Unten im Hafen von Antibes stehen die größten Yachten der französischen Riviera. Wenige Gehminuten entfernt, gleich an der Promenade, liegt das ehemalige Château Grimaldi, heute als Picasso Museum bekannt. In den engen Straßen rundherum drängeln sich die Touristen auf den Märkten und in den Restaurants. Nur wenige wissen, dass 15 Autominuten entfernt oben auf einem der bewaldeten Hügel ein ganz spezielles Juwel steht: die Fondation Hartung-Bergman.

Ateliers, Villa und Garten sind so erhalten, wie das Künstlerpaar sie selbst plante und nutzte. Denn hier lebten und arbeiteten Hans Hartung, geboren 1904 in Leipzig, und Anna-Eva Bergman, geboren 1909 in Stockholm: zwei Künstler, deren Werke im Dialog entstanden, deren Marktentwicklung aber kaum unterschiedlicher verlaufen konnte. Und deren Werke gerade eine überraschende Neubewertung erhalten. Daran hat die Fondation unter ihrem Direktor Thomas Schlesser maßgeblichen Anteil.

Als er den Posten 2014 übernahm, war Hans Hartung fast vergessen, erinnert sich Schlesser. Seine Malerei galt als zu düster, zu sehr von der Nachkriegszeit geprägt. Dabei gehörte Hartung ab den 1950er-Jahren zu den erfolgreichsten abstrakten Malern Europas. Ähnlich wie die anderen Vertreter der Informel-Bewegung hatte er eine höchst emotionale und doch ungegenständliche Bildsprache für die Erlebnisse der Kriegsgenerationen gefunden. 1960 erhielt er den Großen Preis für Malerei auf der Biennale von Venedig und stellte von Paris bis New York aus. Mit seinem Tod 1989 wurde es ruhig um sein Werk.

Hans Hartung, „T1962-K6“, 1962

Noch stiller war es um Anna-Eva Bergman. Sie stand Zeit ihres Lebens im Schatten des berühmten Ehemanns, obwohl sie ab den 1950er-Jahren eine eigenständige Bildsprache entwickelte und zu Lebzeiten auch international ausstellte. In der Fondation Hartung-Bergman sind zentrale Werke von beiden permanent zu sehen – räumlich getrennt, aber verbunden in der einmaligen Atmosphäre der Wohn- und Atelieranlage.

Denn schon 1961, als Antibes vor allem von Künstlern, Schriftstellern und Filmstars besucht wurde und ein Treffpunkt der Avantgarde war, kaufte das Künstlerpaar einen zwei Hektar großen Olivenhain im Viertel Le Valbosquet. Sie hatten sich 1929 in Paris kennengelernt. Bergman war damals als Illustratorin bekannt. Im selben Jahr heirateten sie in Dresden, zogen 1932 nach Paris. 1937 reichte sie die Scheidung ein – sie wollte ihre Unabhängigkeit für ihre künstlerische Entwicklung, schrieb sie ihm damals. Zwei Jahre später trat Hartung freiwillig der französischen Fremdenlegion bei. Nach einer schweren Verwundung 1944 musste ein Bein amputiert werden. 1946 erhielt er die französische Staatsbürgerschaft. 1952 begegneten sie sich wieder und heirateten 1957 ein zweites Mal.

Jüngst im Archiv gefundene Zeichnungen zeigen, dass sie jahrelang gemeinsam die Pläne für ihr Domizil diskutierten: die Lage der Wohnhäuser, der beiden strikt getrennten, aber nebeneinander gelegenen, von Norden belichteten Ateliers, die mit vielen rollstuhlgerechten Rampen angelegten Wege und vor allem den großen Patio zwischen Küche, Schlaf- und Wohnzimmer. Der offene Innenhof ist dominiert von dem knallblauen, 15 Meter langen Pool, der auch im Winter geheizt wurde. Ab 1973 lebten sie hier. Heute wird die Anlage als „Architektur des Dialogs“ bezeichnet. Erhaltene Korrespondenz zeigt ihren Austausch über Licht, Himmel, Meer, über Philosophie, Musik. Sie sprachen über Rhythmus, Energie, Stille.

Einig waren sich beide auch im Fokus auf Abstraktion. In den 1950ern hatte Bergman die figurative Malerei aufgegeben. Aber sie blieb bis zu ihrem Tod 1987 dem Gegenstand verhaftet, wenn auch meist nur einem einzigen: ein Stein, ein Stern, eine Kugel, ein Berg – oft im kraftvollen Großformat. Während Bergman Naturformen studierte, Blattgold und Metallfolie einsetzte, um Lichtspiele einzufangen, experimentierte Hartung exzessiv mit Werkzeugen zur Erstellung seiner Bilder, um Linien, Kratzspuren und Farbfelder zu verbinden. Seine Behinderung bestimmte die Architektur der Wohnanlage, aber nicht seine künstlerische Energie.

Hans Hartung im Atelier, 1962

Am Fenster liegen ordentlich aufgereiht große und kleine Besen, eine Gartenharke, Haarbürste, Kamm, Federn, Äste, auch Rollen und natürlich Pinsel. Im perfekt erhaltenen Atelier sieht man die Pigmentdosen und die eigens entwickelten Geräte für seine Spritztechnik, die er vom Rollstuhl aus großzügig einsetzte. Alle Wände rund um die Staffeleien, inklusive der raumhohen Heizkörper, sind mit bunten Spritzspuren überzogen.

Hier ist unübersehbar, wie prozesshaft Hartung sein Werk anlegte. Und hier wird deutlich, dass Hartung alles andere als ein spontaner Gestenmaler war. Zufall und Planung standen im Wechselspiel, manche Gemälde bereitete er lange vor. Oft ging damit ein systematischer Arbeitsprozess einher, wenn er erst die Wachskreiden auftrug, um dann mit wasserhaltiger Farbe darüber zu arbeiten, wie ein Film in der Ausstellung zeigt.

Die sorgfältigen Präsentationen in den beiden Ateliers in Antibes, die seit 2022 endlich öffentlich zugänglich sind, erzählen anschaulich, wie unterschiedlich die künstlerischen Wege der beiden waren – und wie sich die Wahrnehmung des Künstlerpaars in den vergangenen Jahren geändert hat.

Die Zusammenarbeit der Fondation mit der global tätigen Galerie Perrotin hat Hartung zusätzlich Sichtbarkeit verschafft, in Ausstellungen seit 2018 in New York, Shanghai, Paris, zuletzt in der Fondazione Querini Stampalia in Venedig. Rund 200 Werke habe die Fondation der Galerie für den Verkauf überlassen, erwähnt Schlesser. Hartung gilt mittlerweile wieder als einer der wichtigsten und auch marktstärksten Künstler der Nachkriegsgeneration. 2022 erzielte ein auf 70.000 bis 90.000 geschätztes Werk im Wiener Auktionshaus Dorotheum einen Preis von 365.000 Euro. Vor allem für seine farbintensiven Bilder interessiere sich seit rund zehn Jahren ein Kreis gänzlich neuer Sammler, so Schlesser.

Hartungs „P1971-A72“, 1971

Noch offensichtlicher ist die Entwicklung von Bergman. Sie wird nicht mehr als Frau an seiner Seite, sondern als Künstlerin eigenen Rangs wahrgenommen. Der neue Auktionsrekord von 571.500 Euro für „No. 1 – 1964 Urbanism“ bei Christie’s in Paris im April 2026 ist dafür ein klares Signal. Ab März 2027 wird Anna-Eva Bergman erstmals mit einer großen Retrospektive in der Berlinischen Galerie in Deutschland vorgestellt.

Auf den Hügeln von Antibes geht es offensichtlich um mehr als die Bewahrung eines Künstlernachlasses. Während Hartung rund 8000 Bilder malte, sind es bei Bergman nur rund 1000, dazu mehrere Tausend Papierarbeiten, wie Schlesser sagt. Umso wichtiger sei es, die bedeutenden Werke zusammenzuhalten. So konnten sie gerade den großen Stern, ein Schlüsselwerk Bergmans, auf einer Auktion in Oslo für 300.000 Euro zurückkaufen. Auch darin besteht die Aufgabe dieser Stiftung: die Aktualität der Werke sichtbar zu machen und zu zeigen, dass die hier bewahrte Kunstgeschichte noch längst nicht vollendet ist.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.