Als vor ein paar Wochen das Gerücht aufkam, die Herzogin von Sussex, bei Nicht-Royalisten unter Serienjunkies besser bekannt als Meghan Markle alias Rachel Zane aus dem Juristen-Vielteiler „Suits“, käme nicht nur aus dem selbstgewählten amerikanischen Exil auf die von ihrem königlichen Schwiegervater – naja – regierte Insel zurück, sondern würde auch noch in der eigentlich von Netflix noch gar nicht bestellten dritten Staffel von Guy Ritchies „The Gentlemen“ eine tragende Rolle übernehmen, platzte nicht nur den Nicht-Royalisten im Vereinigten Königreich die Hutschnur.

In den acht Jahren seit ihrer Traumhochzeit mit Harry, dem jüngeren Bruder des Thronfolgers William, haben sich die amerikanische Schauspielerin und ihr Duke nicht nur aus der königlichen Familie verabschiedet, sondern es auch geschafft, landesweit unbeliebter zu werden als die EU kurz vor dem Brexit. Was schon eine Leistung ist.

Kaum hatte Tina Brown, die hofnahe ehemalige Vanity-Fair-Chefredakteurin, das besagte, hutschnursprengende Gerücht gestreut, kassierte sie es wieder. Weil sich des Volkes Zorn in einem Shitstorm geradezu biblischen Ausmaßes Luft verschafft habe, so Brown, hätten Netflix und Ritchie von den Plänen Abstand genommen.

Inzwischen ist das nicht mehr ganz so sicher. Netflix dementiert gar nichts. Das Umfeld des ehemals royalen Couples, das bei Netflix für diverse (bisher ziemlich gefloppte) Projekte zu einem Salär unter Vertrag steht, für das man eine der Jungferninseln samt Luxusressort kaufen könnte, meint bestätigen zu können, das mit den Verhandlungen sei mitnichten Geschichte.

Abgesehen von einem Extra-Salär von geschätzt einer Million Pfund, käme Meghans erster Dreh nach ihrem mit viel Aplomb erklärten Rückzug von der Schauspielerei anno 2017 der Wahrung der Work-Life-Balance der Duchess sehr entgegen. Ritchies Adligendrogengangstermoritat wird zu großen Teilen in den Cotswolds gedreht, was geradezu um die Ecke jenes (nichtroyalen) Hauses ist, in das Harry und Meghan ziehen werden.

Durchgeknalltes Knallchargendrama

Guy Ritchie würde sich totfreuen. Zum aberwitzigen erzbritischen Kosmos der „Gentlemen“ – und jetzt müssen wir endlich zur gerade anlaufenden zweiten Staffel kommen – passt Meghan als Meta-Fiction-Figur wie Camilla zu Charles. Es geht schließlich im durchgeknallten Knallchargenseriendrama – neben ganz vielem anderen – um zwei feindliche Brüder, um eine Thronfolge, um die Verpflichtung, die eine nahezu bis Christi Tod und möglicherweise bis in die Troer-Zeit zurückreichende Tradition mit sich bringt.

Guy Ritchies „The Gentlemen“ (nicht zu verwechseln mit Guy Ritchies gleichnamigem Film, der kaum Beziehung zur Serie hat) erzählt vom zwölften Duke of Halstead. Der hat sein Erbe – entgegen der royalen Primogenitur-Regel – nicht Freddy, seinem unter anderem drogeninduziert völlig freidrehenden Erstgeborenen, anvertraut, sondern dem (wie Harry) zweitgeborenen Eddie. Der ist Afghanistan-Veteran und Offizier der Reserve (wie Harry).

Damit nun aus der Geschichte der Hornimans (so heißen die Herren von Halstead Manor wenig subtil mit bürgerlichem Namen) nicht „Downton Abbey“ mit anderen Mitteln, sondern eine Guy-Ritchie-Geschichte wird, finanzieren die notorisch klammen Dukes ihren Lebens- und Herrenhausunterhalt eben nicht durch Eintrittsgelder von Touristen oder milde Gaben des für den Erhalt historischer Gebäude in England so segensreich wirkenden National Trust. Halstead Manor sieht deswegen so schmuck aus, weil der alte Duke unter der nicht ausreichend fruchtbaren Krume seiner Ländereien eine gewaltige, gewaltig florierende Marihuana-Farm angelegt hat.

In den gut acht Stunden der ersten Staffel vollzieht sich die Verwandlung des moralisch eigentlich integren Eddie vom Paulus zum Saulus. Der Duke verliebt sich – während er Schulden anhäuft, sie umschuldet, sie eskalieren lässt, sich zunehmend abhängig macht vom ortsansässigen Drogenimperium des Bobby Glass – allmählich in die Vorstellung von sich als smartem Verbrecher.

Mit Realismus hat das natürlich nichts zu tun (hat es nie bei Ritchie). Mit Psychologie muss man Guy Ritchie sowieso bei keiner Figur seiner Jungsphantasmagorien kommen. An jeder Station seines Horniman-Dramas sammelt Ritchie die größtmögliche Anzahl unmöglicher Scherze und Zoten ein, Blut spritzt. Nichtmuttersprachler können ihren Bestand unanständiger englischer Wendungen nahezu sekündlich erweitern. Wilde Schnitte, irre Wendungen, völlig abgefahrene Sequenzen. Es ist sehr lustig. Und sehr cool.

Dass Ritchie sein Geschäftsmodell und das derer von Halstead Manor gewissermaßen globalisieren würde, war schon vor dem geradezu epischen Finale der ersten Staffel klar. Nun erledigt Theo James – der Eddie ist, James Bond werden könnte und in Staffel zwei unter Beweis stellt, dass er sogar vier Gesichtsausdrücke beherrscht (er weint einmal) – einen italienischen Job. Das Marihuana-unter-Luxuslandgütern-Prinzip wird zum Franchise. Der Duke kommt erst ins Geschäft mit dem mafiösen Unternehmen des Marco Moretti, dann heiratet er, das zumindest darf man verraten, ein.

Das Vereinigte Königreich muss gerettet werden

Ritchie verschwendet gerade am Lago Maggiore so viel Geld in die Ausstattung, als würde er unter den 1100 Hektar von Ashcombe Estate, seinem nahe dem Kaff Tollard Royal (!) gelegenen Landsitz in der Grafschaft Wiltshire, selbst massiv Gras anbauen. Einen Teil der Ernte muss er im Writer’s Room verteilt haben, anders ist der wild wuchernde Plotdschungel nicht zu erklären.

An einem biblischen, irgendwann gar nicht mehr subtil versteckten roten Faden entlang geht es um Falknerei und Geldwäsche, um die Einflussnahme aufs britische Oberhaus, um die Brüder Esau und Jakob, um die Rettung des Vereinigten Königreiches aus dem Chaos, für die es keinen besseren Kandidaten gibt als den Duke. Mit Lebensweisheiten (man erkennt erst, wer man ist, wenn man sich aufgegeben hat) wird so scharf geschossen wie mit schlimmen Italien-Klischees. Pavarotti darf singen und die Callas. Theologie wird betrieben. Man lernt viel und nicht nur Schimpfwörter.

Es ist übrigens am Ende eine weibliche Hauptrolle frei. Die schauspielerischen Herausforderungen sind nicht allzu hoch. Man muss nur niedlich gucken können. Und nicht mehr mimisches Talent besitzen als Theo James. Drei Gesichtsausdrücke reichen also. Das hat Meghan Markle drauf.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.