Wer weiß, ob der Jazz heute noch existieren würde, wenn es das Jahr 1926 nicht gegeben hätte? Innerhalb von vier Monaten kamen da zwei Musiker auf die Welt, die zum Yin und Yang der Improvisationsmoderne werden sollten: Der kühle, sparsam-rationale Trompeten-Apoll Miles Davis wurde am 26. Mai geboren, am 23. September folgte ihm der nach spiritueller Entgrenzung strebende Saxofon-Dionysos John Coltrane. Fünf glückliche Jahre spielten die beiden ab 1955 mit einer kurzen Unterbrechung zusammen.

Ihr Verhältnis war von gegenseitigem Respekt, aber auch von einem gewissen Befremden geprägt. Stellvertretend dafür sei die Anekdote erwähnt, in der Coltrane seine ausufernden Soli vor seinem Bandleader damit begründete, dass er einfach nicht wisse, wie er aufhören solle. Woraufhin ihm Davis antwortete: „Vielleicht probierst du es mal damit, das Saxofon aus dem Mund zu nehmen?“

Aber im Grunde seines Herzens wusste der sarkastische Trompeter, dass es Coltranes unerschöpflicher Ideenfluss und seine ständige Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten waren, die ihm das Aufhören unmöglich machten. Der Mann aus Hamlet, North Carolina, stand Ende der 1950er-Jahre schon mit einem Bein in der Unendlichkeit. „Die Schönheit einer Frau ließ ihn kalt, denn er war schon von der Schönheit der Musik verführt worden“, sagte Davis über seinen stillen Kollegen mit dem manischen Übungseifer, der selbst in den Konzertpausen an der Verbesserung seiner Instrumentenbeherrschung arbeitete.

Im Zenit ihres gemeinsamen Schaffens beschenkten der Trompeter und der Tenorsaxofonist die Welt mit der wohl berühmtesten Aufnahme der Jazzgeschichte, dem 1959 erschienenen Album „Kind of Blue“. Im selben Jahr spielte Coltrane unter eigenem Namen das Meisterwerk „Giant Steps“ ein (ebenfalls kaum auszudenken, wenn es das Jahr 1959 nicht gegeben hätte!). Der Titel spricht Bände: Da wurde nicht nur mit großen Schritten durch wild wechselnde Akkorde gehetzt wie im Titelstück des Albums, sondern auch das eifrige Hinforteilen aus dem legendären ersten Miles-Davis-Quintett eingeläutet. 1960 verließ Coltrane die Band nach einer Europatournee, bereit, sich nach den frühen Lehrjahren bei Dizzy Gillespie und der Vervollkommnung an der Seite von Thelonious Monk und Miles Davis in seiner ganzen Größe zu zeigen.

Den entscheidenden Grundstein hatte er 1957 gelegt, als er nicht nur die großartige Hardbop-Platte „Blue Train“ einspielte, sondern auch dem Heroin und dem Alkohol im kalten Entzug abschwor. Er habe damals dank der Gnade Gottes ein spirituelles Erwachen erlebt, beschreibt der Saxofonist den Wendepunkt seines Lebens im Begleittext zu „A Love Supreme“.

Einstein der Töne

Als er sein bekanntestes Werk, die vierteilige Suite zu Ehren des höchsten Wesens, im Januar 1965 herausbrachte, befand er sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Das Album entwickelte sich zum Manna für die aufkommende Hippie-Bewegung. Die Leser des einflussreichen Fachblatts „Down Beat“ wählten Coltrane als ersten noch lebenden Musiker in die Hall of Fame des Magazins. Auch privat meinte es der Schöpfer gut mit ihm: In der Pianistin Alice McLeod hatte er 1963 die kongeniale Partnerin fürs Leben und die Musik gefunden; er wurde zum ersten Mal Vater. Drei Söhne bekam das Paar.

Bequem im Familienleben machte es sich der Saxofonist, dem mit seiner auf dem näselnden Sopran vorgetragenen Version des Musical-Songs „My Favourite Things“ ein riesiger Radiohit gelungen war, jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Die Jahre zwischen seinem Ausstieg bei Davis und seinem viel zu frühen Leberkrebs-Tod am 17. Juli 1967 wirken in ihrem künstlerischen Output so übervoll, gedrängt und unerhört wie seine zu irisierenden Klangflächen verschwimmenden Soli. Er wurde seinem Spitznamen „Trane“ mehr als gerecht – dieser Zug hatte keine Bremse.

Der Enkel von Methodisten-Predigern verwandelte sein Instrument in ein Sprachrohr voller weltumspannender Ekstase, mit sonorem Flüstern und kreischenden Schreien, brodelnden Eruptionen des Klangs und Notenfolgen in Lichtgeschwindigkeit. Er wandte sich auf seinen Einspielungen dem ganzen Planeten zu. Seine Platten und Stücke in dieser Phase trugen Titel wie „India“, „Afro Blue“ oder „Olé“. Irgendwann brauchte es gleich zwei Drummer in der Band, um gegen die durch Eric Dolphy und Pharoah Sanders verdoppelte Bläserwucht anzukommen. Es ist kein Zufall, dass Coltranes letztes Studio-Album „Expression“ hieß. Sein Spätwerk war eine einzige expressive Liebeserklärung an das Universum.

Wie groß sein Einfluss auf die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist, unterstreicht eindrucksvoll ein Buch, das sein Sohn Ravi zum 100. Geburtstag herausgibt. „Coltrane: The Definitive Visual Celebration of the Legend“ (Ten Speed Press) vereint ikonische Fotos des Meisters bei der Arbeit im Studio und auf der Bühne mit Essays von prominenten Coltrane-Jüngern.

Da vergleicht Gitarrist Carlos Santana den Saxofonisten in seiner Bedeutung für unser physikalisches und emotionales Neuverständnis der Welt mit Albert Einstein, während ihn Patti Smith als spirituellen Anführer ihrer Generation bezeichnet. „Sein Werk verlangte viel, aber gab auch viel – ein evolutionärer Prozess, an dem die Zuhörenden wuchsen“, schreibt die Sängerin – und kommt nicht umhin, dem Zeitpunkt seines Todes eine bittersüße Ironie abzugewinnen. „He was here, then gone, lost in the summer of love.“ Gegangen im Sommer der Liebe, 1967.

Man kann sich gerne in Mutmaßungen darüber verlieren, wie es weitergegangen wäre für den mit gerade mal 40 Jahren gestorbenen Jazzheiligen, in dessen Namen in San Francisco sogar eine Kirchengemeinde gegründet wurde: Wäre seine Musik überhaupt noch an Intensität zu steigern gewesen? Hätte Coltrane womöglich den gegenteiligen Weg gewählt, hin zu zerbrechlich zarten Tongedichten voller Zuneigung und Trauer, wie dem Liebeslied „Naima“ oder der bewegenden Totenklage „Alabama“ für die Opfer des Bombenanschlags auf die 16th Street Baptist Church in Birmingham? Oder hätte er nur noch für sich, sein höheres Selbst und die Mitglieder des Ashrams seiner Frau Alice gespielt?

John Coltrane mit Tenorsax, 1963

Sicher ist jedenfalls, dass jetzt mit zahlreichen Tonträgerveröffentlichungen und Konzerten anlässlich seines 100. Geburtstags an ihn gedacht wird. So ist etwa für November 2026 die Erstveröffentlichung der sagenumwobenen „Tiberi Tapes“ geplant, die der Saxofonist Frank Tiberi mit seinem Diktiergerät zwischen 1960 und 1964 von diversen Coltrane-Live-Shows aufnahm. Speziell in Deutschland darf man sich auf Auftritte der Radio-Big-Bands von WDR und HR mit den Coltrane-Beschwörern Chris Potter und Isaiah Collier oder eine Tournee des Traditionsbewahrers Branford Marsalis freuen.

Der US-Saxofonist bringt zum Coltrane-Centennial mit „Dedicated to You“ (Blue Note/Universal) zudem eine Aufnahme heraus, in der er zusammen mit seinem Quartett und der Sängerin Dianne Reeves charmant-nostalgisch an das 1963 entstandene Balladenalbum „John Coltrane and Johnny Hartman“ erinnert.

Weniger ehrfurchtsvoll gehen hingegen der Trompeter Nicholas Payton und das Fusion-Kollektiv Butcher Brown mit dem Erbe um: Auf der Doppel-LP „A Supreme Blue“ (Concord Jazz/Bertus) hat das Sextett die beiden Schlüsselwerke „Kind of Blue“ und „A Love Supreme“ Stück für Stück neu eingespielt – mit tief grollenden Dub-Reggae-Bässen, James-Brown-Grooves, Vocoderstimmen und Hallfahnen wie aus einer Hip-Hop-Produktion. Die Aufnahme zeigt auf schön tanzbare Weise, was die Musik von Miles und Trane vor fast 70 Jahren alles ins Rollen brachte: Funk, Techno, Ambient, den Post-Rock oder den Sprechgesang. Ohne das Jahr 1926 wäre die Welt heute zweifellos ein großes Stück leiser, ärmer und seelenloser.

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