach, sich heute hinzustellen und zu verkünden: Wenn die Zeiten sich wiederholen, stehe ich auf jeden Fall auf der richtigen Seite der Geschichte“, sagt Castorf weiter. „Gerade Leute aus der Kunst sollten da besser vorsichtig sein.“ Die Spiele der Gegenwart in den Kostümen der Vergangenheit, das interessiert Castorf nicht. „Was mich interessiert, ist Geschichte“, sagt er. Mit „Mephisto“ setzt er seine Reihe mit Stücken über die späten 1920er und frühen 1930er Jahre am Berliner Ensemble fort. Vor zwei Jahren brachte er Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ auf die Bühne, davor Erich Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Klassiker der Wirtschafts- und Demokratiekrisenliteratur.

Hadern mit dem Antifaschismus

Der Regisseur hat sich warmgeredet. Am anderen Ende des Saals im Restaurant stößt eine Geburtstagsgesellschaft lautstark an und singt „Happy Birthday“. Unbeeindruckt von dem Trubel, spricht Castorf – noch immer sehr leise – weiter. Es ist ein allmähliches Verfertigen dramaturgischer Gedanken beim Reden, ein mäandernder Essay durch die Literatur- und Kulturgeschichte. Er spricht über die tragische Lebensgeschichte von Klaus Mann, das schwierige Verhältnis des ältesten Sohns zum Übervater Thomas Mann, die Homosexualität, die Drogensucht und den Selbstmord in Cannes, mit nur 42 Jahren. Und er schwärmt ebenso von István Szabós berühmter „Mephisto“-Verfilmung mit Klaus Maria Brandauer wie auch von der legendären Inszenierung von Ariane Mnouchkine in Paris, die den Roman wie ein Stück von Anton Tschechow auf die Bühne brachte.

Bei Mann heißt es, dass sein Roman nur Typen darstellen würde. „Ich mache es genau umgekehrt“, sagt Castorf. „Ich versuche, die Charaktere zu entdecken, nicht die Typen zu bebildern.“ Besonders fasziniert ihn der Charakter des Autors Klaus Mann selbst. Ein engagierter Schriftsteller, der in den 1930ern literarisch und politisch zwischen die Fronten der französischen Surrealisten und sozialistischen Realisten gerät. Ein überzeugter Antifaschist, der nach der Ermordung der SA-Führung um Ernst Röhm mit dem offiziellen Antifaschismus hadert. Denn die kommunistische Presse bezeichnet die Homosexualität damals immer öfter als Wesensmerkmal des Faschismus. „Rottet die Homosexualität aus – und der Faschismus verschwindet“, zitiert Maxim Gorki in der „Prawda“ ein sarkastisches Sprichwort – stellvertretend für diese zynische Haltung.

Frank Castorf (75)

In einem wütenden Artikel wendet sich Mann gegen seine Genossen. Er kritisiert einen Antifaschismus, der latente Vorurteile auszunutzen versucht. In „Homosexualität und Faschismus“, so der Titel, nennt der Schriftsteller die Schwulen den Sündenbock der Linken, die Juden der Antifaschisten. Die Linke müsse klüger sein, als Nazis als Schwule oder „Päderasten“ zu diffamieren. Auch werde Hitler von kleinbürgerlichen Frauen hysterischer geliebt als von schwulen Männern. Und überhaupt: Hitlers Aufstieg sei ökonomischen Tatsachen geschuldet, so Mann. „Es ist eine gefährliche Tendenz, die Massen durch niedere Instinkte erreichen zu wollen, sei es auch in bester Absicht“, sagt Castorf.

Einerseits wehrt sich Mann gegen einen verkürzten Antifaschismus, erzählt Castorf. Andererseits betreibt er schonungslose Selbstanalyse. Wie sein Vater, der vom „Bruder Hitler“ sprach, sucht auch Klaus Mann fast obsessiv nach Spuren, die auf ein Verwandtschaftsverhältnis zu den Nazis hinweisen, und begibt sich auf die Suche nach dem Nazi in ihm selbst. Sein „Bruder Röhm“? Mann fragt sich, ob er als Vernunftantifaschist dem eigenen Begehren und Verlangen trauen kann. Gibt es nicht doch etwas, das von Sadomasochismus, Uniform- oder Stiefelfetisch bis zur SA führt? „Wie radikal sich Klaus Mann selbst infrage gestellt hat, ist wirklich sensationell“, sagt Castorf. „Das ging bis in die eigene Triebstruktur.“

Da ist sie wieder, die Schönheit der Paradoxie in der Zerrissenheit von Klaus Mann, in seiner radikalen Selbstbefragung und der Abweichung von der offiziellen Doktrin des Antifaschismus. Ist das aktuell zu nennen? Oder eher unzeitgemäß? „Heute kriegt man immer schnellere Antworten. Niemand macht mehr einen Weg wie Mann, der sich bis zu dem Punkt befragt, wo es schmerzhaft wird. Das kann man nicht googeln, da hilft auch kein Faktencheck“, sagt Castorf. „Man muss das Teuflische in sich selbst wissen.“ Zu der Paradoxie gehört auch, dass Mann die Homosexualität in seinem Roman camoufliert und stattdessen eine exotische „Schwarze Venus“ eingefügt hat – um den verfeindeten Anverwandten Gründgens zu schützen, wie Castorf vermutet.

Denken ohne Geländer

Castorf geht in seiner Inszenierung über den 1936 erschienenen Roman hinaus, bis 1946. Da sitzt Klaus Mann, der in der US-Army gegen Hitler-Deutschland kämpfte und noch die Uniform trägt, im Theater. Auf der Bühne steht Gustaf Gründgens, der bei seinem ersten Auftritt nach 1945 frenetisch bejubelt wird. Mann fragt sich: Können die Deutschen sich ändern? Und falls ja, wie? Wird man sich das auch wieder fragen, wenn Mitte September die Premiere ist, genau zwischen den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt einerseits und Mecklenburg-Vorpommern und Berlin andererseits? Der Sieger scheint bereits vorab festzustehen: die AfD. „Die AfD wird man nicht mit der militanten Einheit der ‚Omas gegen rechts‘ aufhalten“, sagt Castorf. Solange niemand die Systemfrage stellt, werde das auch so bleiben.

Es wirkt nicht so, als wollte Castorf irgendjemanden provozieren. Außer zum Denken ohne Geländer vielleicht. Vor den Endproben geht es für den 75-Jährigen am nächsten Morgen in den Urlaub nach Griechenland. „Es ist ein Privileg, im Alter nicht nur an Tabletten zu denken, sondern an Arbeit“, sagt Castorf. „Ich hatte in meinem Leben eigentlich immer Glück. Selbst die Verbote in der DDR waren eine Einstiegsdroge zum Erfolg.“ So klingt jemand, der ohne Groll zurückschaut. Nur eines will Castorf doch klarstellen: Dass der neue Volksbühnenintendant, sein ehemaliger Chefdramaturg Matthias Lilienthal, nun vor dem Theater ein Schwimmbad aufstellt, geht nicht – wie immer wieder kolportiert – auf Ivan Nagel, sondern auf ihn zurück. Anfang der 1990er-Jahre habe er gesagt: „Wenn wir keinen Erfolg haben, können wir den Kindern der Stadt Berlin ein Schwimmbad schenken.“

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