Du musst Dein Leben ändern!“ Dieser berühmte Befehl stammt aus der letzten Zeile von Rainer Maria Rilkes Gedicht „Archaischer Torso Apollo“ aus dem Jahr 1908 – der Poet war damals Sekretär des Bildhauers Auguste Rodin, dessen bewusst unabgeschlossene Skulpturen ihn zu den Zeilen über eine antike Apollo-Statue ohne Kopf inspirierten, die den Betrachter trotzdem anblickt.

Was für heutige Ohren pathetisch klingt oder nach dem Titel eines Selbsthilfebuchs – wenn ihn nicht schon Peter Sloterdijk 2009 für seinen Essay über den lebenslang übenden Menschen gekidnappt hätte –, hat der Künstler und Kurator Ho Tzu Nyen zum Leitmotiv für die 16. Gwangju Biennale in Südkorea erkoren. Er begründete dies auf der Pressekonferenz mit einem Schlüsselerlebnis: „Ich las das Gedicht, als ich erschöpft in der U-Bahn saß – und es veränderte tatsächlich mein Leben. Um mich herum blickten die Leute in ihre Handys. Doch ich spürte, wie sich in mir etwas weitete. Ich fragte mich: Wie lässt sich die Wandlung eines Einzelnen durch Kunst auf andere übertragen?“

Kurator der Gwangju Biennale: Ho Tzu Nyen

Ho stellte diese Frage an einem geschichtsträchtigen Ort. Gwangju heißt übersetzt „Provinz des Lichts“. Im Mai 1980 schlug dort die südkoreanische Armee einen Volksaufstand gegen die damals herrschende Militärdiktatur nieder, bei dem zahlreiche Zivilisten starben. Doch die Proteste liefen landesweit weiter – 1987 ging daraus eine Demokratie hervor, als deren Wiege Gwangju seither gilt. Aus diesem freiheitsliebenden Geist entstand 1995 auch die Biennale von Gwangju.

Anders als in Venedig stehen hier nicht die Länderpavillons – in vergleichsweise geringer Anzahl – im Fokus, sondern die Hauptausstellung. Dennoch entzündete sich schon im Vorfeld ein Konflikt, als die Biennale erst den „Taiwan Pavilion“ ankündigte, den Namen dann aber – offenbar unter dem Druck der Taiwan-Frage – auf das Kürzel „NTMoFA“ änderte, das National Taiwan Museum of Fine Arts. Nach Protesten aus Taiwan benannte die Biennaleleitung ihn dann wieder in die erste Version um, woraufhin nun wiederum China protestierte, das Taiwan als Teil seines Staatsgebiets betrachtet, und seinen Pavillon abzog.

Als das Thema auf der Pressekonferenz zur Sprache kam, reichte Ho, der aus Singapur stammt, die Frage an den Biennale-Präsidenten Youn Bum-mo weiter. Dieser entschuldigte sich und bat, man möge Kunst und Politik doch bitte auseinanderhalten. Bei einer Biennale, die aus einem Volksaufstand hervorging, klang das einigermaßen hilflos. Ho dagegen, der in seinen eigenen, hochtechnologischen Arbeiten Archive und Mythen durchforstet, drückte anschließend sein Verhältnis zur Politik gemäß seines Biennale-Mottos so aus: „Menschen verstehen unter Wandel oft Konflikt und Gewalt. Doch Kunst hat die Kraft, Menschen tiefgründig und dauerhaft zu verändern.“

Aus dieser Perspektive betrachtet Ho auch die Basaltbrocken von der Vulkaninsel Jeju als Kunst. Wie knotige Skulpturen tauchen sie durchweg in der Ausstellung auf. In China, Japan und Korea sind Steine seit langer Zeit ein Gegenstand der Versenkung. Als „Gelehrtensteine“ regen sie etwa dazu an, den eigenen Platz im Ganzen zu bedenken. Es ist eine Haltung, die sich in vielen Kunstwerken der Biennale erkennen lässt.

Eine durchgehende Präsenz haben dort auch die Installationen der in Berlin lebenden Künstlerin Nina Canell. Mit dampfendem Wasser, elektrischen Bauteilen und aufgeschnittenen Stromkabeln machen sie unsichtbare physikalische Prozesse sichtbar, etwa Strom, Wärme, Schwerkraft oder die Alterung von Materialien. Es geht um Energie, die verborgen die Welt durchzieht, und darum, wie sich Dinge verändern, verbrauchen und zerfallen.

Nina Canell, „Perpetuum Mobile (25 Kg)“, 2009

Von ähnlichem Geist ist die raumgreifende, labyrinthische Soundinstallation von Jacqueline Kiyomi Gork aus Los Angeles. Aufblasbare, transparente Säulen, getaucht in orangefarbenes Licht, werden langsam immer wieder aufgepustet von Gebläsen und so zu einem atmenden großen Ganzen. Es ist, als laufe man durch eine einzige große Lunge. Begleitet von einem hypnotischen Technosound entsteht so eine, wie Ho es ausdrückt, „emotionale Architektur“, in der man die heiteren, partizipativen Arbeiten der frühen Nullerjahre spürt. Gork, Jahrgang 1982, kommt vom Tanz und von elektronischer Musik – diesen Einfluss setzt sie in minimalistischen Environments um, inspiriert von John Cage und La Monte Young.

Sinnlich aufgeladen sind tatsächlich viele Arbeiten auf dieser Biennale, was einen beim Rundgang durch die fünf behutsam inszenierten Räume des brutalistischen Ausstellungshauses neugierig bleiben lässt. So zeigt die berührende Fotoserie von Amanda Heng aus Singapur die Künstlerin in Interaktion mit ihrer Mutter während der letzten dreißig Jahre. Die Dokumentation der spielerischen und liebevollen Gesten der beiden Frauen zeigt die Verschiebung einer Dynamik, die mit dem Tod der Mutter endet: In den behutsamen Rhythmus dieser von Abschied durchzogenen Intimität hineingesogen zu werden, ist nicht leicht auszuhalten.

Um Zeitlichkeit geht es auch bei den fünf „Ein-Jahres-Performances“ von Tehching Hsieh aus den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren, der sich unter selbstgesetzten Bedingungen in einem kleinen Käfig einsperrte, obdachlos in New York lebte oder stündlich ein Foto von sich machte. Ausgestellt sind die von ihm unterschriebenen Verträge mit sich selbst und Fotos von Orten des Geschehens.

Ähnlich nervenzehrend ist der Blick auf Matthew Barneys erste Videoarbeit „Scabaction“ von 1988, die lange vor seinem berühmten „Cremaster“-Zyklus entstand. Sie zeigt in fast unerträglicher Nahaufnahme, wie eine Pinzette eingewachsene Haare aus einem männlichen Kiefer entfernt, was aussieht, als würden Aliens sich in menschliche Haut hineingraben: Schmerz und körperliche Transformation werden auf quälend langsame Weise spürbar.

Die chinesische, in Tokio lebende Künstler Lu Yang vermittelt ein ähnliches Gefühl in seinen supertechnologischen, von Game-Engines, 3D-Animation und KI getriebenen Videoarbeiten, von denen die Biennale die mehrteilige, über sechs Jahre entstandene Saga „Doku“ präsentiert. Lu Yangs durch Motion-Capture geschaffener Avatar durchläuft eine Unzahl spirituell anmutender Verwandlungen in dystopischen, sich ständig verändernden Landschaften, die einen förmlich einsaugen – Identität wird zum fortwährenden Übungsprozess. „Doku“ bezieht sich auf die buddhistische Feststellung, allein geboren zu werden und allein zu sterben, also auf das Verhältnis zwischen individueller Einsamkeit und Kosmos.

Unterlegt mit Technosound und Erzählstimme sieht man den Avatar seine albtraumhafte Reise durch Flugzeugturbulenzen, ein Kreuzfahrtschiff und endlos neue algorithmische Landschaften mäandern, in denen er verschiedene Daseinsbereiche, Begierden und einen gottgleichen Rauschzustand von Leere durchläuft. Es sind Bilder, von denen einem kaum ein einzelnes im Gedächtnis haften bleibt – das Ganze manifestiert sich einzig als visuell-digitaler Datenstrom voller surrealer Effekte. Es ist das Gegenteil von Rilke – und doch spürt man in vielen Werken dieser Biennale die von Ho betonte Sehnsucht nach Langsamkeit: synkopische Rhythmen, denen man sich gerne hingibt und auf Verwandlung hofft.

Die 16. Gwangju-Biennale läuft noch bis zum 15. November 2026 in Südkorea.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom internationalen Journalistenprogramm des Ministeriums für Kultur, Sport und Tourismus der Republik Korea (MCST). Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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