Das Buch ist schmal und unscheinbar. Grauer Pappband, kein Schutzumschlag, ein nüchterner Rücken – man könnte es für ein Gebetsbuch halten. Auf dem hinteren Deckel prangt ein Signet: eine kleine Kirche, überragt von einem aufgerichteten Schwert. Darüber steht, in schlichter Antiqua, der Satz: „Da alles in der Welt aus der Berührung von Gut und Böse hervorgeht, wird der Ausgang des Krieges von Gott bestimmt, und es siegt derjenige, der auf der Seite des Lichts steht. Unsere irdische Berufung ist es, Krieger des Herrn zu sein.“
Der Titel kennt keine Umschweife: „Der Krieg. Jenseits der sichtbaren Ursachen und Folgen“. Sein Autor ist Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche; offiziell erschienen ist der Band am 28. Juli 2026, dem Fest der Taufe der Rus.
Zu bekommen ist er kaum. Er erscheint allein im Verlag des Moskauer Patriarchats, verkauft wird er über dessen eigenen Onlineshop – 750 Rubel (knapp acht Euro), Alterskennzeichnung „12+“ – in keiner regulären Buchhandlung, in keinem westlichen Versand. Wer ihn lesen will, muss ihn sich beschaffen wollen; schon das gehört zur Botschaft. Dieses Buch sucht keine Zweifler. Es spricht zur eigenen Gemeinde, und es spricht deren Sprache.
Kirche und Schwert, ineinander geprägt – das Signet nimmt vorweg, was die mehr als zweihundert Seiten ausbuchstabieren. Der Kulturwissenschaftler Jan Lewtschenko hat auf den logischen Bruch im Deckelsatz hingewiesen: Das vermeintlich kausale „da“ behauptet einen Grund, wo keiner ist. Warum sollte aus der „Berührung von Gut und Böse“ folgen, dass Gott den Kriegsausgang bestimmt? Der Satz ist bloße Beschwörung, das Verfahren des ganzen Buches.
Die zentrale These steht bereits auf Seite fünf. Denn das erste Kapitel, „Der metaphysische Kampf“, ist Wort für Wort die Predigt, die Kyrill am 6. März 2022 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale hielt, elf Tage nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine: „Es geht nicht um Politik, sondern um etwas anderes und weit Wichtigeres. Es geht um das Heil des Menschen.“ Und dann der Satz, aus dem der Titel erwächst: „Wir sind in einen Kampf eingetreten, der nicht physische, sondern metaphysische Bedeutung hat.“
Kyrill im Juli 2026 beim Gottesdienst in MoskauWorin diese „metaphysische“ Bedeutung besteht? Im Kulturkampf. Kyrill nannte schon in der Christ-Erlöser-Kathedrale einen konkreten Prüfstein westlicher Zumutung: „Der Test ist sehr einfach und zugleich schrecklich – es ist die Gay-Pride-Parade.“ Ausgerechnet am Vergebungssonntag predigte er: „Vergebung ohne Gerechtigkeit ist Kapitulation und Schwäche.“
Kyrills Prosa ist die der Kanzel: kreisend, wiederholend, jede Behauptung mit einem Schriftvers besiegelt. „Auf dass sie Dich erkennen, den wahren Gott“ setzt die Prämisse, die alles Weitere trägt: „Mit dem Ende des physischen Lebens endet das menschliche Leben nicht.“ Wenn der Tod nicht das Ende ist, verliert das Sterben sein Gewicht – eine Bemerkung, die harmlos klingt, bis man sie neben die Rekrutierungsplakate hält, auf denen dieselben „Krieger des Herrn“ für den Kriegsdienst werben.
Das Kapitel „Das geistliche Wesen des Patriotismus“ definiert die Vaterlandsliebe nach Kyrill. Sie sei „vor allem Treue zum göttlichen Plan über dein Land und dein Volk“ – ein Volk könne nämlich „sowohl sein Land als auch seine eigene Seele verraten“. Dann wird der Opfermythos des Großen Vaterländischen Krieges bruchlos in die Gegenwart verlängert: „Die ungeheuren Opfer, die wir gebracht haben, retteten die Welt“, heißt es im Kapitel „Der Sieg am Rande des Unmöglichen“.
Im Kapitel „Der Krieg gegen das ins menschliche Leben eingelassene Böse“ ruft der Patriarch dann den Erzengel Michael als Zeugen auf, denn der habe „den ersten Sieg über das Böse“ errungen – wonach sich für Kyrill jede Verhandlung theologisch verbietet: „Ein Kompromiss“ zwischen Gut und Böse sei „unmöglich“. Wo der Gegner das Böse verkörpert, wird Frieden zum Verrat.
Am meisten Aufmerksamkeit hat ein Kapitel auf sich gezogen, das schon der Klappentext nennt: „Der rassische Aspekt des Krieges“. Man erwartet das Schlimmste – und liegt falsch, jedenfalls im Text. Kyrill rahmt den „rassischen Aspekt“ antirassistisch: Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hätten die Menschheit gezwungen, „die Probleme des Rassismus und des Kolonialismus“ neu zu sehen. Gegen Ende des Bandes kehrt dieses Motiv wieder: „Es gibt auf Erden keine ‚höheren Rassen‘, denn wir alle sind Kinder Gottes“, die „vollständige Überwindung des Nazismus und Neonazismus“ sei eine „wahrhaft universale“ Aufgabe. Das ist die russische Entnazifizierungs-Erzählung in geistlichem Gewand: Russland als antifaschistische Macht.
Daneben ist eine von Swetlana Schtschibljowas geschaffene Ikone zu sehen, die unter der schwebenden Gottesmutter die gefallenen Donbass-Milizführer „Giwi“ (Michail Tolstych) und „Motorola“ (Arsen Pawlow) mit ihren Kämpfern zeigt. Neben der Absage an „höhere Rassen“ prangt die Heiligsprechung zweier Separatistenführer.
Wohin die Reise geht, sagt das Kapitel „Die metaphysischen Grenzen Russlands“ am deutlichsten. „Russlands Grenzen sind nicht nur seine geografischen Grenzen“, schreibt Kyrill; gemeint seien „sittliche Schranken, hinter die wir nicht zurückweichen können und dürfen“. Grenzen, die nicht auf der Karte stehen, enden nirgends, „gerade die Kirche“ sei „in irdischer Perspektive die Brücke“.
Wohlgemerkt: Schon im Titel seiner Schrift hat der Patriarch versprochen, den Krieg „jenseits des Sichtbaren“ zu erklären. Zwei Tage bevor das Buch erschien, hat Kasachstans Präsident Tokajew Wladimir Putin in Omsk ins Gesicht gesagt, die Natur des Krieges gegen die Ukraine sei „nicht ganz verständlich für viele, uns eingeschlossen“. Genau hier ist Kyrill willens, auszuhelfen: Sichtbare Gründe gebe es nicht, weil die wahren im Metaphysischen lägen. So wird die Sinnlosigkeit des Tötens zum Gottesbeweis umgemünzt – und die Kirche zur einzigen Instanz, die diesen Krieg noch zu deuten weiß.
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