Vereinzelte Sonnenstrahlen fallen durchs Blätterdach. Da unten muss die Oker fließen. Durch die Luft schweben Seifenblasen. Ein Student schlägt dazu ein Rad. Er lässt sich von seinen Kommilitoninnen, die ein kurzes Video aufnehmen, nicht lange bitten. Andere sind von ihren Büchern nicht abzulenken, schauen auf ihre Laptops, denken nach, trinken Kaffee oder blicken durch die großen Fensterscheiben.
Sie plaudern auf den Balkonen und diskutieren im Schutz schwerer Vorhänge. Nicht wenige suchen nach einem freien Platz, der im Studierendenhaus der Technischen Universität Braunschweig an diesem Freitag schwer zu finden ist – obwohl der letzte Nachmittag des Semesters angebrochen ist.
Gustav Düsing fällt unter den jungen Leuten nicht weiter auf: graues Hemd, Shorts, Sandalen; vor zehn Jahren war er selbst als WiMi an der TU beschäftigt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwerfen und Raumkomposition der Architekturfakultät. „Das ist der Klassiker, wenn man sich als Architekt selbstständig machen will“, sagt er.
Studiert hat der 1984 in Münster geborene Düsing in Stuttgart und an der legendären AA, der Architectural Association von London, die in den späten 2000er-Jahren im Bann des digitalen Entwerfens und des Parametrismus von Patrik Schumacher stand. Drei Jahre arbeitete Düsing im Berliner Büro Barkow Leibinger, dann nahm er die halbe Stelle in Braunschweig an – ideal, um an Architekturwettbewerben teilzunehmen und nebenbei am Businessplan für das eigene Büro zu schrauben.
Das gab es noch nicht, als Düsing eine E-Mail erhielt, in der die Uni selbst einen Architekturwettbewerb für ein „Studierendenhaus“ auslobte. Alle Mitarbeiter der Fakultät waren eingeladen, daran teilzunehmen. Düsing fragte einen alten Studienfreund aus London, Max Hacke, ob man es gemeinsam versuchen sollte. Eine außergewöhnliche Chance, denn zu solchen Wettbewerben wird man häufig erst zugelassen, wenn man bereits vergleichbare Gebäude gebaut hat.
Mies van der Rohe Award für das Studierendenhaus
Gesagt, getan: Entwurf gezeichnet, Büro gegründet, in die zweite Runde gekommen, Wettbewerb gewonnen. Und nicht nur den: Für das Debüt hagelte es Architekturpreise. Düsing traf mit dem Ende 2022 fertiggestellten Haus einen Nerv. Der luftige Zweigeschosser aus Stahl und Glas wurde mit dem Deutschen Architekturpreis, dem DAM Preis und dem Mies van der Rohe Award ausgezeichnet.
Zudem wurde der Bau international wahrgenommen, weil er hochschulpädagogische Ansprüche wie neues Lernen mit Themen wie Kreislaufwirtschaft und Modulbauweise verband. Und zwar in einer Form, die an die modernen Pavillonarchitekturen von Mies van der Rohe und Sep Ruf, an die amerikanischen Case Study Houses sowie an die Ingenieurleichtbaukunst von Frei Otto und Werner Sobek denken lässt – nur filigraner und frei von Pathos.
Studierendenhaus der Technischen Universität Braunschweig„Die Aura dieses Stuttgarter Engineerings schätzt man auch im Ausland“, sagt Düsing und freut sich, wenn seine konstruktive Raffinesse Fragen aufwirft: „Wie hält das? Weshalb kann es so dünn sein?“ Als Architekt führe man „einen kleinen Stunt vor“. Tatsächlich sind die stählernen Hohlprofile, die das Studierendenhaus tragen, erstaunlich dünn: kaum zehn Zentimeter im Durchmesser. Darin ist der dicke Anstrich bereits inbegriffen, der im Brandfall aufquillt und eine halbe Stunde vor dem Feuer schützt. In einem Raster von drei mal drei Metern geben die Pfosten und Träger die modulare Ordnung vor.
„Serielles Bauen wird meist mit Tristesse verbunden. Wir wollten das Gegenteil beweisen. Mit wenigen geometrischen Formen ist ein lebendiger und inspirierender Raum entstanden, ein erweitertes Wohnzimmer“, sagt Düsing und erklärt, dass alle Teile miteinander verschraubt sind und im Sinne des Gebäuderecyclings und der Ressourcenschonung auch wieder abgebaut werden könnten.
„Energieverbrauch nicht pro Quadratmeter, sondern pro Person“
Wir laufen über Treppen und kurze Brücken, testen den Schallschutz, diskutieren darüber, dass das Haus bei der Energieeffizienz wohl weniger preisverdächtig ist. „Ich berechne den Energieverbrauch nicht pro Quadratmeter, sondern pro Person“, sagt Düsing und erklärt die steile These mit einer anderen Nachhaltigkeitslogik. „Ressourcen müssen gerecht geteilt werden. Hier haben sehr viele Menschen Zugang zur Ressource Raum.“ Bis zu 200 Arbeitsplätze bietet das Studierendenhaus.
Wir schauen hinüber zum Universitätsplatz. Viel los ist dort nicht. Er erzählt von der akademischen Welt im Nachkriegsdeutschland. Vom 1877 eröffneten Altbau der Herzoglichen Technischen Hochschule Carolo-Wilhelmina zeugt nur noch die Frontfassade im Stil der italienischen Hochrenaissance. Das erhöhte Waschbeton-„Forum“ gegenüber wird von rationalistischen Zweckbauten für Bibliothek, Verwaltung und Audimax eingefasst. Über allem ragt das Hochhaus der Architekturfakultät empor, auf jedem Geschoss ein Lehrstuhl. Düsing meint: „Diese Architektur verkörpert eine einseitige Wissensvermittlung. Wir brauchten dagegen ein Gebäude für eine vielseitige Vermittlung – voneinander und miteinander.“
Der Architekt Gustav Düsing in seinem Berliner BüroDas Studierendenhaus war ein Türöffner für weitere Architekturwettbewerbe. Etwa für den Neubau der Residenz des deutschen Botschafters in Israel, den Düsing gerade bei Tel Aviv plant. Kein einfaches Bauvorhaben: ein privates Wohnhaus für eine öffentliche Person, ein Ort für diskrete Diplomatie und festliche Empfänge – in einem Land, das sich im Krieg befindet. „Es geht um Angemessenheit. Darum geht es in der Architektur ohnehin fast immer“, sagt Düsing und denkt auch dieses Haus von seinen Besuchern her. „In die Residenz eingeladen, würde man nicht in einem goldenen Versace-Kleid erscheinen, eher etwas von Jil Sander tragen.“
„In die deutsche Seele hinein entwerfen“
Sein Entwurf erhält den Kern des Bestandsgebäudes. „Warum sollte man ein Haus abreißen, um an nahezu derselben Stelle ein ähnliches Haus zu bauen?“ Darum legt sich eine wieder von dünnen Pfosten getragene, transparente Metallfassade. Die Wettbewerbsjury lobte die „wohltuende Bescheidenheit“. Düsing nennt den Entwurf „zeitgenössisch, präzise konstruiert und elegant, vielleicht ein wenig sexy“.
Gleichzeitig soll das Haus, wie jedes Botschaftsgebäude, eine Visitenkarte Deutschlands im Ausland sein. Und auch da ist Frei Otto, der Erfinder der kühnen Dachlandschaften im Münchener Olympiapark, eine wichtige Referenz. „Diese konstruktive Leichtigkeit des Stuttgarter Ingenieursgeists hat mich begeistert, weil es eine gestalterische Antwort auf eine politische Haltung ist. Sie stand für das gute Deutschland in der Architektur.“
Entwurf der Residenz der Deutschen Botschaft in IsraelUm über Düsings bislang größten Auftrag zu sprechen, verlassen wir das Studierendenhaus und suchen einen geheimen Ort, den nur Kiffer kennen würden. Ein Trampelpfad führt zur gemächlich fließenden, von vereinzelten Tretbooten befahrenen Oker. Sie bildet einen dicht zugewachsenen Ring entlang der ehemaligen Befestigung der Braunschweiger Innenstadt und hat mit dem von stolzen Weinbergen, Steilhängen und Streuobstwiesen umgebenen Neckar bei Marbach wenig gemein.
Als Düsing hörte, dass ein Wettbewerb zur Erweiterung des dortigen Deutschen Literaturarchivs ausgeschrieben war, dachte er sofort, das wäre eine „perfekte Aufgabe“. In dem 15.000-Einwohner-Städtchen nördlich von Stuttgart stehen das neobarocke Schiller-Nationalmuseum von 1903, ein brutalistisches Archivgebäude von 1972 und das minimalistisch-tempelartige Literaturmuseum der Moderne von David Chipperfield aus dem Jahr 2006. „Auf gewisse Weise konnte man dort in die deutsche Seele hinein entwerfen“, sagt Düsing.
„Plötzlich mussten wir darüber nachdenken, wie man für die Ewigkeit baut.“ Eine Wende für das Büro Gustav Düsing: Erst ein demontierbarer Leichtbau für die Braunschweiger Studenten, dann ein diplomatischer Pavillon in Israel, und nun das „deutsche Endlager für Literatur“. Für den Neubau in Marbach sind aktuell 44 Millionen Euro Baukosten veranschlagt. Ein großer Teil soll unterirdisch liegen. Im Entwurf fallen wieder schlanke weiße Stützen, große Fensterfronten und halb offene Bereiche auf. Die flach geneigten Dächer sollen nicht nur begrünt, sondern Teil des Parks auf dem Schillerhügel werden. Manche wollen darin die Seiten eines geöffneten Buchs erkennen.
Symbolische Architektur sei keine Absicht gewesen, sagt Düsing. „Der Planungsprozess ist für mich eine Art Verteidigung der Idee.“ Aber wenn die Jury und andere Betrachter die Form als Buchdeckel interpretierten, die sich aus der Erde aufklappen, sei das vollkommen in Ordnung. „Offenbar wollten sie den Entwurf auf diese Weise lesen – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Und wenn man Menschen auf dieser Ebene für das „Tor zur Literatur“ genannte Gebäude interessieren könne, sei es ein Leichtes, in die tieferen Schichten des Entwurfs vorzudringen: Energieeffizienz etwa lasse sich unter der Erde viel besser erreichen.
Gustav Düsings Entwurf für Marbach: „Tor zur Literatur“So sehr Gustav Düsing für konstruktive Lösungen brennt, so wenig will er Architektur nur als Ingenieurwissenschaft sehen: „Ich bin dafür, Architektur wieder stärker als individuellen Ausdruck wahrzunehmen und weniger als reine Dienstleistung.“ Auch deshalb hält er neben seinem Büro in der Lehre einen Fuß in der Tür. Zurzeit hat er eine Vertretungsprofessur an der RWTH Aachen inne, wo er seine Studenten ermutigt, „aus sich selbst heraus zu entwerfen“.
Die Baukunst habe, so Düsing, in den vergangenen Jahren unter dem Nachhaltigkeitsdiskurs und dem allgegenwärtigen Effizienzdenken gelitten. „Doch Architektur ist ein kulturelles Fach. Es geht darum, dass Menschen ihre persönliche Haltung zu interessanten Fragen formulieren.“
Unter diesem Mangel litten auch die Architekturwettbewerbe. „Meist werden bei Wettbewerben sehr vorsichtige Entwürfe eingereicht. Dabei würden die Jurys gern oft spannende und neuartige Arbeiten auszeichnen“, sagt Düsing, als er schon wieder an einem seiner weißen Pfosten im Studierendenhaus lehnt. „Der erste Schritt besteht darin, dass jemand den entsprechenden Entwurf überhaupt wagt.“ Architekten müssen sich mehr zutrauen. Das ist eine Lehre, die Gustav Düsing schon aus dem eigenen Werdegang ableiten kann.
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