„Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen.“ Das klassisch-gültige Goethe-Zitat zum Streichquartett, eine der dauerhaftesten und vitalsten Gattungen der abendländischen Musikgeschichte, die ihre erste Hochblüte im späten 18. Jahrhundert erfuhr und bis heute aktuell ist, ausschlägt und gedeiht.

Selbst der Dichterfürst hatte schon erkannt: Da steht die göttliche Harmonie meisterlicher Musik, welche Homogenität bei gleichzeitiger Individualität der Stimmen als fragile Balance vorführt, der irdischen Tatsache gegenüber, dass sie von vier Menschen gemacht wird, die unvollkommen sind, Macken haben und womöglich gerade – durch die zwanghafte Vereinigung im Namen der Töne über Jahrzehnte hinweg – einander schon sehr lange nicht mehr riechen können.

Und so vielfältig wie klischeesatt sind eben die Anekdoten über Streichquartett-Mitglieder, die sich aufs Blut hassen, in verschiedenen Flugzeugen und Hotels auf Tour gehen, um einander nur kurz vor dem Konzert begegnen zu müssen. Bis es irgendwann nicht mehr geht, das längst nicht mehr glücklich klingende Kleeblatt, wo bisweilen schon einzelne Mitglieder aus den unterschiedlichsten Gründen ausgetauscht wurden, sich in Disharmonie auflöst, um vielleicht wenigstens ein legendäres Nachleben zu führen.

Auch der Film hat diesen Topos immer wieder aufgegriffen, 2012 etwa gleich zweifach in Dustin Hoffmans „Quartet“ (mit Maggie Smith und Michael Gambon, auch wenn es da um vier verrentete Sänger geht) und in Yaron Zilbermans „Saiten des Lebens“ (mit Philip Seymour Hoffman, Christopher Walken und Catherine Keener).

Und jetzt setzt „Der Klang der Stradivari“ von Grégory Magny mit diesem Ansatz seinen Auftakt. Wobei der unkorrekte deutsche Titel in die Irre führt. Im Original „Les Musiciens“ geheißen, geht es hier nicht um „eine“ oder „die“ Stradivari. Die dient nur als Metapher. Doch vier der noch etwa 600 vorhandenen Instrumente von Antonio Stradivari (1648–1737), der als Spitzenverfertiger der bis heute florierenden Cremoneser Streichinstrumentebauerzunft gilt, spielen eine Nebenrolle: Der fiktive Quartettsatz „San Domenico“, vier Instrumente, alle aus dem gleichen Baumholz gehobelt und dann mystisch verfeinert, wurde zu allerhöchstem Klangzauber.

Paradies der Artefakte

Astrid (Valérie Donzelli), Tochter eines schwerreich verstorbenen, musikliebenden Baufirmenbesitzers und Chefin der schöngeistigen Familienstiftung, hat auch gegen den Widerstand des nur merkantil denkenden Bruders geschafft, was ihrem Vater versagt blieb: das noch fehlende Cello der Instrumentenfamilie zu erwerben. Über zehn Millionen Pfund hat es gekostet. Ein Schnäppchen, denn gerade wurden, sehr real, wohl über 30 Millionen Euro von einem Freundeskreis aufgebracht, um für den Vorspieler der Berliner Philharmoniker eine der besonders seltenen Stradivari-Bratschen zu erwerben.

Aus dem komplettierten Stradivari-Quartett entwickelt sich nun eine federleichte, nicht sonderlich überraschende, aber sehr stimmige Geschichte über sehr unterschiedliche Musiker, die, von Astrid ganz bewusst ausgewählt, als Vierer auf Zeit nun zusammenkommen, um für ein Konzert und eine Aufnahme ein eigens komponiertes, noch nie gespieltes Streichquartett zu üben und einzuspielen. Feinsinnig streicht die Kamera von Pierre Cochereau durch das eigens für die Instrumente errichtete Herrenhaus, ein Paradies der Artefakte. Aber auch ein Kerker für die hier eingehegten Egos der Spieler. Die Stradivaris liegen unschuldig-rein und vollkommen, aber stumm in ihren Vitrinen und Kästen. Doch sie entflammen die Temperamente derer, die ihnen nun die Töne zu entlocken suchen, bis zum Lodern.

Vier Hölzer für ein Halleluja: „Der Klang der Stradivari“

Die da sind: der extrovertiert-arrogante George Massaro (Mathieu Spinosi, Sohn des Geigers Jean-Christophe Spinosi) an der ersten Violine, der zurückhaltend-korrekte und blinde Peter Nicolescu (Daniel Garlitsky) an der zweiten. Der wiederum hatte mal was mit der Cellistin Lise Carvalho (Marie Vialle). Und dann ist da noch die junge Bratschistin Apolline Dessartre (Emma Ravier). Die hat ihre Karriere über Social Media gestartet, posiert auch mal spielend im Badeanzug und schießt Selfies in Serie. Sie ist das Hassobjekt der anderen, die in nur einer Probenwoche ihre Harmonie zumindest musikalisch behaupten müssen.

Als das so gar nicht funktioniert, Fetzen und Funken fliegen, sogar eines der kostbaren Instrumente fast zu Bruch geht, wird der längst der Welt abhanden gekommene Komponist Charlie Beaumont (Frédéric Pierrot) des besagten Streichquartetts als hoffentlich Wunden heilender Fünfter an Bord geholt. Der hat sein 25 Jahre altes Opus längst vergessen, fremdelt mit seiner eigenen Musik. Aber irgendwie löst sich dann doch der Knoten aus Eitelkeiten und alten Rechnungen, beim einen im kaputten Whirlpool, beim anderen im Kopf. Die Interpreten inspirieren den Schöpfer, man verliert sich sogar improvisierend in amerikanischer Folkmusik statt europäischer Avantgarde.

Das wird flott und einnehmend gespielt, schnurrt sanftmütig wie temperamentvoll ab. Die Akteure, die alle auch Musiker sind, überzeugen so wie das eigens vom Filmkomponisten Grégoire Hetzel beigesteuerte Quartett. Sogar Apolline wird akzeptiert, weil ihr Klang ehrlich ist. Und am Ende ereignet sich, was für jedes Streichquartett die Essenz ist: Man hört einander voller Vertrauen zu. Denn wie sagt Komponist Charlie: „Ich habe angefangen, Musik zu machen, weil ich von der Sprache so genervt war.“

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