Das hätte man auch nicht gedacht, dass ein Golfcart so schnell sein kann. Kein Gurt, keine Barriere hält einen zurück, ein Hauch von Angst in der engen, nie enden wollenden Kurve der Hochgarage mit den Richtungspfeilen für die hinauf- und die hinunterfahrenden Autos. Diese Pfeile sind nicht aufgemalt, sondern aus Terrazzo in den Asphalt eingelassen. Während der „Preview-Edition“ der Astoria Artshow wird das Erdgeschoss immer noch von den Blechkisten bewohnt, einfach deshalb, weil hier die Dauermieter parken und man sie nicht einfach hinauswerfen konnte.

Der sachliche Ingenieurbau ist voller fabelhafter Details, wie den lindgrünen Geländern und Türen, einem überkuppelten Tankplatz und dem Dachaufsatz aus Glas, dessen Luftauslass sich mit der Windrichtung dreht. Ganz oben sitzt eine Holzhütte auf dem Betondach, deren Gebälk eher nach Alpenscheune ausschaut und nicht nach modernistischer Architektur. Typisch Wien, könnte man sagen, diese Vermengung von Hergebrachtem und Modernem, von Technologie und Handwerk.

Es ist eine glückliche Fügung, dass hier am vergangenen Wochenende insgesamt 70 Galerien ausstellen konnten. Denn die Astoria Artshow ist die rasant gefundene Ersatzlösung für die gescheiterte Viennacontemporary. Die 2015 gegründete Wiener Kunstmesse hatte während ihrer zehnjährigen Lebensdauer mit Leitungswechseln zu kämpfen und musste mangels Finanzierung 2025 aufgeben. Um nicht ohne eine große Wiener Kunstmesse dazustehen, haben 35 Wiener Galeristen um Markus Peichl von der Galerie Crone die Sache selbst in die Hand genommen.

Installation von Nancy Delroi auf der Astoria Artshow in Wien

Binnen drei Monaten haben sie sich den Ersatz geschaffen, bevor man 2027 wieder zu großer Messeform auflaufen will. Ein besonderes Merkmal war, dass die Teilnahmegebühren nach dem Umsatz und der Unternehmensgröße der jeweiligen Galerie gestaffelt wurden, nicht nach der Größe der Ausstellungsfläche. 400 Werke von 120 Künstlern waren in der Astoria-Garage zu sehen, das ist vergleichsweise klein – eben eine Interimslösung.

Allerdings wäre es schade, dieses ikonische Gebäude, das seit 90 Jahren seinen funktionalen Zweck erfüllt und dessen Räume heute so abwechslungsreich und voller Patina sind, als Kunstschauplatz wieder aufzugeben. In der angeschlossenen Autowerkstatt fiel das Licht durch zahlreiche, teils gesprungene Fenster auf Assemblagen von Nakouzi & Parenti bei Des Bains aus London. Auf den Werkbänken stapelten sich Werklisten und die unvermeidlichen bedruckten Baumwolltragetaschen.

Gut funktionierte in dem rauen Ambiente der Parkgarage, was weder Wand noch Sockel braucht, wie der riesige Pappkaffeebecher von Xenia Lesniewski oder die noch ein wenig größere Einkaufstüte, in der man einen Tiger spazieren tragen könnte. Für ihre Präsentation bei der Wiener Galerie Zeller van Almsick gab es für Lesniewski den mit 8000 Euro dotierten Bildrecht Astoria Art Award, der nun erstmals vergeben wurde.

Das Ausstellungsdesign der Astoria Artshow ließe sich als zurückhaltend, aber elegant beschreiben. Verantwortlich ist das mit Aufträgen für Museen und Sammlungen erfahrene Architekturbüro Kuehn Malvezzi, das für die Messe pro bono tätig wurde. Was in den Garagen an Wandfläche fehlt, wurde auch mal mit dünnem Draht ersetzt, an dem Gemälde förmlich schwebten, etwa die eindrucksvolle, eindringliche figurative Malerei der ungarischen Künstlerin Eva Beresin (geboren 1955) bei Charim.

Fuko Katsuda, „In the Mood for a Refreshing Sunday in Kichijoji“, 2026

Die an der Wiener Universität für angewandte Kunst studierende, in Osaka geborene Fuko Katsuda (geboren 1995) drapierte bei AG18 Gallery eine Gliederpuppe direkt auf dem Asphalt. Deren blasser Körper erinnert an Hans-Bellmer-Skulpturen, während ihre von hintergründigem Leuchten akzentuierten gemalten Figuren mit den androgynen Gesichtern an Manga-Welten denken lassen – halb Pflanze, halb Mensch. Crone, geleitet vom Messechef Markus Peichl, zeigte Arbeiten von Rosemarie Trockel, Contemporary Fine Arts aus Berlin zeigte eines der Neon-„Luftschlösser“ von Christian Jankowski und die Kunsthandlung Wienerroither & Kohlbacher aus Wien und New York eine Art brauner Donut von Franz West.

Erstmals, so Peichl, vergab die Stadt Wien öffentliche Förderungsmittel an eine Kunstmesse. Das gab es bislang nicht. Warum sie es nun doch tut, hat auch mit wirtschaftspolitischem Kalkül zu tun. Die Bruttowertschöpfung des Sektors Bildende Kunst, zitiert die Galeristin Isabell Kisling-Steinek eine Studie von diesem Jahr, beträgt in Österreich 6,3 Milliarden Euro. Die Kunst schafft 90.000 Arbeitsplätze im Land und trägt 1,4 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Es ergibt also auch ökonomisch Sinn, Synergien zu nutzen, und das ist auch der Grund, warum die Wiener Galeristen an diesem Wochenende zwischen ihren Räumen und der Hochgarage hin- und herfahren.

Die Astoria-Messe eröffnete parallel zu „Curated by“, dem Festival, bei dem eingeladene Kuratoren oft anspruchsvolle Ausstellungen in Wiener Galerien ausrichten. Eine echte Entdeckung ist die Einzelausstellung von Lenke Rothman bei Croy Nielsen. Kuratiert wird sie von Milan Ther, dem Direktor des Kunstvereins in Hamburg. Rothman (1929–2008) war eine ungarisch-schwedische Künstlerin. Als Jüdin wurde sie 1944 nach Auschwitz deportiert und über Guben und Bergen-Belsen verschleppt; 1945 gelangte sie mit dem Roten Kreuz nach Schweden. Nach mehreren Jahren in schwedischen Krankenhäusern studierte sie in Stockholm und später in Ravenna Kunst.

Sechs Jahrzehnte umspannt ihr Werk, in dem Textilien und gefundene Objekte eine Rolle spielen, die Rothman mit einer traumwandlerischen Präzision zu Assemblagen und Collagen verwandelte. In Acrylglasrahmen formen farbige Wollfäden und ein Kleintierpelz ein dreidimensionales Bild, werden zwei Postkarten des Tänzers Mikhail Baryshnikov mit einem Faden und einem mit Datum versehenen Etikett zu einem Memento eines New-York-Aufenthaltes, bei dem Lenke Rothman wie immer den Blick auf das scheinbar Nebensächliche richtete. Ihr Werk, so der Kurator, setzt sich „mit der Schönheit des Alltäglichen sowie mit dem Humor und der Ironie des täglichen Lebens nach der Shoah auseinander“. Der Nachlass der 2008 verstorbenen Künstlerin wird heute von ihrem Sohn Elias Arnér verwaltet.

Hauptquartier des Festivals ist das Museum moderner Kunst (Mumok). Hier wurde unter neuer Leitung die ständige Sammlung gerade neu gehängt. Im Erdgeschoss hat die Regisseurin und Bühnenbildnerin Anna Viebrock unter Einsatz von zweihundert Werken aus der Mumok-Sammlung ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das kostenlos betreten werden kann. Es lohnt sich, denn die Werke sind nicht beschriftet, und dem Besucher wird, anders als in vielen anderen Museen heutzutage, noch wirklich eigenständige Betrachtung zugetraut. Nach dem an eine Theaterkulisse erinnernden Viebrock-Parcours ist einem, wie nach einer Runde mit dem Golfcart in der Hochgarage, angemessen schwindelig.

„Curated by“ läuft in den Galerien von Wien noch bis zum 17. Oktober 2026.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.