Stil ist nichts Endgültiges, sondern beständiger Wandel, gestand der Architekt Walter Gropius, vor 100 Jahren Leiter des Dessauer Bauhauses, freimütig ein. Dabei nahm er nicht das aus, was wir heute pauschal als „Das Bauhaus“, „Die Architektur der Moderne“ oder „the international Style“ nennen. Am Bauhaus selbst, das Gropius entworfen hat, kann man das nicht Endgültige auch sehen: Obwohl das Gebäude nach höchsten Standards restauriert wurde, sammelt sich der Rost unter der Aufhängung der Glasfassade, und erste Risse machen sich wieder im Mauerwerk breit. 1926 wurde das Haus eingeweiht, zwischen Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise: Der Stil hatte sich in Dessau den vorhandenen Mitteln unterzuordnen, und dann passiert eben so etwas.
Ohnehin vertraten viele Theoretiker jener Tage die Sichtweise, dass das Alte überholt war, und, wenn es nicht mehr den Anforderungen der Gegenwart und den Wünschen der Menschen entsprach, kein Anrecht auf Beständigkeit haben sollte. Wenig konnte man mit der Idee des Denkmalschutzes anfangen. Es ist nicht ohne Ironie, dass das Bauhaus 100 Jahre nach seiner Eröffnung selbst zu einem Denkmal erstarrt ist, bei dem jede zeittypische Notlösung und Fehlkalkulation seiner Erbauer mit dem vollen Bewusstsein des Weltkulturerbes erhalten werden muss. Bauhäusler bauten selbst schon lange kein Bauhaus mehr, als man nach dem Zweiten Weltkrieg im Bauhaus ein anderes, besseres Deutschland als die Nazis erkannte und es als ideale Verkörperung der ersten, echten Demokratie auf deutschem Boden moralisch überhöhte. Und natürlich auch als Akt des Widerstands gegen die Nazis, weil Genies wie Gropius ins Exil gingen.
Außerdem hatte das Bauhaus im Rahmen der weltweiten Moderne das Glück, als besonders moralisch zu gelten: Die Villen und Wolkenkratzer der Amerikaner waren zu kapitalistisch. Die Franzosen entwarfen kitschiges und teures Art déco. Die englischen Gartenstädte waren eher das Vorbild des rechten, deutschen Heimatschutzstils. Der italienische Futurismus verfiel dem Faschismus. Dem russischen Konstruktivismus machten Lenins und Stalins Mörderbanden schnell den Garaus, um stattdessen lieber auf neoklassizistischen Pomp zu setzen. Wenn jetzt – ich komme zum Thema – Vertreter der AfD nach 100 Jahren erneut das Fass der undeutschen Architektur aufmachen, wie früher die NSDAP und rechtsreaktionäre Kreise, und wieder zurück zu einer Blut-und-Boden-Architektur rund um die teutonische Kleinfamilie wollen, verfallen sie der gleichen Illusion der linken Kulturdominanz, als deren Ikone das Bauhaus bis vor rund 30 Jahren galt.
Da gab es am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München einige Vorlesungen, die den Bauhausstil in seine Zeit einordneten, und zwar nicht nach der simplen Legende, sondern nach Lage der weniger schönen Quellen. Da ging es um das Versagen der Nazis, durch Kleinhäuser die Massen mit Wohnraum zu versorgen, und um ihren schnellen Rückgriff auf Methoden des Bauhauses. Es ging um das Riesenprojekt Prora, das in seiner schlichten Monumentalität Bauhaus pur ist, um Architekten wie den prominenten Wilhelm Kreis, die sich vom Kaiserreich bis in die BRD jedem Stil angedient hatten, und um Bauhäusler, die nicht emigrierten, sondern durchaus bequem in Deutschland blieben. Viele Architekten flohen, aber gerade Industriedesigner stellten sich gern in den Dienst der neuen Herren, deren industrielle Qualitätsvorstellungen für die Massen oft gar nicht so weit vom Bauhaus entfernt waren. So konnte Wilhelm Wagenfeld seine Karriere im Bereich des Alltagsgeschirrs bruchlos fortsetzen.
Ludwig Mies van der Rohe versuchte 1933, das Bauhaus und seine Karriere zu retten, indem er kommunistische Lehrer und Studenten vor die Tür setzte, und 1934 den Aufruf der Kulturschaffenden für Hitler unterschrieb. Der Bauhäusler Ernst Neufert war einer der bestbezahlten und begehrtesten Industriearchitekten seiner Zeit und stand am Ende auf Hitlers Gottbegnadetenliste. Fritz Ertl wandte sein Wissen aus dem Bauhaus nach dem Eintritt in die SS beim Barackenbau im KZ Auschwitz an. Vor 30 Jahren setzte sich in der Kunstgeschichte langsam die Erkenntnis durch, dass unter Exilanten die Ausnahmen und Anpasser die Regel waren, und der Bauhausstil etwas ist, das man unter jeder Regierung vom New Deal in Amerika über die neue Stadt Tel Aviv bis zu den Industriebauten verbotener Städte der UdSSR überall finden kann. Manches war gut. Manches war nur gut gemeint, wie die Siedlung Törten bei Dessau, deren Wände aus Kunststein mit der Verwendung des Industrieabfalls Schlacke errichtet wurden.
Das war alles längst bekannt und aufgearbeitet, ohne dass man 2024 dazu die AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt gebraucht hätte, die pauschal vom „Irrweg der Moderne“ sprach. Die Geschichte um das Bauhaus sei insgesamt zu wenig kritisch aufgearbeitet, behauptete der Fraktionsvize Hans Thomas „Der mit der Rote-Armee-Tasse“ Tillschneider, und er hätte unter normalen Umständen schon damals eine Belastung für seine Partei werden müssen. Was will man mit einem kulturpolitischen Sprecher, der offensichtlich keine Ahnung vom Stand der kritischen Forschung hat? Auf der anderen Seite war damals Claudia Roth aber auch Kulturstaatsministerin in Berlin ... Wie auch immer: Mit dem Angriff auf das Bauhaus als zu international und zu wenig deutsch setzte sich die AfD von der gängigen Meinung ab, die mit dem Abstand von 100 Jahren das Bauhaus umfassend erforscht hat.
In dieser Frage hat in den gehobenen Kreisen sicher niemand darauf gewartet, dass irgendwelche völkischen Rauschebärte erneut mit Positionen kommen, die selbst die Nazis auf Dauer nicht durchgehalten haben – sogar Hitler ließ sich auf einem berühmten Freischwinger des Bauhauses ablichten, um als modern zu wirken. Wer den internationalen Stil ablehnt, müsste auf der anderen Seite erklären, was ein deutscher Stil jenseits von germanischen Grubenhäusern sein soll – mal ganz abgesehen vom Schädelvermesserdilemma, dass rund um Dessau im frühen Mittelalter ohnehin noch die Slawen lebten. Mit dem diffusen Gefühlsdeutschland, auf das sich der völkisch-identitäre Flügel der AfD beruft, sollte man jedenfalls nicht auf die gewünschte kritische Aufarbeitung hoffen. Jenseits davon bleibt nur das geschmäcklerische „Das gefällt mir nicht, weil es nicht zu meiner Vorstellung von Deutsch passt“ – ein schlichtes Vorurteil, das darauf hofft, dass andere genauso wenig von Kulturgeschichte verstehen und verstehen wollen.
„Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen“ ist kein Zitat von Herrn Tillschneider, sondern von Walter Gropius selbst, aus dem Jahr 1956. Die AfD hat bislang noch keine Chance gehabt, ein architektonisches Programm für Deutschland umzusetzen. Sie ist zwar an der Debatte rund um Habecks Heizungsgesetz und das Stadtbild von Merz gewachsen, aber zur Architektur des Landes fällt ihr nur ein, dass sie traditionell deutsch sein soll. Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben: Von der traditionellen Bauweise deutscher Häuser ist der typische AfD-Wähler genauso weit weg wie der Linken-Wähler vom Arbeiterklassenglück am Betonmischer. Das mag sich theoretisch gut anhören. Aber selbst mit industrieller Massenfertigung ist der Neubau vielen zu teuer. An der gleichen Frage sind schon die Nazis mit der Heimatschutzarchitektur gescheitert. Traditionelle Bauweise ist nie billig. Insofern darf man gespannt auf die Wand der Unerfahrenheit blicken, an der jede AfD-Regierung mitsamt ihrem eklatanten Bildungsmangel unweigerlich zerschellen wird.
Die Wahlpropaganda, die gerade im und rund ums Bauhaus ausgepackt und plakatiert wird, erzählt aber eine ganz andere Geschichte. Da ist der Büchertisch im Museum, bei dem man moralische Unvereinbarkeitsliteratur kaufen kann, während draußen ausgerechnet die Partei des organisierten Antisemitismus behauptet, nie wieder sei jetzt.
Grundsätzlich finde ich auch, dass jeder nach Lust und Laune Sex haben soll, wenn es nur einvernehmlich ist, und das Private hat eigentlich im Öffentlichen nichts verloren. Aber gerade die Grünen mit ihrer Unerbittlichkeit gegen alles, was Nazi ist, nur weil man nicht an mehr als zwei Geschlechter glaubt, sollten sich in Sachsen-Anhalt bei diesem Reizwort und ihrer Führung etwas bescheidener geben.
Und dann ist da noch die SPD, die nur gewählt werden möchte, weil sie nicht die andere Partei ist. In der letzten Woche ist kein Raum mehr für Argumente und Ideen. Stattdessen werden die anderen als absolute Gefahr für Demokratie und Gesellschaft gehandelt, was natürlich leicht ist, wenn die AfD selbst den längst verfaulten Kulturkampf von 1926 ausgräbt. Es liegt ein späteres Weimar in der anhaltinischen Frühherbstluft.
Oh, und dann ist da vor dem Bauhaus noch ein bezeichnendes Relikt der Long-Merkel-Routine: Denn auch vor der Kulisse eines Weltkulturerbes mit aller linken Überzeugung, zu den Guten zu gehören und die Werte der Moderne zu verteidigen, kann man sich nie sicher sein, ob nicht eine andere, vormoderne Gewalt sich Bahn bricht. Viele demonstrieren bekanntlich gern gegen Rechts, aber niemand will es tun, wenn man gegen Rechts demonstrieren muss, weil Rechts mit den Sichtweisen zum militanten Islamismus leider recht hatte.
Kurz, in Sachsen-Anhalt geht es darum, die Böcke von den Schafen zu trennen, die Linken gegen die Rechten zu sammeln, und wie in einer Kaderpartei niemanden auf die Idee kommen zu lassen, außer der Reihe zu tanzen. Und das, mit Verlaub, erscheint mir mit Kenntnis des Bauhauses als eine ähnlich strohdumme Idee wie der AfD-Wunsch nach teutonischem Bauen. Denn die AfD hat hier zwei herausragende Eigenschaften: mit Abstand die meisten Stimmen und hinter dem Spitzenkandidaten auf seiner blauen Simson eine fatale Leere, in der die querschlagenden Tillschneiders dieser Welt überhaupt erst gedeihen und die Gebildeten vergrätzen können. Jede Partei hat ihre Trampeltiere, und unter der Ausgrenzung der AfD gedeihen sie natürlich besonders gut. Man kann sie als Grund betrachten, die AfD nicht zu wählen. Oder aber, und da sind wir wieder beim echten Bauhaus der Opportunisten, als destruktive Leerstelle und mitgeschleifte Belastung, die mittelfristig durch kompetenteres Personal ersetzt werden sollte.
Was im Übrigen völlig normal beim Marsch durch die Instanzen ist, bei dem sich die Schlauen am Ende in der höchsten Besoldungsstufe und die Dümmeren in der Entzugsklinik wiederfinden. Puh. Gerade noch mal die Sache mit den Nazis und der SA in Bad Wiessee umschifft ... Jedenfalls: Spätestens in der Verantwortung wird es jemanden geben müssen, der alte Torheiten ausbügelt und fachliche Kompetenz mitbringt. Wir alle wissen natürlich, wie entsetzlich schief dieser Glaube an die Domestizierbarkeit gehen kann, bis zum Bauhäusler, der Baracken in Auschwitz baut. Aber mit der Macht und den Mandaten wird für die AfD auch Geld und Einfluss kommen, und wer mit ihr nicht redet, muss zuschauen, wie es andere tun. Wie anpassungsfähig sind Vertreter des Kulturbetriebs, sollten ein paar Abgeordnete der CDU unter bestimmten Bedingungen der AfD an die Macht verhelfen? Das ist heute noch undenkbar, aber lesen Sie mal die Geschichten der Nazihelfer und Opportunisten aus dem Bauhaus. Mit den richtigen Verlockungen ging der Wechsel von der Arbeit für das Volk zum völkischen Arbeiten recht schnell.
Der Fauxpas im Umgang mit dem Bauhaus, der so viel hochgezogene Augenbrauen in gebildeten Kreisen hinterlässt, ließe sich jedenfalls leicht abräumen, wenn man jemanden hätte, der die Kritik aus der AfD in den Rahmen der Selbstkritik des Bauhauses stellt. Geldstreichungen für Kultur mögen bei manchen Zahlern gut ankommen, aber gerade als rechte Partei könnte man an Mussolini denken, der den Dichter Gabriele d'Annunzio mit einem faulen Zahn verglichen hat: Den könnte man ziehen oder mit Gold füllen, und er fände hier Gold besser. Momentan wird die Kulturszene zitiert, als säße sie bereits auf gepackten Koffern, um standesgemäß zu fliehen, die weiße Rose am Revers – ach ja, was hat man nicht alles über Trump gesagt, und nun bleibt sogar Frau Baerbock in seinem Land. Das alles ist letztlich nur eine Frage des Preises und der Fürsprecher, die zwischen Parteigranden, Kunstszene und dem Ausschluss des niederen Volks verhandeln.
Weil man das nicht wahrhaben will, organisieren NGOs gerade Boykottaktionen gegen Medien und Unternehmer, die solche Scharnierfunktionen übernehmen könnten. Das sind Warnungen an andere, sich bloß nicht zu exponieren oder aus der Reihe zu tanzen, und manche wie der Bayerische Hof lassen sich tatsächlich unter Druck setzen. Man will in Deutschland keine undogmatischen Brückenbauer wie die Chefs der großen Internetkonzerne in den USA, die für ihre Geschäfte Geld für Trumps neuen Ballsaal spenden. Man will klare Fronten und niemanden mit Sachverstand und Erfahrung, der aus Profitgier oder Lust an der Provokation die Seiten wechselt und der AfD hilft, die Fallstricke der Realpolitik zu umschiffen.
Man fürchtet verdeckt arbeitende Freundeskreise, die jenen Einfluss nehmen, den man nach einem Wechsel selbst nicht mehr haben würde. Man setzt auf Repression statt auf bessere Argumente. Man ist auf der Seite der reaktionären Beharrung angekommen, die sich gegen jede Veränderung mit allen Mitteln wehrt.
Jedenfalls, die Arbeiter sind diesmal schon übergelaufen, die Unternehmer am Ort werden auch noch folgen, und danach kann es ganz schnell gehen. Spezialisten, hat Walter Gropius einmal gesagt, machen immer die gleichen Fehler, und ich fürchte, das werden die Spezialisten der Brandmauer nun auch auf die harte Tour lernen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.