Hier sieht’s ja aus wie im Möbelhaus“, sage ich, während wir zu der kleinen Ecke geführt werden, die für unser Gespräch reserviert ist. Wir befinden uns in einer oberen Etage des PalaCinema genannten Hauptquartiers der Filmfestspiele von Locarno. Am Abend wird Darren Aronofsky auf der Piazza Grande den Ehrenleoparden für sein Lebenswerk überreicht bekommen.
Jetzt, angesichts der unzähligen Sofas in dem riesigen Raum, kichert er, wenngleich in seinem typischen Bariton. Man spürt gleich: Hier ist einer höflich, freundlich, zugleich hellwach, ein wenig in sich gekehrt und in jeder Sekunde eingedenk der eigenen Wirkung.
Kein Wunder, der Mann ist einer der berühmtesten Regisseure, die in Hollywood auf dem schmalen Grat zwischen Arthaus und Mainstream tanzen. „Noah“ mit Russell Crowe als biblischem Helden, der gleichwohl die Menschheit über die Klinge springen lässt, spielte 2014 360 Millionen Dollar ein, bei einem Budget von weniger als der Hälfte. Und „Black Swan“ mit Natalie Portman war viel günstiger und brachte 2010 fast ebenso viel. Aronofskys fortgesetzter Erfolg ist mit keiner Branchen-Blaupause zu erklären. „Black Swan“ war ein als Tanzfilm getarnter Horrortrip, dessen Protagonistin eine schwere Meise hat und am Ende stirbt. Bei einem solchen Elevator Pitch jauchzen die wenigsten Studio-Bosse auf.
In Locarno hat er keinen neuen Film dabei. Er kommt, wie er sagt, für die Ehre und zum Feiern. „Bis gestern“, sagt er, „dachte ich, es liegt in Italien.“ An diesem Morgen war er allerdings schon in einem der nahen paradiesischen Flusstäler schwimmen wie ein gewiefter Einheimischer. Und als er hört, dass ich aus Berlin komme, sagt er: „Ah, am liebsten würde ich mitkommen und mal wieder im Berghain feiern.“
Aronofsky ist 57, sieht aber alterslos semi-jugendlich aus. Er trägt New-Balance-Sneaker, eine Leinenhose, ein gehäkelt wirkendes Kurzarmhemd. Die Haare sind radikal kurzgeschoren, die Fingernägel lackiert, in zartem Violett. Könnte klappen mit dem Berghain.
Ich erzähle ihm, dass Hemingways „In einem anderen Land“ in Locarno endet, als der Held mit seiner Geliebten aus Italien den Lago Maggiore hochrudert. Aronofsky blinzelt interessiert.
Später – wir sind gerade bei der visionären Kraft von „Terminator“ – wird eine Pressedame nervös auf eine imaginäre Uhr an ihrem Handgelenk tippen. Es gibt Folgetermine. „Gib uns noch ein paar Minuten“, wird Aronofsky sagen, „ich will das Gespräch zu Ende führen.“ Es ist das einzige mit einem Journalisten, das er in Locarno führt. „Normalerweise ist das echt ätzend“, sagt er. „Aber das hat Spaß gemacht.“
Der Mann und sein EhrenleopardAronofsky wuchs in Brooklyn als Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie auf. Seine Großmutter väterlicherseits stammt aus Vilna in Litauen, einstmals Polen, woran er sich vor ein paar Jahren erinnerte, als er alte Familienalben durchsah. Er habe sich immer schon zu Europa hingezogen gefühlt und eine Verwandtschaft gespürt, auch in der Art, Filme zu machen. „Mir wurde klar, dass dieser Pass ein Recht ist, das ich von meiner Großmutter geerbt habe, also habe ich mich darum bemüht.“ Man solle deshalb aber nicht glauben, dass das irgendwas mit einer Abkehr vom Trump-Amerika zu tun habe. „Die Schriftstellerin Rebecca Solnit, eine alte Freundin von mir, hat mal etwas gesagt, das mir viel bedeutet hat, als so viele darüber redeten, Amerika der Politik wegen zu verlassen: Nein, es ist unsere Verantwortung zu bleiben und das Gespräch mitzugestalten.“
Aronofskys Filme handeln meist von krassen Außenseitern, die enormem psychischen Druck ausgesetzt sind und ihre Körper bis an die Belastungsgrenze malträtieren, um zu irgendeiner Form von Erlösung zu gelangen. Eine seltsame Formel, aber sie gilt für den frühen Junkie-Film „Requiem for a Dream“, für „Black Swan“, „Noah“ oder „The Fountain“. In Letzterem, von 2006, forscht ein besessener Hugh Jackman an der Formel für ewiges Leben, während seine Frau, gespielt von Rachel Weisz, an Krebs zugrunde geht. Die Hauptfigur reist in ein Südamerika der Konquistadorenzeit und bis an die Grenzen des Universums. Der psychedelische Trip mit Petrischalen-Ästhetik kam als einer der wenigen Filme des Regisseurs nie in die Gewinnzone. Im echten Leben haben Aronofsky und Weisz, die inzwischen mit Daniel Craig zusammen ist, ein gemeinsames Kind.
„The Wrestler“ von 2008 mit einem ziemlich kaputten Mickey Rourke ist der nächste Aronofsky, auf den die Formel passt. Die Geschichte um den gealterten Wrestling-Star, der wider alle Vernunft ein Comeback erzwingt, das ihn teuer zu stehen kommt, ist wahrscheinlich Aronofskys Meisterwerk, aber das ist Ansichtssache. Seine Filme spalten, und jeder von ihnen, der grundsätzlichen Ähnlichkeit zum Trotz, scheidet die Menschen neu in Befürworter und Gegner. Man durchleidet sie regelrecht körperlich.
Meisterwerk: Mickey Rourke in „The Wrestler“Im „New Yorker“ stand einmal die Anekdote von der Cannes-Premiere des Heroindramas „Requiem for a Dream“. Während sich das Publikum unter einem schnell geschnittenen Stakkato aus Nadelstichen, Flammen, Wundbrand-Amputationen, Zwangsarbeiterkolonnen und Strippern wand, habe einer der Executive Producer laut aufgelacht. Auf Aronofskys erstaunte Frage, was denn so lustig sei, habe er geantwortet: „Sieh dir an, was du diesen Leuten antust!“ Darauf folgten 15 Minuten Ovationen, befeuert nicht zuletzt von der Erleichterung, den Film nie wieder sehen zu müssen.
„Mother!“ von 2017, in dem nach herrschender Lesart Jennifer Lawrence die Natur symbolisiert, der die Menschheit übel mitspielt, brachte mindestens Feministinnen in Rage. Sie befanden, eine Frau zu erniedrigen, gehe gar nicht, auch nicht, wenn die Botschaft gegenteilig sei. So hadert Aronofsky mal mit dem Zeitgeist, mal passt er besser hinein. Er geht eigensinnig bis zur Sturheit seinen Weg. Auch mit Lawrence hatte er eine Beziehung, allerdings eine kurzlebige.
In jüngster Zeit beschäftigt er sich viel mit künstlicher Intelligenz. Er glaubt, sie werde sowieso vieles umstürzen in der Art und Weise, wie Filme entstehen. Deshalb tue man gut daran, an vorderster Front dabeizusein. Wäre er heute ein junger Filmemacher ohne Geld, würde er sich genauso darauf stürzen. Und er, mit seinem Einfluss, sagt er, „habe eine Verantwortung gespürt, mich in die Technik einzumischen und zu sehen, ob wir sie fürs filmische Erzählen fruchtbar machen können“. Einerseits verleite die Technologie zur Faulheit und dem vorschnellen Glauben, man habe „etwas Großartiges gemacht, weil die Ergebnisse so fertig aussehen“. Dennoch „starten Künstler heute mit einem Vorsprung, den kein Filmemacher vor ihnen hatte“.
Zum Zweck des KI-Avantgardismus gründete er das Studio Primordial Soup, auf Deutsch Ursuppe. Seit Mai 2025 arbeitet es mit Google DeepMind zusammen und werkelt an dessen Videomodell Veo mit. Drei Kurzfilme von Nachwuchsregisseuren sind bislang entstanden – der erste, Eliza McNitts Geburtsdrama „Ancestra“, lief im Juni in Tribeca. Ende Januar dieses Jahres kam die Bewährungsprobe vor größerem Publikum: „On This Day… 1776“, eine animierte Kurzserie, die auf dem YouTube-Kanal des „Time“-Magazins Szenen des amerikanischen Unabhängigkeitsjahres nachstellt, jede Folge auf den Tag genau 250 Jahre danach. Binnen Stunden fielen die Kommentarspalten über Aronofsky her. Der „Guardian“ nannte die Sache obszön und peinlich, der „Hollywood Reporter“ schmähte die Folgen mit dem für halbgares KI-Zeugs inzwischen gebräuchlichen „slop“, zu Deutsch etwa Schlabberzeug. Die Zuschauer beömmelten sich über den zu Tode kopierten immergleichen Soldaten auf den Schlachtfeldern sowie die Plastikmienen der Gründerväter. Als einziges Element überzeugte durchweg der Ton. Der kam aber auch nicht aus der Maschine. Die Stimmen stammen von Mitgliedern der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA.
Der Unabhängigkeitskrieg als Platzhalter für heutige Grabenkämpfe – eine schöne Pointe, und Aronofsky mittendrin. Und er darf Veteranenstatus beanspruchen: Schon sein Debüt „Pi“ über einen Mathematiker, der sich irgendwann selbst in den Kopf bohrt, ging 1998 als einer der ersten Filme mit vollständig digital erzeugter Eröffnungssequenz in die Geschichte ein.
Von den Unkenrufen, die KI verteufeln, will er jedenfalls nichts wissen. „Erinnern Sie sich“, sagt er, „vor einem Jahr hieß es noch, die KI male jeder Figur sechs Finger. Das ist heute komplett passé.“ Und genauso werde es weitergehen.
Am Abend treffen wir uns beim Gala-Dinner wieder. Festivaldirektor Giona Nazzaro begrüßt Legenden wie den Koreaner Hong Sang-soo und seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Kim Min-hee, oder Lee Ranaldo, Gitarrist von Sonic Youth. Es gibt Champagner, Scampi und Cheesecake. Dann hurtig raus, die einen, wie ich, zum Hinterausgang auf die Piazza Grande, die anderen, wie Aronofsky, über den roten Teppich Richtung Bühne. Untermalt von Guns N’ Roses „Sweet Child o’ Mine“ schreitet Aronofsky ins Rampenlicht.
Natalie Portman in „Black Swan“Er macht einen schnellen Witz über Madonna, den die Tessiner aber nicht mit dem erwarteten Lacher quittieren – wahrscheinlich denken sie an die nahe Wallfahrtskirche Madonna del Sasso auf den Hängen von Orselina. Aronofsky zieht zum Spaß eine gequälte Grimasse. Wenn Locarno je einen seiner Filme auf der Piazza programmieren würde, meint er, werde sie bestimmt halb leer sein. Auch das kommt nur so halb gut an; der selbstironische Humor passt besser nach Brooklyn als in die Südschweiz.
Später, nach dem Hauptfilm, einer Schnulze über späte Liebe unter französischen Studienräten, steht Aronofsky in der Campari-Rotunde auf der Rückseite der riesigen Leinwand. Es ist bald Mitternacht und immer noch wahnsinnig heiß. Um ihn herum ist alles rot von der Deko und von den vielen Negronis. Er ist mit Isabelle Huppert ins Gespräch vertieft. Dann kommt er herübergeschlendert. Wir überlegen, ob Social Media den Film als maßgebliche Kunst des 21. Jahrhunderts abgelöst hat. Aronofsky bringt es auf die Formel: „Pablo Picasso heißt jetzt MrBeast“ – aber malt mit den Augenbrauen ein Fragezeichen in die Luft. Dann sagt er „Cheers“ und schlendert gut gelaunt in die schwüle Nacht, denn manche Rätsel der Gegenwart dürfen ruhig mal so stehenbleiben.
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