Es gibt zwei Arten von Tradwives, also Frauen, die das traditionelle Modell des Rückzugs in den Haushalt wählen. Was sie gemeinsam haben: Sie backen Sauerteigbrot, flechten Blumenkränze und schütteln Daunendecken. Was sie unterscheidet, ist der Weg, wie sie dorthin gelangt sind. Die einen träumen schon seit Kindheitstagen von der Hochzeit in Weiß, dem im Landhaus herumspringenden Nachwuchs und dem Ausstieg aus der Tretmühle der Erwerbsarbeit.

Interessanter ist die zweite Gruppe. Sie besteht aus denjenigen, für die solch ein Leben nie infrage kam. Sie studieren, legen sich einen dieser Berufe zu, die man erfüllend nennt, pflegen bereichernde Freundschaften und genießen die Freiheit des Alleinwohnens. Bis sie dann mit Mitte 30 feststellen, dass ihre prekäre Anstellung im Kunst- und Kulturbetrieb gefährdet ist, sie mit der nächsten Mieterhöhung ihre Wohnung nicht mehr halten können und dass die spontane Lebensweise ohne Fünfjahresplan auf Dauer doch anstrengender ist als gedacht. Und dann ist da noch dieser sorgenvolle Blick, den die Mutter bei jedem Besuch an den Tag legt.

Und plötzlich regt sich ein Gedanke, eine Idee, ein gewagter Einfall: es vielleicht doch mal zu versuchen, mit dem netten, stabilen, verlässlichen Mann, der ein festes Einkommen, ein Haus und einen Oxford-Abschluss vorzuweisen hat. Zwar lässt er keine Schmetterlinge im Bauch fliegen, aber er bringt Struktur in den chaotischen Alltag und die Mutter dazu, zum ersten Mal ein Foto der Tochter im Haus aufzustellen.

Hannah, die Protagonistin in Jo Cheethams Roman „Love and Rent“, ist 35 Jahre alt, als sie beschließt, Oscar eine Chance zu geben. Nicht, weil sie einen Ring will oder Kinder, sondern weil sie eine Unterkunft braucht. Bei Oscar kann sie mietfrei leben, dafür kocht sie ihm proteinreiche Diätspeisen, bügelt seine Hemden und räumt seine Klamotten in den Schrank. Hannah und Oscar, das ist keine Hollywood-Romanze, nicht die große romantische Liebe, vielleicht ist es nicht einmal irgendeine Liebe, aber es ist ein Konzept, das funktioniert. Das Sinn ergibt. An dem ja irgendetwas dran sein muss, wenn sich so viele Menschen immer wieder dafür entscheiden: Partnerschaft als ökonomisches Arrangement.

Projekt Tradwife

Während Romane wie Hannah Lühmanns „Heimat“ und Caro Claire Burkes „Yesteryear“ die Tradwife im Genre des Sozialthrillers verorten, entwirft die in Kunstgeschichte promovierte britische Autorin Jo Cheetham eine moderne Form der RomCom. Der deutsche Verlag bewirbt das Debüt als „‘Bridget Jones‘ für eine neue Generation“. Dabei verzichtet Cheetham auf viele Charakteristika der romantischen Komödie, allem voran auf die Romantik. Aber auch der Plan B, also der Konkurrenz-Typ, der im Gegensatz zum primären Objekt der Begierde für einen gegensätzlichen Wert steht, fehlt in dieser grandios unterhaltsamen Erkundung der Möglichkeiten und Grenzen von Intimität im 21. Jahrhundert.

Dass Hannah und ihre beste Freundin Kiera keine Anhängerinnen klassischer Rollenmodelle sind, sondern emanzipierte, feministische und unabhängige Frauen, und dass sogar, nein, gerade diese irgendwann an den Punkt kommen, an dem sie den Verlockungen der konventionellen Versorgerehe nachgeben, ist nicht nur eine geniale Prämisse, sondern auch eine äußerst scharfsinnige Gegenwartsbeobachtung. Was passiert, wenn eine Feministin ihren Unabhängigkeitsanspruch probeweise pausiert, weil sie sich einfach mal für ein paar Monate nicht darum sorgen will, ob sie morgen noch ein Dach über dem Kopf hat?

Hannah geht die Beziehung mit Oscar nicht aus Beschränktheit oder Alternativlosigkeit ein, sondern im Gegenteil – weil sie die Offenheit und Flexibilität im Denken besitzt, um auch diesen für sie fremden Lebensentwurf einmal auszuprobieren. Und sie probiert es wirklich, nimmt das Projekt Tradwife ernst, wie ein Praktikum oder ein wichtiges Experiment. Zumindest für eine Weile geht das auch gut. Alles an der Schilderung der Liebesbeziehung – wenn man Nutzgemeinschaften dieser Art überhaupt so nennen mag (als Hannah ihn fragt, ob er sie liebt, fragt Oscar „Sind wir denn hier in Amerika?“ zurück) – erfrischt in seiner Nüchternheit, ohne je in Zynismus umzuschlagen. Wo die Protagonisten in Leif Randts postromantischer Zeitgeistdiagnose „Allegro Pastell“ noch jedes Gefühl zu Tode analysieren, lässt Cheetham die Gefühle gleich ganz weg.

Der Roman stellt viele bemerkenswerte Fragen: Warum pflegen wir Partnerschaften, gründen Familien? Welche alternativen Modelle des Zusammenseins gibt es? Lebt es sich ohne den Wunsch nach Romantik besser und freier? Und worin besteht das Happy End jenseits von Hollywood-Idealen – im Einzug in ein neues Haus, in Freundschaften? Trotzdem verzichtet die Autorin auf sachbuchartige Erklär-Einschübe. Das Show-don’t-tell-Prinzip hat Cheetham perfektioniert. Bilder wie das Paar-Foto auf dem Fenstersims der Mutter prägen sich stärker ins Gedächtnis ein als jeder Kommentar. Mit der Zweckzärtlichkeit beschreibt „Love and Rent“ eine Liebesform, die unserer Gegenwart näher kommt als jede große Romanze.

Jo Cheetham: Love and Rent. Aus dem Englischen von Cornelia Röser. Tropen, 336 Seiten, 24 Euro.

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