Der Brief, den die 15-jährige Anastassija an den Menschenrechtsbeauftragten schreibt, beginnt mit: „Guten Tag, Andrei Jurjewitsch.“ Sie stellt zuerst die Familie vor: drei Schwestern, die jüngste, Darja, ein behindertes Kind. Der Vater, 51 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen, per Mobilmachung eingezogen, steht irgendwo an der Front. Jetzt zwinge man die Männer, Verträge zu unterschreiben, schreibt sie; wer sich weigere, komme „in die Sturmangriffe zur Obnulenije“. Entweder Vertrag oder Obnulenije. Ihre Mutter habe schon eine Eingabe an die Militärstaatsanwaltschaft geschickt, aber sie habe Angst, es nicht rechtzeitig zu schaffen – den Vater „vor der Obnulenije zu retten“.

Obnulenije war einmal das Wort für ein politisches Manöver. 2020 ließ Wladimir Putin seine bisherigen Amtszeiten „auf null setzen“, um bis 2036 weiterregieren zu können; das ganze Land lernte den Begriff über Nacht. Fünf Jahre später steht dasselbe Wort in einem Kinderbrief und bedeutet dort das Gegenteil von Machterhalt: die Beseitigung des eigenen Soldaten durch das eigene Kommando. In den Akten, aus denen dieser Brief stammt, fanden zwei Forscher 45 weitere, in denen Männer von ihren Vorgesetzten „auf null gesetzt“ werden – in Gruben gesperrt, halb totgeschlagen, in aussichtslose Angriffe geschickt.

Anastassijas Brief ist einer von Tausenden. Zwischen Ende April und Anfang September 2025 wurde eine schlecht gesicherte Datenbank mit Eingaben an den russischen Menschenrechtsbeauftragten zugänglich; von den 9476 Schreiben, die das Portal „Echo“ auswertete, handeln 6739 vom Krieg, verfasst von Soldaten oder ihren Angehörigen. Aus diesem Material haben die Anthropologin Alexandra Archipowa und der Psychologe Juri Lapschin ein „Ethnografisches Wörterbuch des Krieges“ zusammengestellt, 77 Einträge. Wer es liest, versteht bald, dass die Obnulenije keine Entgleisung ist, sondern Grammatik: die Sprache eines Systems, in dem Menschen zu Ressourcen werden und der Tod zu einer Frage von Logistik, Geld und Status.

Zuerst ist da ein Himmel. Auf beiden Seiten der Front entscheiden inzwischen Drohnen über Leben und Tod; die Soldaten nennen sie „Vögelchen“. Ein „sauberer Himmel“ heißt: keine Drohnen, freie Bahn. Ein „schmutziger Himmel“ heißt: Der Luftraum ist voll von ihnen, jede Bewegung wird gesehen, jeder Schritt kann der letzte sein. In diesen schmutzigen Himmel schickt das Kommando die Männer, die es „Fleisch“ nennt – in „Fleischangriffen“, aus denen kaum jemand zurückkommt und kaum jemand zurückkommen soll. Der Tod ist hier keine Katastrophe, sondern eine Kategorie der Logistik: Wer fällt, wird zum „Zweihunderter“, wer verwundet liegen bleibt, zum „Dreihunderter“. Die Sprache hält für jede Art des Sterbens ein Formular bereit.

Das Wörterbuch ist nicht ideologisch, sondern buchhalterisch. Für Kampf, Verwundung und Tod fließt Geld, über das oft die Kommandeure verfügen. So kann der tote oder verschwundene Soldat mehr wert sein als der lebende. Besonders zeigt sich das an den „Kalitschi“, den „Krüppeln“: kampfunfähigen Verwundeten, die man weder entlässt noch nach Hause schickt, sondern die für Hilfsarbeiten eingesetzt oder erneut in Sturmangriffe geschickt werden – weil auch ihr Verschwinden Geld einbringt.

Dieselbe Ökonomie erklärt die „Grube“. In vielen Einheiten ersetzt sie den Arrest: ein tatsächlich in die Erde gegrabenes, oben vergittertes Loch, zwei, drei Meter tief, damit niemand herausklettert. Wer hineinkommt, wird geschlagen, mit Wasser übergossen, mit Strom aus einem Feldtelefon traktiert – ein Deserteur beschreibt es im Wörterbuch in einer Nüchternheit, die schlimmer wirkt als jeder Aufschrei.

Offiziell dient die Grube der Disziplin. Tatsächlich ist sie auch ein Erpressungswerkzeug: Ein Soldat wird über Monate von Grube zu Grube weitergereicht – Wolnowacha, dann ein Dorf, dann die nächste Stadt –, bis er unterschreibt oder sein Sold in den richtigen Taschen landet. Männern, die sich nach einem Sturm weigerten, zurückzukehren, legte man einmal eine scharfe Panzermine mit in das Loch.

Wo so viel Geld an den Tod geknüpft ist, entstehen Geschäftsmodelle. „Schwarze Witwen“ nennen kremlnahe Blogger jene Frauen, die – oft in Scheinehen – vom „Sarggeld“ gefallener Vertragssoldaten leben; eine Frau aus Tjumen erzählte in einem Video lachend, vom Vorschuss fahre sie ans Meer, und falls man ihren Mann töte, kaufe sie ein Haus. Der Begriff soll die Frauen brandmarken, verdeckt aber, dass die eigentliche Maschine größer ist: In mehreren dokumentierten Fällen fädeln Anwerber, Standesbeamte und Polizisten die Ehen selbst ein, treiben die Männer in die Sturmtrupps und räumen nach deren Tod die Konten leer. Der Tod ist hier eine Anlageklasse.

Wer sich dieser Logik entzieht, wird zum „Otkasnik“, zum Verweigerer. Das Wort meint zweierlei: den Soldaten, der nicht in einen aussichtslosen Angriff geht, weil er weiß, dass ihn niemand überlebt, und den Mobilisierten, der sich weigert, den Vertrag zu unterschreiben. Die Angehörigen betonen in ihren Briefen immer wieder, es gehe den Männern nicht um Fahnenflucht, sondern allein um diesen Status: Sie wollen ihren rechtlichen Stand nicht ändern.

Die Antwort des Systems ist Druck. „Ihr habt drei Tage, den Vertrag zu unterschreiben“, heißt es in der Sprachnachricht eines Kommandeurs, „sonst werdet ihr automatisch in die sechste Sturmkompanie versetzt.“ Wer bleibt, verschwindet in der „Grube“ oder in einem inoffiziellen Gefängnis auf dem Gelände der Einheit, ohne Kontakt, ohne Papiere – oder in der Obnulenije.

Über all dem steht eine Figur, für die ein einziges Wort genügt: der „Kurator“. So heißt der Anwerber am Militärkommissariat, so heißt der Mitarbeiter des staatlichen Fonds, der den Familien beim Ausfüllen der Antragsformulare hilft, und so heißt der Offizier der militärischen Spionageabwehr des FSB, der einer Einheit zugeteilt ist. Derselbe Begriff bezeichnet den Mann, der einen in den Krieg lockt, und den Mann, der einen verhört, wenn man aus ukrainischer Gefangenschaft zurückkehrt – einen Heimkehrer hielt man monatelang in einer Kaserne fest, ohne Behandlung, bis der „Kurator“ ihn befragt hatte. Das System hat viele Türen hinein und keine hinaus.

Aus „toten Seelen“ lässt sich noch Geld rausholen

Wie diese Maschine funktioniert, zeigt die „Bankkarte“. Auf sie fließen Sold und Kampfzulagen; sie steht im Zentrum der „Todesökonomie“. Vor Sturmeinsätzen, berichten Briefe und ein Deserteur, heißt es: „Gebt eure Karten ab, mit PIN.“ Ein Vertragssoldat erklärt die Logik: Behält der Kommandeur die Karte, läuft das Geld weiter. Am besten sei der Soldat eine „tote Seele“, aus der sich noch „ein bisschen Geld herausholen“ lasse; mit Lebenden gebe es „nur Ärger“. Der Satz könnte bei Gogol stehen. Hier schließt sich der Kreis zur Obnulenije: Angehörige berichten, Männer seien „auf null gesetzt“ worden, um anschließend ihre Konten leerzuräumen.

Über diese Maschinerie legt sich eine zweite Sprache: die Heldensprache der Militärblogger. Seit 2023 „gehen“ Gefallene bei ihnen „in die Unsterblichkeit ein“ – eine Formel, die aus den Z-Kanälen in die Briefe der Mütter gewandert ist. In einem davon laufen beide Sprachen zusammen. Eine Mutter schreibt über ihren 2024 bei Makijiwka gefallenen Sohn, er sei „nicht gestorben, sondern in die Unsterblichkeit eingegangen“. Dann berichtet sie, wie „die Eigenen“ seine Taschen durchwühlten, und Uhr, Kette und Sberbank-Karte nahmen. Darin steckt das ganze Wörterbuch: die Unsterblichkeit und die abgezogene Bankkarte, der Held und die Ware, die er noch im Tod ist.

Der Soziolinguist Michael Halliday nennt solche Sondersprachen „Antisprache“: Je mehr Wörter eine Gruppe für dasselbe Phänomen findet, desto zentraler ist es für ihre Welt. Dass die „Schützengrabensprache“ so viele Arten zu sterben kennt – Zweihunderter werden, auf null gehen, in die Unsterblichkeit eingehen –, ist deshalb kein Zufall. Archipowa und Lapschin nennen ihr Wörterbuch nur einen Anfang. Schon jetzt ist es eines der ehrlichsten Dokumente dieses Krieges – weil es die Menschen in ihren eigenen Worten zeigt.

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