Kaum ein anderes Buch des 20. Jahrhunderts hat einen so tiefen, so lang anhaltenden Einfluss auf die anglo-europäische Ideengeschichte gehabt wie „Orientalismus“ von Edward Said, das 1978 in den Vereinigten Staaten erschien. Said, ein christlicher Araber, der in Jerusalem geboren wurde und in Kairo aufwuchs, war eigentlich Anglist, kein Kenner der Geschichte des Nahen Ostens.

In „Orientalismus“ machte er sich daran, eine ganze Forschungsdisziplin zu demontieren: die Orientwissenschaften, wie sie seit dem 18. Jahrhundert an verschiedenen europäischen Instituten – vor allem in Frankreich und Großbritannien – betrieben wurden.

Nach Edward Said basierte diese gesamte Forschungsrichtung auf dem Wunsch, den Orient als fremdes Ganzes zu konstruieren, ihn – mal mehr, mal weniger subtil – herabzuwürdigen und zu unterwerfen. Dieses akademische Fach, so Said, sei vom europäischen Kolonialismus gar nicht zu trennen; die Orientalisten hätten sozusagen in die Trompeten gestoßen und auf die Pauke gehauen, während neben ihnen französische, britische und amerikanische Heere marschierten.

Said hat mit seinem Buch nicht nur ein neues akademisches Fach begründet, die postkolonialen Studien (mit ihnen wurde seine These auf andere Erdteile, vor allem Afrika, ausgeweitet); sein Buch hat auch eine Denkfigur begründet, die sich später für die akademische Linke als äußerst nützlich erwies. Es war die Idee, gewisse Forschungsgegenstände seien gar nicht real, sondern in übler Absicht herbeifantasiert. Denken wir nur an die Bücher, die in jüngster Zeit nachweisen sollten, die DDR sei vom Westen nach 1989 nicht etwa vorgefunden, sondern erfunden worden.

Edward Saids Buch wurde 1978 nicht nur mit Jubel begrüßt. Es wurde auch heftig kritisiert – in erster Linie, wen wundert’s, von Vertretern der Orientstudien. Häufig arbeitet Said mit durchsichtigen sprachlichen Tricks: Für ihn war etwa jeder, der das Arabische beherrschen will, auch von dem Wunsch getrieben, Araber zu beherrschen. Lesern aus dem deutschen Kulturraum musste auch auffallen, dass in „Orientalismus“ eine Leerstelle klaffte: Die (vor allem deutsche) Tradition, dem Orient mit Neugier und Sympathie zu begegnen, kam bei ihm schlicht nicht vor. Als habe es nie Goethes „West-östlichen Divan“ gegeben; als habe Friedrich Rückert nie den Koran übersetzt. Und war Lessings „Nathan der Weise“ etwa ein Ausdruck imperialen Begehrens?

Jetzt zieht eine Ausstellung im Metropolitan Museum in New York – „Orientalism: Between Fact and Fantasy“ – Edward Saids These von 1978 endgültig den Teppich unter den Füßen weg. Ob das wohl die Absicht der Kuratoren war?

Jean-Léon Gérôme: „Bashi-Bazouk“

Ein Bild, das in dieser Ausstellung gezeigt wird, scheint diese These zwar mustergültig zu illustrieren. Es stammt von dem im 19. Jahrhundert sehr berühmten französischen Maler Jean-Léon Gérôme und zeigt Napoleon bei seinem Feldzug in Ägypten. Der Kaiser der Franzosen trifft auf die Sphinx, die noch halb im Wüstensand verschüttet liegt; die Sphinx und der Kaiser blicken einander an; beide schweigen. Im Hintergrund marschiert ameisenklein Napoleons Heer. Da ist er also: der westliche Blick, den Said meinte, das stumme Starren auf das exotische Andere, das ihm wehrlos ausgeliefert ist.

Allerdings war da auch noch die Sache mit der Alhambra. Für viele Europäer und Amerikaner, die in den Nahen Osten aufbrachen, war die Alhambra im spanischen Granada der erste Stopp. Und das hatte unerhörte kunstgeschichtliche Folgen. Das Metropolitan Museum stellt ein wunderbares Stück Kitsch aus – einen blumig-bunten Sockel aus Keramik, hergestellt von der schwedischen Firma Rörstrand im späten 19. Jahrhundert, der eindeutig von den Säulen der Alhambra inspiriert ist.

Gleich daneben macht ein Videofilm klar: Dieser Sockel steht als Einzelstück für einen weltweiten Trend. Zahlreiche Prachtbauten von Mitteleuropa über Mexiko bis Peru wurden nach dem Vorbild der Alhambra errichtet; auch jedes jüdische Gotteshaus im „maurischen Stil“, etwa die von Gottfried Semper erbaute Dresdner Synagoge, die 1938 von den Nazis verbrannt wurde.

Wer kolonisiert da wen? Wo ist die Herabwürdigung? Man ahmt nicht nach, was man nicht schätzt.

Osman Hamdi Bey: „Straßenszene aus Istanbul“

Komplett ad absurdum geführt wird Edward Saids These in einer Lithografie von Rodolphe Bresdin. Sie zeigt eine bekannte Szene aus dem Neuen Testament, die Rettung eines Hilfsbedürftigen durch einen barmherzigen Samariter. Nur ist der Hilfsbedürftige hier ein Christ; und der gute Samariter ein Muslim. Genauer: Auf Bresdins Lithografie wird Emir Abd el-Kader abgebildet, ein islamischer Gelehrter. 1830 wurde er zum Anführer des antikolonialen Kampfes gegen die Franzosen in Algerien. Als Retter eines Christen erscheint der Emir hier, weil er 1860 in Damaskus – wo er im Exil lebte – die christliche Gemeinde vor einem muslimischen Pogrom rettete.

Rodolphe Bresdins Lithografie zeigt uns einen Edlen mit Turban, der sich über einen Nackten beugt; daneben ein Kamel. Wo ist hier die von Said beklagte europäische Verachtung? Abd el-Kader war ein Gegner des Kolonialismus; hier wird er mit Respekt, ja Liebe behandelt. Wenn das Orientalismus ist, dann bitte mehr davon.

Der eigentliche Held dieser Ausstellung ist Osman Hamdi Bey, ein Archäologe und Maler (1842–1910), der Einblicke in die Lebenswelt des osmanischen Reichs gewährte. Ein Selbstporträt zeigt ihn als bärtigen Korangelehrten eines früheren Jahrhunderts, der in einem gelben Umhang und mit einem weißen Turban auf einem Teppich kniet; die Denkerstirn hat er in die Hand gestützt, vor ihm liegt das heilige Buch aufgeschlagen auf einem kunstvoll geschnitzten Gestell.

Leider gehen die Kuratoren der Ausstellung mit keinem Wort darauf ein, dass Osman Hamdi Bey sich mit einem solchen Kunstwerk souverän über das sunnitische Abbildverbot hinwegsetzte. Auch wäre zumindest erwähnenswert gewesen, dass Osman Hamdi Bey griechischer Herkunft war, was er selbst immer stolz betont hat. Sein Vater, ein Großwesir des osmanischen Reichs, war ein Überlebender des Massakers auf der Insel Chios anno 1822, als das osmanische Heer Tausende griechische Aufständische niedermetzelte.

Die Kuratoren betonen in ihrem Kommentar, dass Osman Hamdi Bey seine Szenen nicht als westlicher Beobachter von außen, sondern quasi von innen heraus malte, umgeben vom warmen Schein der Zuneigung. Gewiss. Aber dieser Insider schloss eben mehrere Identitäten in sich: Er war das Produkt eines Vielvölkerreiches, das Malen hatte er von den Franzosen gelernt, er war offenbar gläubiger Muslim, aber auch ein Angehöriger der europäischen Moderne des 19. Jahrhunderts.

Amerikanischer Rosenwasser-Sprenkler im orientalischen Stil, ca. 1896–1900.

Vielleicht das lehrreichste Ausstellungsstück ist eine Vitrine, in der Holzschuhe stehen, wie sie von Frauen im Hamam getragen wurden – unglaublich hohe Holzschuhe mit Intarsien aus Silber und Perlmutt; man stöckelte auf zwei Holzstegen, einem vorn, einem hinten, über die Kacheln des Bades, damit die Füße nur ja trocken blieben. Daneben ein Paar elegante amerikanische Damenschuhe aus den Zwanzigerjahren, wie sie damals von reichen Frauen in Istanbul getragen wurden. Daneben ein Sonnenschirm, der sehr orientalisch aussieht, aber aus Europa stammt.

In dieser Vitrine zeigt sich die komplizierte Wahrheit, die von der simplen These des Literaturwissenschaftlers Edward Said überdeckt wird: Orient und Okzident haben einander seit Jahrhunderten durchdrungen und befruchtet. Es gab Krieg und Kolonialismus, ja, aber es gab auch Bewunderung und Nachahmung – auf beiden Seiten. Das Bild des Orients, das der Westen sich machte, war mindestens ebenso sehr von Idealisierung wie von Verachtung bestimmt.

Es ist kein Zufall, dass die Kuratoren ihre Ausstellung quasi auf einem Grenzland platziert haben: nämlich zwischen den Räumen für europäische Malerei und der Abteilung für die Kunst der islamischen Länder. Es geht hier also um kulturelle Aneignung. Diese Ausstellung widerlegt nicht nur Edward Saids These; sie beweist nebenbei auch, dass kulturelle Aneignung für die Kunst ein Segen ist.

„Orientalism: Between Fact and Fantasy“, bis 28. Februar 2027, Metropolitan Museum of Art, New York.

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