Ihr Leben war Tragödie und Erfolgsstory in einem. Als Yayoi Kusama, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 97 Jahren am 14. August 2026 in Tokio stirbt, steht sie wie keine andere für Kunst als Social-Media-taugliches Massenphänomen. Ihre gepunkteten Riesenkürbisse und endlos reflektierenden Spiegelräume sind Selfie-Hotspots, gepusht durch weltweite Großausstellungen und TikTok-taugliche Projekte. Dabei entspringt der Kern ihres Werks einem sehr viel feineren Wesen. Kusamas frühe, feine, versponnene Punktezeichnungen erzählen viel mehr von der Sensibilität einer fantasievollen und verletzten Seele als von der Kommerzmaschine, in die sie später hineingerät.

In ihrer Autobiografie „Infinity Net“ beschreibt sie das Trauma ihrer Kindheit als Grundlage ihrer Arbeit, die, auch wenn sie von intimen Formaten und minimalistischen Großleinwänden über Happenings und Großinstallationen ins Räumlich-Poppige übergeht, stets als Hintergrundmusik gelesen werden muss. So sehr das Werk mit radikal-innovativen Abstraktionen die Kunstgeschichte geprägt hat, so sehr muss man es als Selbstporträt betrachten. „Ich begann, Penisse anzufertigen, um meine Ekelgefühle gegenüber Sexualität zu heilen“, schreibt sie in ihrer Autobiografie. „Diese Objekte immer wieder zu reproduzieren, war meine Art, die Angst zu überwinden. Es war eine Art Selbsttherapie, der ich den Namen ‚Psychosomatische Kunst‘ gab.“

Kusama wird 1929 im japanischen Matsumoto geboren. Bereits mit zehn Jahren beginnt sie mit gepunkteten Zeichnungen, in denen ihr Gesicht auftaucht: Eine wiederkehrende Halluzination ist die Vorstellung, in Blumenfeldern zu liegen und sich in eine netzartig mit allem verbundene Welt zu imaginieren. Kusamas Eltern besitzen ein Saatgutgeschäft, das Aufwachsen zwischen Pflanzen ist eine lebenslange Inspiration für die Künstlerin, was man erstmals in kleinformatigen Bildern mit verschmelzenden Gewächsen und Gesichtern erkennt.

Die Installation „Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe“ in der Ausstellung im Kölner Museum Ludwig 2026

Schon während ihres Kunststudiums in Kyoto, das sie gegen den Willen ihrer Eltern beginnt, lässt sie den japanische und westliche Traditionen verbindenden Nihonga-Stil hinter sich und entwickelt eine eigene Bildsprache aus floralen, astronomischen und sexuellen Formen, verbunden mit Punktefeldern und Linien. Auch Bilder mit geisterhaften Gesichtern und dunklen Wirbeln vermitteln diese Mischung aus Angst und Vision.

Kusama erlebt als 16-Jährige den Abwurf der ersten Atombombe über ihrem Land – ein Schock, der sich auf das Gefühl der Verlorenheit setzt, mit dem sie aufgewachsen ist: Die Mutter ließ sie den Ehebruch des Vaters ausspionieren, was Kusama in einen lebenslangen Kampf mit Ängsten und Depressionen stürzt. „Als Kleinkind wurde ich Zeugin des Geschlechtsakts“, schreibt sie, „und die Furcht, die durch meine Augen eintrat, wurde in meinem Innern riesengroß, zu einer rasenden Angst vor der Zukunft.“

„Prinzessin der Punkte“: Kusama im New York der Sechziger

Nur die Kunst verschafft ihr Erleichterung, die Kusama mit einem unbändigen Wunsch nach Sichtbarkeit vorantreibt. Rat suchend schreibt sie an Georgia O'Keeffe, die sie ermutigt, in die USA zu gehen: 1958 landet Kusama in New York und ist schnell eine Persönlichkeit in der Kunstszene um Andy Warhol, Claes Oldenburg und Donald Judd, in dessen Loft sie lebt und der ihre Werke kauft. Ihre gepunkteten Infinity-Net-Gemälde wirken minimalistisch, auch wenn Judd die subjektive Traumwelt dahinter kritisiert.

Ab 1962 überträgt Kusama ihren Allover-Gedanken auf Alltagsgegenstände, beklebt und überzieht Sessel, Schuhe, ein Ruderboot, Schaufensterpuppen und exzentrisch entworfene Kleider mit unzähligen, silbernen Phallusformen. „Indem ich die Formen der Dinge, die mich in Angst versetzen, immer wieder reproduziere“, schreibt sie später, „bin ich in der Lage, die Angst zu unterdrücken.“

Sie unterstreicht das mit Worten wie „Unendlichkeit“ und „Selbstauslöschung“, während sie schwule Sexpartys und eine eigene Modeboutique ins Leben ruft und alles mit bunten Punkten übersät, mit silberfarbenen Makkaroni beklebt und weiterhin mit Phalli überzieht. Bekleidet und mit ernster Miene wirkt sie selbst darin wie die Hohepriesterin ihrer Rituale, die durch Polizeieinsätze Skandalcharakter bekommen – was sie als Marketing für ihre Pop-up-Boutique Kusama’s Korner bei Bloomingdale’s und ihre Schwulenbar Kusama’s Omophile Klub zu nutzen weiß und ein Zeichen früher Kommerzaffinität ist.

Kusamas Videos, Fotos, Skulpturen, Malereien und Mode sehen aus wie die Kunst der Zukunft, genährt von ihrer Idee der Verbindung aller Dinge. Das passt zwar in die Hippieära, nicht aber in die weiße, männerdominierte Kunstszene. Kusama ist eine Außenseiterin, obwohl sie die ästhetischen Stilrichtungen Minimalismus und Pop Art wie niemand sonst verbindet: Ihre Accumulation Sculptures werden 1962 erstmals in einer Gruppenschau in der Green Gallery in New York gezeigt, einer der ersten Ausstellungen der Pop Art überhaupt. Dort inspirieren sie Oldenburg zu seinen Soft Sculptures und Warhol zu seinen raumfüllenden Environments. Beide verkaufen diese Ideen als ihre eigenen, feiern Galerieerfolge und gehen in die Kunstgeschichte ein, während Kusama von ihrer Arbeit kaum leben kann: Der Frust ist so groß, dass sie sich aus dem Fenster stürzt und nur durch Zufall überlebt.

Kusama bei der Biennale 1966

Kusama flüchtet nach Europa, wo mit Fluxus und Zero die Stunde Null nach dem Krieg zelebriert wird – ein Gedanke, der ihrer Vorstellung von Kunst als kosmischem Allover entspricht. Doch die Flower-Power-Epoche neigt sich dem Ende zu, und Kusama geht 1973 nach Tokio zurück. Sie verdingt sich als Kunsthändlerin, schreibt Gedichte und Romane, doch es hilft nichts: Die Halluzinationen, Panikattacken und Depressionen bleiben.

1977 liefert Kusama sich selbst in die Psychiatrie ein, wo sie bis zu ihrem Tod lebt, arbeitet – und immer erfolgreicher wird. Statt sie der fragwürdigen Kategorie „Outsider Art“ zuzuschreiben, passt Kusamas ästhetisierter Selbstbezug bald in eine Zeit, die psychologischen und „weiblichen“ Belangen mehr Raum gibt: Einen wichtigen Einfluss darauf hat Louise Bourgeois, die 1982 als erste Frau im Museum of Modern Art New York eine Retrospektive bekommt und dort über ihr Kindheitstrauma als Quelle ihrer Kunst spricht.

Und so entwickelt Kusama im Sicherheitsnetz der Psychiatrie eine immer stärker anwachsende Produktionsindustrie, aus der eine Unzahl bunt gepunkteter Gemälde, punktebedeckter Räume und „Infinity Rooms“ hervorgeht. 1993 vertritt sie Japan auf der Biennale von Venedig – bereits 1966 hatte sie sich dort in einer Performance selbst ausgestellt und im goldenen Kimono Kopien ihrer Kritiken verteilt, was als kalkulierter Orientalismus die Vorurteile der Zeit verhöhnte: ein Zeichen ihrer Beharrlichkeit, sich selbst als internationale Marke zu etablieren.

Der Japan-Hype half ihr

Die Jahrtausendwende mit dem Hype um japanische Popkultur und dem Bilderfluss von Social Media kommt Kusamas Bestreben nur zugute: Sie wird nun von der Power-Galerie David Zwirner vertreten, ein Infinity-Net-Gemälde von 1960 wird 2014 bei Christie's für 7,1 Millionen Dollar versteigert. Es ist das bis dahin teuerste Werk einer lebenden Künstlerin, deren knallroter Pagenkopf zum Markenzeichen eines Pop-Stars wird. Sie selbst spricht von „Kusamania“, die sie zuletzt auf lukrative Kollaborationen mit Mode- und Automarken überträgt. Zugleich flutet sie den Globus mit Retrospektiven, die immer mehr zu Kassenschlagern werden – zuletzt im Museum Ludwig in Köln, das mit 480.335 Besuchern einen Rekord verzeichnete.

Selbst wenn es auch in den Museen längst um Kommerz geht: Dank solcher Präsentationen und Kusamas offenem Umgang mit ihrer eigenen Biografie weiß nun auch ein größeres Publikum, dass hinter der „Prinzessin der Punkte“ (Kusama nannte sich nach einem Zeitungsartikel über ihr Werk selbst so) mehr steckt als Riesenkürbisse und Warteschlangen. Nach ihrem Tod muss man ihren Titel korrigieren: Kusama ist die Königin einer Kunst, die wie keine andere Massentauglichkeit und Komplexität, Frohsinn und Psychose, Genie und Depression vereint. In einer Zeit, die Kunst vornehmlich als ästhetisch öde Identitätspolitik verkauft, könnte Kusamas obsessive Egomanie erfrischender nicht sein.

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