Miley Cyrus hat keinen Nachnamen mehr. Zumindest deutet ihr neues und zehntes Studioalbum „Bass Persuades“ das an. Das erscheint nur noch unter dem Namen Miley. Damit reiht sich die Amerikanerin in eine lange Tradition ein, die von Cher über Madonna bis Beyoncé reicht: Der Verzicht auf den Familiennamen fungiert seit jeher als finale Emanzipationsgeste, mit der aus einer gewöhnlichen Prominenten eine sofort wiedererkennbare Marke der Popkultur wird.

Eine fundamentale Weichenstellung, deren Zeitpunkt überrascht. Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte Cyrus „Something Beautiful“, das vielwinklig, kompliziert, ambitioniert war. Gleichzeitig brach es unter diesen Ambitionen stellenweise zusammen. Denn zwar führte es weg vom Hit an sich, lotete Genres wie Progrock oder Soul aus. Aber es ersetzte die großen Melodien lediglich durch scheinriesenhaften, auf halber Strecke scheiternden Eklektizismus.

Ist „Bass Persuades“ also eine Kurskorrektur? Die recht knappe Spielzeit von 38 Minuten deutet das ebenso an wie der Titeltrack, der eine präzise, beinahe minimalistische Architektur besitzt. Cyrus befreit sich hier vom Ballast ausufernder Popdramen und liefert eine hochenergetische Hymne ab, die sofort auf den Punkt kommt. Eine Ansage, ganz wie es vor mittlerweile auch schon wieder drei Jahren ihre bis dato letzte Nummer-eins-Single „Flowers“ war, ausgestattet nicht nur mit maximalem Wumms für die Tanzfläche, sondern auch mit einer Botschaft: Die Kids, so klagt sie hier (womöglich etwas altklug), würden doch nur noch an den Bildschirmen ihrer Smartphones hängen, anstatt mal aus dem Fenster oder wenigstens in den Fernseher zu schauen oder, aufgemerkt, zum Bass zu tanzen!

Auch an anderer Stelle gelingt ihr der Anschluss an die klügere Seite der Popmusik, was schon ein Blick aufs Personaltableau sichtbar macht. So gastieren auf „Different Religion“ die Noise-Rocker Model/Actriz. „I’ve got my own god. He drives a fast car“, deklamiert Miley zu kühlschrankkalten No-Wave-Beats, Cole Haden erzählt dazu, wie es sich anfühlt, auf dem Gehweg zu kriechen. Das ist dark, das ist sexy, das ist ganz und gar herrlich, die clubbige Seite der Pet Shop Boys kommt einem ebenso in den Sinn wie der Frühnuller-Sound von Acts wie Liars oder LCD Soundsystem.

Der zweite prominente Gast entstammt einem ähnlichen Kontext: Auf „Neon Signs“ ist Andrew Wyatt zu hören, ältere Semester mögen ihn noch vom Schwedenpop-Trio Miike Snow kennen. Hier gibt er den Kerl an der anderen Seite der Telefonleitung, der erstmal nur als Sprachnachricht existiert. Der Song erzählt zu eher sinister wirkendem Elektropop, klar, von nächtlichem Sex. Es wird so viel gestöhnt wie zuletzt vermutlich auf „Je t’aime… moi non plus“ von Serge Gainsbourg und Jane Birkin, aber auch von Zitrusfrüchten, Hautcreme und einem blauen Fleck in Pudelform ist die Rede – Themen, die im Pop eher selten verhandelt werden!

Lass uns heiraten!

Diese beiden Features tun dem Album gut. Doch sie führen in die Irre. Das Gros der Tracks kommt als sauber inszeniertes, aber letztlich generisches Pop-Kunsthandwerk, das all jene Versprechen wieder einkassiert, die die Amerikanerin mit dem Vorgänger gab und von denen man hoffte, dass sie vielleicht einfach nur ein bisschen Zeit brauchen, bis sie in die Realität umgesetzt werden. Gleichzeitig führt es selten in die Leichtigkeit zurück, die 2023 „Endless Summer Vacation“ transportierte. Ein reines Dance-Werk ist es aber ebenso wenig. Der Bass aus dem Titel dient als Stichwortgeber, aber er wird immer dann eingefangen, wenn er droht, die Kontrolle zu übernehmen.

Schlimm ist das nicht, das ständige Ausmessen der eigenen Position gehört zu Cyrus’ Markenkern, seit sie vor ziemlich genau 20 Jahren als Disney-Serienfigur „Hannah Montana“ erstmals auf den Bildschirmen erschien. Ihr Fleiß ist dabei ebenso unstrittig wie die sehr eigene Qualität ihrer Stimmfarbe, die übrigens von einer Krankheit herrührt: Die Musikerin leidet unter dem Reinke-Ödem – einer chronischen Veränderung an ihren Stimmbändern.

Nur mangelt es an der Umsetzung. Denn vor allem in der Mitte hängt „Bass Persuades“ durch wie ein altersschwacher Basset. Wo man „Let’s Get Married“ noch als kleine Fingerübung in Sachen Vintage-Pop begreifen kann – beim Hören läuft sofort irgendeine halbgute Videothekenkomödie aus den 1980ern vor dem inneren Auge ab –, ist das folgende „Orbit“ der gescheiterte Versuch einer Großballade und hoppelt „Aftermath“ duracellhasig ins Nirgendwo.

Gegen Ende rappelt sie sich noch zweimal auf: „Snow“ darf wohl als Liebeslied für ihren Partner Maxx Morando gelesen werden, der auch an der Produktion dieses Albums beteiligt war. „Innocent Ways“ erzählt hingegen von Geschwisterliebe. Eine Zeile wie „Grace comes with age, but don’t tell her“ ist interessant, weil Miley Cyrus wirklich eine Schwester hat, eine sehr talentierte wohlgemerkt: Noah Cyrus veröffentlichte 2025 das hervorragende „I Want My Loved Ones To Go With Me“, an dem unter anderem die Fleet Foxes und Bill Callahan beteiligt waren. Ein wenig von der seufzenden Tiefe dieses Werks hätte man sich auch hier gewünscht.

Miley: „Bass Persuades“ (Atlantic)

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