Sie sitzen im Dunkeln. Der Nachthimmel leuchtet über Tel Aviv, im Hintergrund sieht man Hochhauswohnungen; einige der Zimmer sind erleuchtet, sodass sich Spuren des Alltagslebens wahrnehmen lassen. Von den Männern ist nur die Silhouette zu sehen. Dass sie ebenso durch Künstliche Intelligenz verfälscht ist und keine Rückschlüsse auf die Identität der angeblich 24 Sprecher – darunter eine Frau – zulässt, müssen wir den Filmemachern glauben, ebenso, dass es sich tatsächlich um 24 Leute handelt. Anonymität bei Whistleblowern und Quellenschutz sind selbstverständlich, wenn es sich wie hier um den Verrat militärisch sensibler Geheimnisse handelt.
Sie macht aber doch auch eine große Schwäche des Films „Naza“ aus – und den größten von vielen Unterschieden zu Claude Lanzmanns „Shoah“, mit dem manche diesen Film sehr zu Unrecht verglichen haben. Dabei gehen sie doch nur den Machern selbst auf den Leim, die den Lanzmann-Verweis allzu deutlich in ihrem Film setzen. Der Unterschied liegt aber auf der Hand: In Lanzmanns Meisterwerk von 1985 wissen wir immer, wer spricht. Die Sprechenden haben Namen. Wir wissen, welche Funktion sie in den Vernichtungslagern der Deutschen hatten. Und ein Großteil der ganzen Geschichte des Films, vor allem des bis dato unerzählten Teils dieser Geschichte, findet sich nicht in ihren Worten, er spielt sich in ihren Gesichtern ab.
In „Naza“ haben die Sprechenden keine Gesichter, sie sind verhüllt, düstere Schattengestalten, bei denen keine Mimik Gefühle verrät, Nuancen sichtbar macht, Unsicherheiten aufscheinen lässt. Es gibt hier nur die künstliche, unmenschliche Sprache einer digitalen Verfremdungsmaschine.
Für die Redlichkeit der Methode steht einstweilen vor allem der „Guardian“ mit seinem Ruf ein. Die britische Zeitung hat „Naza“ koproduziert, und viele ihrer Rechercheergebnisse bilden die Grundlage des Films, der am 1. Oktober 2026 in über 50 Ländern zeitgleich in die Kinos kommt. In zwei Monaten soll er dann auf der Website des „Guardian“ frei zugänglich sein.
Wer „No Other Land“ gesehen hat, jenen Dokumentarfilm, der 2024 bei der Berlinale während einer skandalösen Abschlussfeier prämiert wurde, und weiß, dass zwei der vier Macher dieses Films, darunter ihre Leitfigur, der israelische Regisseur Yuval Abraham, nun auch für „Naza“ verantwortlich sind, geht mit bestimmten Erwartungen in diesen Film. Sie werden zunächst enttäuscht: keine fortwährende Emotionalisierung, keine einseitige, agitatorische Parteinahme. Stattdessen nüchterne Fragen und ebenso nüchterne Antworten.
Die kühle Sachlichkeit und die technischen Aspekte des Ernstfalls dominieren. Es ist hochinteressant, was „Naza“ über die Technik der derzeitigen Kriegsführung Israels und ihrer Verteidigung gegen den arabischen Terror erzählt. Es ist beeindruckend zu erfahren, wie das israelische KI-System „Lavender“ funktioniert und riesige Datenmengen im Nu verarbeitet, wie fortgeschritten und hochgradig ausdifferenziert bereits die Identifizierung einzelner Personen möglich ist, und wie dies oft erzwungen in Sekundenschnelle abläuft.
Vieles von dem, was hier zu sehen ist, ist im Übrigen kein Alleinstellungsmerkmal der Israelis. Man kann davon ausgehen, dass ähnliche Techniken von den USA und dem Iran, von beiden Seiten im Ukraine-Krieg, aber natürlich auch von einigen der arabischen Feinde Israels und vielleicht sogar von nahöstlichen Terrornetzwerken praktiziert werden. So gesehen ist „Naza“ ein Film, der überhaupt von der Kriegsführung unserer Gegenwart und Zukunft handelt.
Erzählt wird das alles von jenen geisterhaften Schattenwesen, bei denen es sich um ehemalige israelische Aufklärungssoldaten, Drohnenpiloten und Dateningenieure handeln soll. Sie sind unkenntlich gemacht, um ihre Identifizierung zu erschweren. Dass dies auf Dauer gelingt, ist kaum zu glauben, denn zu präzise sind viele ihrer Aussagen. Wenn es so weit ist, möchte man nicht in ihrer Haut stecken.
60 Minuten Fakten, der Rest ist Agitation
Die Regisseure sind klug genug, diesen ruhigen, sachlichen Passagen eine kurze Einleitung voranzustellen, die die Ereignisse des 7. Oktober 2023 umreißt, und welche die schuldigen Täter der Hamas ebenso benennt, wie die Komplizenschaft und klammheimliche Unterstützung unter der arabischen Bevölkerung. Dies allerdings in der distanzierten Form israelischer Nachrichtenbilder. Danach fällt der Satz „Es gibt keine Unschuldigen in Gaza.“ Er ist hart, aber nicht völlig falsch. Auch der Filmtitel wird früh erklärt. „Naza“ bezeichnet den militärischen Begriff für „Kollateralschaden“, also die Zahl der Zivilisten, die bei einem Angriff möglicherweise getötet werden.
Dann folgen 60 Minuten Fakten. Neben Einzelheiten der Kriegsführung erfährt man auch etwas über Milieu und Mentalität dieser Eliteeinheiten. Sie seien „the top of the top“, sagt ein Gesprächspartner über die Leitstelle der Luftkriegsführung. Sie wären durchweg „typische linksliberale gebildete Städter aus Tel Aviv“, keine Rechten, erläutert ein anderer. Er sei während seiner ganzen Militärzeit auf keine Araberhasser getroffen, sagt ein dritter.
Die Fakten, die „Naza“ präsentiert, sind gewiss teilweise einseitig ausgewählt, aber das ist legitime Üblichkeit im Dokumentarfilm, der immer eine subjektive, arrangierte Zusammenstellung der Wirklichkeit ist, nicht diese selbst. Seitens der Filmemacher werden diese Fakten nicht bewertet, vielmehr können die Betrachter immer selbst urteilen. Denn es gibt gute Gründe dafür, die israelische Reaktion auf das Massaker vom 7. Oktober angemessen und legitim zu finden. Es gibt gute Gründe für das Argument, dass Überwachen und Töten zur ganz normalen Kriegsführung gehören. Dass die Terrorzentralen der Hamas nur ausgeschaltet werden und Hamas-Terroristen nur getötet werden können, wenn man zivile Opfer in Kauf nimmt.
Israel versucht, deren Zahl dadurch zu reduzieren, dass über viele geplante Militärschläge vorab informiert wird, und die Zivilbevölkerung Zeit bekommt, bedrohte Gebiete zu verlassen – was aber zugegeben oft nur schwer möglich ist. Dergleichen Abwägungen finden in „Naza“ allerdings nicht statt. Mildernde Umstände und Differenzierungen werden nicht benannt. Technische Fehler oder unangenehme Einzelfälle werden dagegen skandalisiert. Dagegen spricht der Film nie über die Erfolgsquote. Wie viele Hamas-Führer, wie viele Hamas-Kämpfer sind mit diesen Methoden getötet worden?
Die Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor haben die klare Agenda, ihrem Land schwerste Verbrechen nachzuweisen, seine Kriegsführung zu delegitimieren und seinem internationalen Ansehen Schaden zuzufügen. Auch das ist durch die Freiheit der Kunst gedeckt.
Genau nach 60 Minuten nimmt der Film dann eine scharfe Kehrtwende. Aus dem Nichts kommt die Frage: „Ist das ein Genozid?“ Antwort: „Ja, absolut.“ Kurz darauf dann sind Bilder des Shoah-Gedenkens zu sehen, israelische Bürger, die beim Autofahren oder auf dem Bürgersteig innehalten und für eine Gedenkminute still stehen. Das ist an dieser Stelle des Films nur ein Zynismus. Die verzerrte Gleichsetzung des Unvergleichbaren und der Opfer mit den Tätern.
„Naza“ ist ein agitatorischer Film, der immer wieder Elemente der Propaganda enthält. Es ist vieles richtig, und es ist immer interessant, was er zeigt. Aber es ist auch alles falsch. Denn es ist ein einseitiges Arrangement der Fakten und das Weglassen vieler Fakten nach intransparenten Kriterien. Das Ergebnis kommt einer großen Lüge gleich.
Die israelische Regierung trägt leider gerade das Ihre dazu bei, dem Film durch eine hysterische Politisierung falsche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Es mag sich bei den Machern Abraham und Szor um Landesverräter handeln – darüber wird im Rechtsstaat Israel ein Gericht entscheiden. Äußerungen von Politikern gegen Künstler, Äußerungen, die auch nur als Einschränkung der Kunstfreiheit verstanden werden könnten, sind aber mindestens ungeschickt.
Und so gerät in Vergessenheit, dass dieser Film gerade die Stärke Israels beweist. „Naza“ ist in Israel entstanden und möglich gewesen, denn Israel ist im Gegensatz zu allen arabischen Staaten eine Demokratie. Eine Demokratie mit einer Regierung, die vielen bei uns nicht gefällt, und dafür gibt es gute Gründe – aber sie kann abgewählt werden, man kann gegen sie demonstrieren und gegen sie Filme machen wie diesen. Die Regisseure könnten niemals in irgendeinem arabischen Land Ähnliches tun, ohne ihr Leben zu verlieren.
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