Der Witz geht so: „Sind Louis Corvalán und Angela Davis ein Ehepaar? – Im Prinzip nein, sie sind ein und dieselbe Person.“ Das Gelächter, das vor 1989 wohl im gesamten Ostblock bei jenen folgte, die sich noch nicht völlig hatten manipulieren lassen, muss Westmenschen erklärt werden: Sowohl der chilenische KP-Chef als auch die US-amerikanische Bürgerrechtlerin hatten sich einst vom Kreml-System den Schneid ihrer andernorts so eindrucksvollen Individualität und Widerständigkeit abkaufen lassen und waren zu Sprechpuppen der spättotalitären Diktatur geworden.

Der 1965 in Moskau in einer jüdischen Familie geborene und seit Mitte der 1990er-Jahre in Berlin lebende Schriftsteller Boris Schumatsky unternimmt in seinem Buch „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“ erst gar nicht den Versuch einer Erklärung. Seine Erinnerung an heimliche Witze im Moskau der Breschnew-Zeit ist eingebettet in eine eindringliche, Roman gewordene Reflexion über Sprache und deren schier unendliche Möglichkeiten, Realitäten zu verzerren und zu vernebeln. Die literarisch und ästhetisch tragfähigste Form der Renitenz besteht darin, davon zu erzählen. Und genau das vermag Boris Schumatsky – sogar auf einer Langstrecke von über 400 Seiten.

Der Ich-Erzähler lebt im „multikulturellen“ Berliner Wedding unserer Tage und kann seit dem 24. Februar 2022, dem Tag der russischen Vollinvasion in der Ukraine, seine Augen und Ohren kaum noch von den mitgeschnittenen Schreckens-Videos und Telefonaten lösen. Die nihilistische Gewalttätigkeit der Invasoren katapultiert ihn abrupt zurück in seine Moskauer Kindheit und Jugend: Was damals in der menschenverachtenden Alltagssprache des Homo sovieticus die elende Realität des stagnierenden Systems flankierte, hatte sich nun im Großangriff auf ein anders gewordenes Land sogar noch ausgeweitet, etwa ins Foltern und Kastrieren ukrainischer Gefangener durch Putins Soldateska. Schumatsky, Chronist des Schreckens, erspart uns Lesern nichts.

Und dann die Frage nach dem „Kontext“

Und dann kommt auch noch der 7. Oktober 2023, schieben sich die Splatter-Sequenzen aus den Bodycams der euphorisierten Hamas-Mörder über die Bilder aus der überfallenen Ukraine und korrespondieren mit den pseudoschlau-kalten Kommentaren, die den säkular-toleranten und weltoffen-liberalen Erzähler in seiner Facebook-Timeline heimsuchen: Ob Israel denn nicht auch, ob die Juden, ob nicht „ein gewisser Kontext“...?

Wie leicht hätte eine Roman-Konstruktion unter solcher Last ächzen, wenn nicht gar zusammenbrechen können! Dass dies nicht geschieht, ist einem Erzählen zu verdanken, das von der ersten Seite an just dieses instrumentell entwertete Wort wieder in sein Recht setzt: Kontext, und zwar reflektiert und packend konkret. Ein Kontext dieses Romans besteht darin, dass der Protagonist hofft, die geliebte Mutter in Moskau vor ihrem Tod noch einmal besuchen zu können. Die Mutter wird er nicht wiedersehen; sie hatte ihn vor dem Risiko gewarnt, als im Ausland lebender Regimekritiker ins gegenwärtige Russland einzureisen.

Doch mit der Mutter-Sehnsucht erinnert sich der Ich-Erzähler an die Geschichten einer schillernden Frau namens Natalia, die einst in der Moskauer Wohnung der Eltern ein- und ausgegangen war. Diese Natalia teilte damals offenherzig ihre Erlebnisse aus ihren Jahren als junge Concierge in einem Pariser Hotel. Über diesen Strang tritt nun noch eine weitere entscheidende Person in den Romanplot: Paul Celan. Jude, Flüchtling und Überlebender, ein im Deutschland der Schriftsteller-Gruppe 47 lange unverstandener Dichter, der bereits vor über einem halben Jahrhundert die bittere Erfahrung gemacht hatte, wie sich Sprache, anstatt zu benennen, auch wortreich wegducken kann vor Hass und Gewalt.

Da sich ja auch die „Guten“, Celans Geliebte Ingeborg Bachmann etwa oder der Kollegenfreund Heinrich Böll, als verblüffend unfähig entpuppt hatten, jenen Antisemitismus beim Namen zu nennen, zu dessen Opfer ihr Mitmensch immer wieder geworden war.

Das ausweichend Verschwiemelte all dieser brieflichen Beschwichtigungen springt uns durch die szenische Präsenz des damaligen Geschehens geradezu an, doch keineswegs im Modus mahnender Rhetorik. Natalia und Paul, dessen Frau Giséle und die inzwischen in Israel lebende Czernowitzer Jugendfreundin Ilana Shmueli sind in diesem sich immer wieder weitenden Roman eben nicht zu mechanisch plappernden Abziehbildern à la Corvalán-Davis geworden. Sondern zeugen in ihrer ab nun gleichsam ewigen Lebendigkeit von etwas, das jenseits wohlfeiler Spruchweisheit auch literarisch Evidenz besitzt. In diesem Sinne wandelt Schumatskys gelungener Roman ein geflügeltes Wort von Celans Geliebter Ingeborg Bachmann ab: Zuvorderst die verdrängte Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.

Boris Schumatsky: Die Seine fließt ins Schwarze Meer. Residenz Verlag, 412 Seiten, 29 Euro

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