Das Kinopublikum kennt das Städtchen Fargo im Bundesstaat North Dakota wegen eines Kinofilms der Coen-Brüder und einer Anthologie-Serie, die sich den Coens verdankt. In diesem Film stapft Frances McDormand als hochschwangere Kommissarin durch den Schnee und versucht, zwei Killer zu stoppen, von denen der eine halb debil und der andere richtig, richtig böse ist. In Gang gesetzt wurde das Geschehen durch einen Gebrauchtwagenhändler, der dringend Geld braucht, und es ist alles sehr lustig, sehr schrecklich und ziemlich verdrogt. Ist Fargo so? Ist diese Gegend der Vereinigten Staaten überhaupt so? Im Kern Bosheit und Fäulnis, und über allem die Soße der Nettigkeit?

Laut einer Umfrage gehört Fargo zu den amerikanischen Städten (und Städtchen), deren Einwohner anno 2026 bisher am glücklichsten waren. Bewertet wurde dies anhand von drei Kategorien: physisches bzw. seelisches Wohlbefinden, Einkommen, Gemeinschaft und Umwelt. Den Autor dieser Zeilen überrascht das kein kleines bisschen. Er kennt Fargo zwar nicht, hält sich aber ziemlich häufig in Duluth auf, das von Fargo nur vier Autostunden entfernt ist – nach amerikanischen Maßstäben ein Katzensprung.

Also: In dieser Gegend wird es im Winter höllenkalt. Es gibt Tage, da geht man besser nicht nach draußen, weil einem sonst die Gesichtshaut abfriert. Niemand sagt etwas, wenn man beim Parken den Automotor laufen lässt, schließlich will man nicht, dass die Heizung ausgeht. Quasi zum Ausgleich wimmelt es im Sommer von Stechmücken. Kunst wird dort eher selten gesichtet, und wer ins Theater will, muss weit fahren.

Die Cuisine beschränkt sich in Minnesota auf Walleye, eine sehr schmackhafte Variante des Zanders. Ansonsten isst man Burger mit viel Käse und Speck. Die Männer sind infolgedessen allesamt übergewichtig. Die Frauen auch. Bis vor ein paar Jahrzehnten lebten im hohen Norden der Vereinigten Staaten überhaupt keine ethnischen Minoritäten, wenn man von den Ureinwohnern absah. Seither sind dort droben Somalis heimisch geworden; keine Ahnung, wie die sich an das Klima gewöhnt haben.

Main Street in Fargo, North Dakota

Anders gesagt, Orte wie Fargo sind bezaubernd. Man rückt zusammen und hilft den Nachbarn: Wenn ein Auto im Straßengraben liegenbleibt, hält nicht ein fremdes Auto an, nein, es stoppen gleich drei fremde Fuhrwerke, deren Insassen fragen, ob sie helfen können. Alle kennen ihre Nachbarn. Im Winter kann man sich aufs Snowmobil schwingen und mit röhrendem Motor weit in die schneebedeckte Wildnis ausfahren. Es gibt Grillfeste und gemeinsame Jagdausflüge.

Man kann es sich, während draußen der Schneesturm pfeift, im Kreise seiner Liebsten gemütlich machen und Netflix-Komödien anschauen, „Fargo“ zum Beispiel. Man kann auch am Kaminfeuer, in einen dicken Pullover gekleidet, Prousts „Recherche“ noch einmal durchnehmen. Niemand hetzt einen, alles Dringende findet auf einem anderen Planeten statt. Ein gewisses Maß an Exzentrizität wird unter den Bewohnern eines Städtchens, wie Fargo eines ist, nicht nur geduldet, sondern geradezu ermutigt. Die Menschen sind nach Maßstäben der amerikanischen Ostküste geradezu überirdisch nett.

Kurzum, in Fargo möchte man als New Yorker nicht mal als Wandgemälde längere Zeit verbringen.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.