Dirigent Manfred Honeck leitet das Pittsburgh Symphony Orchestra so elegant wie entschieden. Sein Vertrag als Chefdirigent in Pittsburgh wurde gerade bis 2033 verlängert. Damit kommt der Österreicher auf 25 Dienstjahre in Pennsylvania und erreicht damit einen neuen Orchesterrekord. Zum offiziellen Saisonauftakt – nach dem ersten Philharmonischen Konzert am Montag und vor dem ersten Saisonkonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters am Freitag – war der herausragende amerikanische Klangkörper in der Elbphilharmonie zu Gast. Der Abend begann mit dem Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll von Johannes Brahms. Als Solist am Steinway-Flügel spielte Alexandre Kantorow stilsicher den Gegenpart zum Orchester, was einen interessanten Dialog ergab.

Alexandre Kantorow verausgabt sich am Flügel

Kantorow wirkt, nahezu komplett in die Musik versunken, ein wenig wie ferngesteuert, wenn er mit festem Zugriff auswendig Brahms’ nachdenkliche und expressive Läufe in den Saal schleudert. Honeck wiederum gelingt ein doppeltes Kunststück. Nicht nur, dass er als einer der besten Dirigenten der Welt eng mit seinen Musikern verbunden scheint und die kompletten Fähigkeiten eines Sinfonieorchesters voll ausschöpfen kann: Als guter Kenner des großen Saals der Elbphilharmonie spielt er auch mit dessen akustischen Möglichkeiten. So leise und doch wunderbar klar kann ein Orchester nicht in jedem Haus klingen.

Alexandre Kantorow siegte 2019 beim Tschaikowsky-Wettbewerb

Kantorow verausgabte sich gefühlt und zur Freude des Publikums in etwa wie Brahms selbst, der das Werk 1859 in Hannover zur Uraufführung brachte und anschließend in Leipzig vorstellte – wo es „glänzend durchfiel“ (Brahms). Heute gehört es zu den anerkannten Meisterwerken der Hochromantik. Und Kantorow macht es gemeinsam mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra live zu einer Erlebnisachterbahn der Gefühle. Als Zugabe spielte der französische Pianist, ebenfalls von Johannes Brahms und ebenfalls in d-Moll die Ballade op. 10/1 „Edward“ als Ausklang zur Pause.

Pittsburgh Symphony Orchestra gefeiert

Im zweiten Teil des Abends wartete das Spitzenorchester aus der Neuen Welt mit einem seiner „großen Leibstücke“ (Honeck) auf, das nach dem Gehörten auch als großes Leib- und Magenstück bezeichnet werden darf – der aufwühlenden, weltberühmten 5. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Zur Zeit des Großen Stalinistischen Terrors entstanden und irrtümlich als linientreu interpretiert, sicherte das bis heute um keinen Tag gealterte Meisterwerk dem Komponisten die Rückkehr in die sowjetischen Konzerthäuser. Es in der – seine volle Tiefe dynamisch auslotenden – Interpretation Honecks zu erleben, war ein reiner Genuss.

Elegant und entschieden: Manfred Honeck beim Dirigieren

Auch das mit Standing Ovations gefeierte Orchester bot eine Zugabe und ließ der Sinfonie „Tybalds Tod“ aus „Romeo und Julia“ von Schostakowitschs älterem Zeitgenossen Sergej Prokofjew folgen. Als zweites großes amerikanisches Orchester der Saison wird The Cleveland Orchestra unter Leitung von Franz Welser-Möst am 2. Oktober gemeinsam mit der Sopranistin Golda Schultz in der Elbphilharmonie zu Gast sein.

Senator, Intendant und Architekt würdigen Elbphilharmonie

Vor dem Auftaktkonzert gab es zum Auftakt der Jubiläumssaison eine offizielle Würdigung der ersten zehn Jahre der Elbphilharmonie. Kultursenator Carsten Brosda (SPD) hob hervor: „Mit der Eröffnung der Elbphilharmonie hat Hamburg ein neues Kapitel in der Geschichte der Stadt aufgeschlagen. Die lange Tradition als Kulturstadt hat ihre Form gefunden und zeigt sich seitdem in dem ikonischen Bau am Ufer der Elbe.“ Zur Dokumentation der Erfolgsgeschichte erscheint heute das Buch „Elbphilharmonie live“ bei Hoffmann und Campe, das auch Statistiken enthält, die deutlich machen, welche Wucht die Kultur seit der Eröffnung im Januar 2017 entfaltet hat.

29,5 Millionen Gäste, 80 Prozent von ihnen Touristen, waren auf der noch bis Oktober kostenfrei nutzbaren Plaza zu Gast und warfen von dort einen Blick auf die Elbe, den Hafen oder die City. 7,4 Millionen Konzertbesucher besuchten ein- oder mehrmals eine der 6600 Veranstaltungen. Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter hält fest: „Es hat sich ausgezahlt, den Hype der Anfangsjahre zu nutzen und ein Programm zu etablieren, das die größten Stars der Klassik mit Ungewohntem und Überraschendem verbindet – und damit ein neues Publikum für Musik begeistert.“ Auch Pierre de Meuron, Architekt und Gründungspartner des Büros Herzog & de Meuron, das die Elbphilharmonie entworfen hat, war zum Saisonauftakt zu Gast. Er betont: „Das Gebäude funktioniert heute nicht nur als Konzerthaus, sondern ist zu einem Ort geworden, den viele Menschen im Alltag besuchen und mit Hamburg verbinden – ein Ort, an dem Musik, Architektur und Stadtraum zusammenkommen.“

Das Konzert im Video unter: https://www.youtube.com/watch?v=EFc4SfGsEQg

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.