Mehrmals die Woche heißt es in deutschen Standesämtern: „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau.“ Dieser performative Sprechakt des Standesbeamten, der allein durch Sprache gleichzeitig auch eine Handlung vollzieht (die Eheschließung), betont auch immer eine Unterschiedlichkeit. Es gibt eben Männer und Frauen, es gibt eben auch große Unterschiede zwischen ihnen – und trotzdem finden sie hier als Einheit vor dem Traualtar zusammen. Wenn man rührselig sein will, könnte man sagen: Was für eine Hoffnungsgeschichte!
Nun geht jedoch die Zahl der Hochzeiten in Deutschland stetig zurück, allein die Zahl der Beziehungen damit sowieso – auch zu Sex miteinander können sich Mann und Frau immer weniger durchringen. Vielleicht auch, weil wir immer weniger auf Mann und Frau, auf ihre Unterschiedlichkeit, bestehen? Eine kürzlich im Wissenschaftsmagazin „PNAS Nexus“ veröffentlichte Studie kommt jedenfalls zum Schluss: Männer und Frauen gleichen sich in ihrem Verhalten immer weiter an. Hinsichtlich Risikobereitschaft, Vertrauen, prosozialem Verhalten und Geduld finden die Forscher immer weniger Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Verglichen wurden ältere Jahrgänge, um 1950 geboren, mit jüngeren Jahrgängen ab 1980 – auf allen Kontinenten.
Aus progressiver Perspektive, die mit biologistischen Argumenten seit jeher fremdelte, ist das eine gute Nachricht. Seht her, würde man sagen, Geschlecht war immer nur eine soziale Konstruktion. Die Angleichung könnte als positive Folge von Gleichberechtigung verstanden werden. Diese Perspektive würde darauf bestehen, dass Männer und Frauen mit der Ablösung traditioneller Normen Freiheiten gewonnen haben, auch Facetten des anderen Geschlechts anzunehmen. In gewisser Weise ist das natürlich richtig: Für die meisten Männer und Frauen dürfte es anstrengend gewesen sein, sich permanent entlang der Geschlechtsklischees verhalten zu müssen, um nicht geächtet zu werden. Aber Männer dürfen jetzt eben auch weinen, Frauen breitbeinig rülpsend in der U-Bahn sitzen. Alles gut so.
Heterosexualität ohne Geschlechterunterschiede – wie soll das gehen?
Nur: Wenn nun Frauen wie Männer sind und Männer wie Frauen, fällt es eben als heterosexueller Mensch auch immer schwerer, zu sagen, was man am anderen Geschlecht eigentlich anziehend findet – außer die primären Geschlechtsmerkmale. Die Genitalien allein schaffen vielleicht Erregung, aber noch keine nachhaltige Anziehung – zumal der „Satisfyer“, dieser Druckwellenvibrator, einiges offenbar besser kann als das männliche Glied, wie man hört.
Also noch einmal: Wie rechtfertigt sich Heterosexualität überhaupt noch, wenn sich Geschlechterunterschiede auflösen? Ist sie dann nicht fast schon Homosexualität? Viel ist in den vergangenen Monaten über die Krise der Heterosexualität gerätselt worden. Junge Frauen wollen immer seltener überhaupt noch einen Mann. Der eingängige Diagnosebegriff für diese Entwicklung: Heterofatalismus. Für ihn gibt es viele Gründe. Einer ist die neugewonnene Autonomie von Frauen. Sie benötigen keinen Mann mehr, um sich finanziell zu versorgen. Im Gegenteil: Der Gender-Pay-Gap dürfte sich in Westeuropa bald sogar umdrehen, weil Frauen inzwischen im Durchschnitt bessere Bildungsabschlüsse haben als Männer.
Mit der nun veröffentlichten Studie kommt womöglich ein weiterer Grund hinzu, über den zu sprechen weitaus schwieriger ist, weil auch diffuser. Kann es sein, dass sich Anziehung auch aus der geheimnisvollen Fremdheit speist? Vor einigen Jahrzehnten müssen sich Männer und Frauen noch als gegenseitiges Rätsel vorgekommen sein, das schwer zu entschlüsseln ist. Nun aber sind wir in dem, was Byung-Chul Han die „Hölle des Gleichen“ nennt – auch wenn der Philosoph diesen Begriff 2012 in „Agonie des Eros“ weiter fasste: als Diagnose einer Gesellschaft, die überall nur noch sich selbst begegnet. Die erotische Liebe, so hielt er fest, sei auch immer die Bejahung einer Andersartigkeit des Anderen, die sich dem eigenen Verstand entzieht. Es ist eine existenzielle Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen. Han fürchtet deshalb eine Gesellschaft, die den anderen nur noch als Spiegel ihrer selbst missbraucht.
Wo keine Grenzen, keine Spannung
Bleibt man in dieser Argumentationskette, muss auch auf den französischen Schriftsteller und Philosophen Georges Bataille geschaut werden. Er war in „Die Erotik“ (1957) davon überzeugt: Erotik ist der Versuch, die Grenze des eigenen Bewusstseins zu überschreiten. Aber: Es muss auch eine Grenze zwischen Mann und Frau existieren, damit die Überschreitung möglich ist. Damit wäre Angleichung der Eros-Killer. Wo keine Tabus, keine Spannung. Heterosexualität hat ihren Reiz verloren.
Vermutlich stelle ich mir das Ende der Geschlechterdifferenz vor, wie sich Marktradikale den Sozialismus vorstellen: als Einöde infolge von Gleichmacherei hier und da. Schlendert man durch die Straßen in Ländern, die Geschlechterunterschiede tendenziell noch zu feiern statt zu verdammen scheinen – denken wir zum Beispiel an Kolumbien, das Land mit der größten Sexzufriedenheit –, fühlt man jedenfalls das Knistern wieder, das auf deutschen Straßen mittlerweile schmerzlich fehlt. Hier erinnert man sich als heterosexueller Mann daran, warum einen die Natur so eingerichtet hat.
Der Gang der Frau ist anders, schwungvoller, graziler als der eigene männliche, überhaupt Mimik und Gestik feiner. Auch die Männer wirken hier mit ihrer dominanten Art wie die klassischen Draufgänger, ohne den Kontakt zu ihrer femininen Seite gänzlich abreißen zu lassen. Und schon entsteht zwischen Mann und Frau ein unerklärliches Prickeln, das die Andersartigkeit des anderen Geschlechts umarmt. Der Mann prescht vor, geht ins Risiko, gibt den Rhythmus des Flirts vor, die Frau erwartet das auch so, nimmt dann Tempo raus, baut Pflöcke ein. Beide verstehen sich selbst und den anderen nicht ganz.
Sorry, schon zu viel Klischee? Vielleicht sollten wir uns das mal wieder trauen. Vor einigen Jahren hätte ich mich niemals begeistert von solchen Überlegungen gezeigt. Ich hätte sofort an stumpfsinnige Comedy-Auftritte von Mario Barth gedacht, der verschwitzt auf der Bühne sagt: Mann so, Frau so. Haha. Damals unbegreiflich für mich, wie die Zuschauer sich bei dieser plumpen Binärität einen ablachen konnten. Sie machte Anziehung zwischen Mann und Frau auch nicht zum Rätsel, zu vorhersehbar, das war mein Problem. Aber die Anfänge der 2000er waren eben auch noch voller starrer Grenzen zwischen den Geschlechtern, voller Klischees, die einengten.
Nun fühle ich mich eher eingeengt von der Grenzenlosigkeit, weiß nicht, wie vor und zurück. Vielleicht bin ich ein unsicherer Charakter, der mit der uneingeschränkten Wahlfreiheit nicht zurechtkommt. „Wenn Gott tot ist, dann ist alles verboten“, sagte der Psychoanalytiker Jacques Lacan. So fühlt es sich mittlerweile in Bezug auf meine Männlichkeit an. Eine Abgrenzung zum anderen Geschlecht hat mir meine Freiheiten vielleicht erst ermöglicht. Aber nun schmorre ich in der Hölle des Gleichen.
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