Heute fallen wir mal mit der Tür ins Haus. Kein Gerede um den heißen Brei herum. Dieses Buch ist eine Wohltat. Balsam für die geschundene Seele von Berlin. Denn es erinnert uns daran, was diese Stadt einmal besaß und was wir uns so sehnlich für sie wünschen: Urbanität, Lebensart, kulturelles Niveau. Arm, aber sexy? Das sowieso. Aber eben auch innovativ, ohne Traditionen zu „dekonstruieren“. Bei aller ethnischen oder sozialen Heterogenität eine verschworene Gemeinschaft von Kreativen bildend, ohne diejenigen auszuschließen, die es noch werden wollten. Von welchem Wunderland ist hier die Rede? Von einem Hotspot, der längst nicht mehr steht. Aber immer noch unseren Maßstab liefert für gelungenes hauptstädtisches Leben: Die Rede ist vom Romanischen Café. In seiner großen Zeit von 1913 bis 1933. Das Buch „Café Babylon“ von Christian Buckard lässt es wieder auferstehen.
Wo lag dieser place to be? Natürlich im Westteil der Stadt, wo im 20. Jahrhundert nun mal die Musik spielte. „Bei uns um die Gedächtniskirche rum“, um es mit dem Titel einer der vielen Revuen zu sagen, in die um 1930 ganz Berlin rannte. Das Romanische Café war also im selben Stil gehalten, und von seiner Terrasse blickte man auf die dicken Hinterbacken des protzigen Gotteshauses. Schön war auch das Café nicht. Aber der Geist weht, wo er will. Und hier wehte er gewaltig.
Elias Canetti, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1981, hat in seinen Memoiren über diese „Wartehalle zum Olymp“ geschrieben: „Sehr wichtig war, dass man immer wieder, während Tagen, Wochen und Monaten gesehen wurde. Die Besuche im Romanischen Café, die gewiss auch ein Vergnügen waren, galten nicht diesem allein. Sie entsprangen auch der Notwendigkeit zu einer Selbst-Manifestation, der niemand sich entzog. Wer nicht vergessen werden wollte, musste sich sehen lassen.“ Im analogen Zeitalter, das noch ohne die sozialen Medien wie LinkedIn oder Instagram auskommen musste (und übrigens ganz ausgezeichnet ausgekommen ist!), ging es schließlich auch schon um Aufmerksamkeitsökonomie, ums Netzwerken. Und das war, ganz wie gegenwärtig, harte Arbeit, die viel Geduld erforderte.
Luftaufnahme der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, rechts oben das Romanische CaféZumal dieser place to be auch seine ungeschriebenen Gesetze hatte. Das Einhalten einer bürgerlichen Kleiderordnung beispielsweise. Sowie die Aufteilung in ein Schwimmer- und ein Nichtschwimmer-Bassin, wie es damals hieß. Gleich links vom Eingang, im Schwimmer-Bassin, saßen die Arrivierten, die teilweise schon seit der Eröffnung des Etablissements im Frühjahr 1901 dort hockten, und ihr Zentralgestirn war der impressionistische Maler Max Slevogt. Eine Treppe führte zur Galerie empor, die für die Schauspieler, für Leute vom Theater allgemein und bald auch schon vom Film, reserviert war.
Ansonsten hausten die Gäste je nach Konjunktur ihres Gewerbes und ihrer selbst, mal im Schwimmer-, mal im Nichtschwimmerbereich. Taxiert, evaluiert wurde man also durchaus! Der Schriftsteller Hans Sahl erzählt: „Es gab einen Malertisch, einen Bildhauertisch, einen Philosophentisch, einen ‚Börsen-Courier’-Tisch, einen Tisch der Kritiker, der Dramatiker, der Essayisten, der Soziologen und der Psychoanalytiker.“
Und Buckard ergänzt: Es gab auch einen Tisch um den jüdischen Schauspieler Alexander Granach, denn das Romanische Café galt als „zentrale Transit-Herberge von ganz ,Jiddischland‘“. Und nachdem Pogrome auch in Ungarn stattgefunden hatten, gab es den Tisch der Flüchtlinge von dort. Er bildete ein kreatives Zentrum für den aufsteigenden Tonfilm. Denn der war, um 1930, nun das ganz große Ding.
Am Malertisch: Bruno Cassirer, Max Slevogt und Emil Orlik (von links), gezeichnet von Karl DannemannSchon die Drehbücher von Carl Mayer und Hans Janowitz zu den ersten Welterfolgen der deutschen Kinogeschichte, „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Der letzte Mann“, waren hier entstanden und von einem weiteren Habitué des Ortes, Erich Pommer, für die Ufa erworben worden. Zehn Jahre später ging es dann aber so richtig los.
Ein schönes Beispiel für Karrieren, wie sie nur im Romanischen Café geschmiedet werden konnten, bietet der Werdegang von Billy Wilder. Er kam Ende der 1920er Jahre zunächst als aufstrebender Journalist ins Café.
Zum Beispiel Billy Wilder
Von einer der Edelfedern jener Zeit, Egon Erwin Kisch, seinem großen Vorbild, gefördert, fasste Wilder schnell als Reporter Fuß in der vielfältigen Zeitungslandschaft der deutschen Hauptstadt. Selbsterfahrungsgeschichten waren schon damals Trumpf. Und so machte der junge Herr aus Wien gleich mit der ersten Serie über seine Erlebnisse als „Eintänzer“ und Gigolo Furore. Doch sein wahrer Durchbruch erfolgte mit „Menschen am Sonntag“, einem Film, der wie kaum ein zweiter das Lebensgefühl der Epoche ausdrückte und ein für das Romanische Café typisches Gemeinschaftswerk mit Robert Siodmak war. Es brachte beiden ein festes Engagement bei der Ufa ein.
Alsbald folgte sein Skript zu „Emil und die Detektive“ nach dem Roman von Erich Kästner, und Billy Wilder war ein gemachter Mann. Doch auch, als er es längst sogar in Hollywood geschafft hatte, griff er auf seine alten Freunde aus Berlin zurück. Zum Beispiel auf Friedrich Hollaender, der auch für den ersten Nachkriegsfilm wieder, mit einem weiteren Stammgast des Cafés, Marlene Dietrich, in der Hauptrolle, die Musik komponierte. Gemeint ist „A Foreign Affair“. Aber auch noch Billy Wilders heute vielleicht bekannteste Arbeit, die so unglaublich rasante Berlin-Komödie und Satire auf den Kalten Krieg „One, two, three“ ging auf ein Stück Ferenc Molnars zurück, den der Regisseur, wo sonst, im Hotspot an der Gedächtniskirche kennengelernt hatte.
Sehen und gesehen werden: Romanisches Café, um 1928All diese Leute und noch viele andere schufen hier eine neue, großstädtische, intelligente, witzige Populärkultur. Natürlich kamen auch die Grübler, die Verkopften, die akademisch Verbildeten und schließlich auch die politisch Fanatisierten ins Café. Aber was Berlin am Ende der Weimarer Republik sein unverwechselbares, in ganz Europa und später dann auch in den USA bewundertes und nachgeahmtes Gepräge verlieh, das war eben seine Unterhaltungskultur.
Will heißen: Filme und Revuen, Theater und Kabaretts, Operetten und Varietés, dazu eine spezifische, gerade auch von Frauen wie Gabriele Tergit, Mascha Kaléko und Irmgard Keun verkörperte Literatur der „Neuen Sachlichkeit“, wie man sie nannte. Diese Populärkultur hatte ein Niveau, wie es nur in großen urbanen Schmelztiegeln entstehen kann. Hier, im Romanischen Café, hatten jüdische, ungarische, österreichische, osteuropäische und eben die heimischen preußendeutschen Ingredienzien jene Erfolgsmischung gebildet, die leider unwiederbringlich dahin ist.
Das gab’s nur einmal, das kommt nicht wieder
Aber anderes könnte vielleicht kommen, wenn, ja wenn sich in Berlin endlich wieder ein Ort herausbilden würde, der die kreativen Impulse bündelt und für alle, die es angeht, sichtbar macht. Solche Orte hat es auch im Berlin der Nachkriegszeit und sogar noch der Nachwendezeit immer wieder mal gegeben. Es waren, sieht man vom legendären Café Einstein in der Kurfürstenstraße ab, das auch schon Geschichte ist, nun eher Restaurants, Diskotheken und Bars, die diese Rolle übernahmen. Doch sie sind eben nicht das. Sie fördern nicht die Durchmischung, wie ein etabliertes, großes Caféhaus es tut, wo man von einem Tisch zum anderen wandern kann und mit jedem ins Gespräch kommt, sofern man eine „Aufnahmebewilligung“ (nochmals Hans Sahl) erhält, denn die Form muss natürlich gewahrt werden. Wenn man nun als Berliner in den letzten Tagen vernahm, dass ins ehemalige Café Kranzler, einst ebenfalls eine Legende, demnächst Pizza und Pasta einziehen sollen, ist man hingegen endgültig wieder in der trostlos vulgären Gegenwart angelangt.
Romanisches Café, um 1930. Das Foto wurde digital koloriert.Umso schöner, dass Christian Buckard, der vor Jahren schon mit einer Biografie über Egon Erwin Kisch hervorgetreten ist [einheitlich: Christian Buckard], uns mit seiner kenntnisreich aus dem Vollen schöpfenden Geschichte des Romanischen Cafés in eine Vergangenheit entführt, die bei aller Problematik und Instabilität ein Musterbeispiel dafür abgibt, wie eine Stadt geschichtsträchtiges Format entwickeln kann.
Buckard hat sein Buch mit jener ansteckenden Munterkeit geschrieben, die spüren lässt, dass er sich nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch auf der Höhe der Weimarer Republik bewegt. Ein Hauch von Kisch, von PEM (alias Paul Marcus), von Friedrich Luft weht uns aus diesen Seiten an. Als sei ihm ein Soundtrack mit Melodien von Friedrich Hollaender oder Richard Heymann unterlegt. Wehmütig summt man mit: Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein. Und sehnsüchtig blickt man der langsam entschwindenden, fröhlich vor sich hinsingenden Lilian Harvey in dem Film „Der Kongress tanzt“ von 1931 hinterher.
Christian Buckard: „Café Babylon. Berlin, Romanisches Café, 1913 bis 1933“. C. H. Beck, 300 Seiten, 26 Euro.
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