Kann ein Horrorfilm feministisch sein? Oder steht das Genre so knietief in Frauenblut, dass es kein noch so emanzipatorischer Ansatz mehr daraus befreien kann?

Der in Cannes gefeierte und jetzt im Kino anlaufende Meta-Horrorfilm „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ stellt sich diese Frage. Horrorfans sollten gewarnt sein: Jane Schoenbruns Slasher-Parodie, an deren Drehbuch Brad Pitt mitschrieb, kommt so verspielt, selbstreflexiv und clever daher, dass sich kaum Gruselgefühle einstellen. Der ästhetisch an „Stranger Things“, inhaltlich an „Scream“ und weltanschaulich an „Titane“ anschließende Film passt eigentlich besser ins Curriculum eines Gender-Studies-Seminars an der New York University als in einen vollbesetzten Kinosaal. Und trotzdem – oder gerade deshalb – wirkt er so gelungen.

Ganz allein im dunklen Wald: Kris (Hannah Einbinder)

Es ist schwer, zu vermitteln, was den Reiz dieses seltsamen Wunders von einem Film ausmacht: Auf dem Papier klingt es ja eher öde, dass man hier schon wieder Filmemachern beim Filmemachen zusehen soll. Die queere Regisseurin Kris (Hannah Einbinder) fährt an den Drehort der fiktiven Slasher-Reihe „Camp Miasma“, um dort zu recherchieren und das ehemalige „final girl“ des ersten Films, die inzwischen 60-jährige Billy Presley (Gillian Anderson), für die Fortsetzung zu gewinnen.

Rasch entsteht zwischen den beiden Frauen eine Verbindung, die den professionellen Rahmen sprengt und den Filmdreh in den Hintergrund rücken lässt: Von nun an gilt es herauszufinden, wie Kris, die in einer polyamoren Beziehung mit einer Frau lebt und sich mit Sex generell schwertut, endlich einen Orgasmus erleben kann. Spoiler: Sie muss sich beim Akt vorstellen, ein Killer würde sie, die als unschuldiges Mädchen in Unterhose und T-Shirt mit wackelnden Brüsten davonläuft, verfolgen und schließlich abstechen. Tod und Orgasmus fallen in eins.

Kris reflektiert ihre unkonventionellen Fantasien durchaus: Haben die Horrorfilme, die sie als Kind gesehen hat, ihre Psyche so geprägt, dass ihr Begehren nie wieder unabhängig davon funktionieren kann? Der Einsatz von Horrorfilm-Formeln als Masturbations-Vorlage erscheint als die größte vorstellbare Hommage und Absage an ein Genre zugleich.

Zwischen Faszination und Entsetzen: die Regisseurin und der Star

Von den zwei Möglichkeiten, wie der Horrorfilm feministisch zu rehabilitieren wäre – entweder man kehrt das Machtverhältnis um, macht die Frauen zu Tätern und die Männer zu Opfern, oder aber man tut so, als wäre das bestehende Machtverhältnis auch im Interesse der Frauen, da sie aus ihrer Ohnmacht immerhin eine perverse Form der Lust ziehen können –, wählt Schoenbrun letztere Option. Für die einen mag das progressiv anmuten, für die anderen vielleicht eher zynisch.

„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist weder Horrorfilm noch Satire, weder Genre-Studie noch psychoanalytisch überexplizite These, weder Nostalgie-Liebhaber-Projekt noch Dekonstruktion einer ganzen Filmtradition. Vielmehr ist es eine aufsehenerregende Mischung aus all diesen Dingen zugleich, ein nerdiges, kinky Experiment, eine Bewegung hin zur Befreiung des Kinos aus steifen Konventionen, seien es solche des Genres, des Geschlechts oder des guten Geschmacks.

Der Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ läuft ab dem 20. August 2026 im Kino.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.