Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im Oktober lohnen sich:
1. Peter-André Alt:
Die Kanzler und die Intellektuellen. Geschichte einer unbequemen Beziehung. C. H. Beck, 811 Seiten, 48 Euro*
Diese Studie kreist um den Schriftsteller Günter Grass. Doch zur Wahrheit gehören ganz andere Denker, die die deutsche Politik weniger öffentlichkeitswirksam beraten haben. Lesen Sie hier unsere Besprechung des Buches von Peter-André Alt.
2. Philipp Blom:
Die strauchelnde Welt. Eine Globalgeschichte 2001–2014. Hanser, 397 Seiten, 30 Euro*
Allerhand los seit dem 11. September 2001, und irgendwie auch ständig Krise. Der studierte Historiker und Bestsellerautor Philipp Blom resümiert das frühe 21. Jahrhundert. „Ferien von Geschichte“ (eine Formulierung im Buch, die an Francis Fukuyama erinnert) hatten wir jedenfalls nicht. Lesen Sie hier mehr zum Buch von Philipp Blom.
3. Michael Riepl:
Ferne Heimat Altmontal. Das Leben meiner Großmutter zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus. C. H. Beck, 304 Seiten, 25 Euro*
„Russlanddeutsche“ lebten nicht nur in Russland, sondern auch im Kaukasus oder der Ukraine. Doch wer kennt ihre Geschichte? Auf den Spuren seiner Großmutter Hedwig ist Michael Riepl ins östlichste Europa gereist: Die Dachziegel der deutschen Diaspora halten bis heute. Lesen Sie hier die Buchbesprechung.
4. Samuel Beckett:
German Diaries. 28. September 1936 – 1. April 1937. Deutsch & Englisch. Übersetzt von Gaby Hartel, herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich. Suhrkamp, 1352 Seiten, 78 Euro*
1936/37 reiste der noch unbekannte Samuel Beckett durch Deutschland. Er hörte den „grauenhaften“ Furtwängler, bezahlte „Hitler-Huren“ und hatte Verdauungsprobleme. Was die lange geheimgehaltenen Aufzeichnungen des Nobelpreisträgers noch Intimes verraten? Lesen Sie hier die Buchbesprechung.
5. Géraldine Schwarz:
Wer wir waren, wer wir sind. Eine Geschichte Europas. Übersetzt von Elsbeth Ranke und Thomas Studer. Rowohlt Berlin, 560 Seiten, 32 Euro*
Géraldine Schwarz ist eine deutsch-französische Historikerin, Journalistin und Dokumentarfilmerin. In ihren Büchern und Essays – hier zuletzt für WELT – setzt sie sich immer wieder mit der europäischen Geschichte auseinander. In ihrem neuen Buch erläutert sie, was unseren Kontinent historisch ausmacht: Christentum, Kapitalismus und Freiheitsdrang bilden die europäische DNA.
6. Asma Mhalla:
Cyberpunk. Das neue totalitäre System. Übersetzt von Stephanie Singh. C. H. Beck, 137 Seiten, 16 Euro*
Ihre Prognose sorgt in Frankreich für Furore: Asma Mhalla, Politikwissenschaftlerin und Ex-Investmentbankerin, sieht Big State und Big Tech verschmelzen. Der Kampfschauplatz: das menschliche Gehirn. Das Ziel: Unterwerfung. Lesen Sie hier mehr zum Essay der 1984 in Tunesien geborenen und heute in Paris lehrenden Asma Mhalla.
7. Susan Neiman:
Nennen wir es böse. Die Politik unserer Zeit verstehen. Übersetzt von Manuela Grabinger. Hanser Berlin, 317 Seiten, 26 Euro*
Leider beginnt auch dieses Buch erst einmal mit der Frage, ob wir Trumps Regime „faschistisch“ nennen sollen. Als ob mit dem Begriff auch nur ein einziges der gesellschaftlichen Phänomene, für die Trump ein Symptom ist, besser verstanden würde. Immerhin hält sich der Essay nicht nur mit Begriffen auf. Die Frage nach den checks and balances im aktuellen amerikanischen Machtgefüge stellt die Philosophieprofessorin und Publizistin Neiman, die das Einstein-Forum in Potsdam leitet, zu Recht.
8. Geraldine Oetken:
Frieda. Die Suche nach meiner vergessenen Urgroßtante. S. Fischer, 336 Seiten, 24 Euro*
Bücher wie dieses werden wir immer lesen: Mit Anfang dreißig erfährt Geraldine Oetken, dass sie eine Urgroßtante hatte: Frieda, von der nie jemand erzählt hat. Von der niemand mehr weiß, als dass sie 1941 in einer Anstalt für Menschen mit Behinderungen gestorben ist. Aber wer war Frieda? Wie sah ihr Alltag aus, und wer hat sie ins Heim gesteckt? Wie endete ihr Leben? Eine Aufklärung über Zeiten, in denen in Deutschland die Euthanasie regierte.
9. Andrea Wulf:
Der Reisende. Georg Forster und die Entdeckung der Menschlichkeit. Übersetzt von Andreas Wirthensohn. C. Bertelsmann, 592 Seiten, 32 Euro*
Andrea Wulf ist eine deutsche Autorin, die in Indien geboren wurde und in London lebt. Mit ihrer 2015 erschienenen, für den englischen Markt geschriebenen Biografie über Alexander von Humboldt hatte sie einen veritablen internationalen Bestseller. Jetzt widmet sie sich einem anderen berühmten Weltreisenden: Georg Forster.
10. Marlen Hobrack:
Stolz und Zweifel. Eine Verteidigung der Mutterschaft. HarperCollins, 238 Seiten, 24 Euro*
Ein Fünftel der Frauen in Deutschland bleibt kinderlos – und da sind die vielen jungen Frauen, die sich gerade gegen Kinder entscheiden, gar nicht eingerechnet. Warum aber wollen sie keine Kinder? Höchste Zeit, zu sagen, wie es ist. Lesen Sie hier einen Auszug aus Marlen Hobracks Buch.
Die Extra-Empfehlung:
Neben den zehn Favoriten der Jury kommt jeden Monat eine Extra-Empfehlung von einem Gast. Diesmal von Ursula Münch (Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing). Sie empfiehlt:
Olaf Sundermeyer: Blaues Land. Über Leben mit der AfD. Herder, 288 Seiten, 22 Euro*
„Der Reporter beim RBB analysiert zum einen das politische Vorfeld der AfD und zeigt auf, wie das lokale Wirken von Protagonisten in der „neurechten Bewegung“ die AfD überhaupt erst in die Lage versetzt hat, in mehreren ostdeutschen Ländern zur dominierenden politischen Kraft zu werden. Den damit verbundenen gesellschaftlichen Kulturwandel wolle die Partei und ihr Umfeld nun auf die alte Bundesrepublik übertragen. Zum anderen kritisiert Sundermeyer die Hilflosigkeit der gemäßigten politischen Kräfte: Migration sei auch deshalb zum Erfolgsthema für AfD geworden, weil diese jede migrationsskeptische Äußerung sofort in die extremistische Ecke eingeordnet hätten. Er verbindet seine Analysen aus dem „blauen Land“ mit einer Empfehlung an die Parteien im Westen: Gezielt gegen die AfD gerichtete Maßnahmen hätten sich nicht bewährt. Und eine Partei, die ‚immer auf der Suche nach der Schwäche der anderen‘ sei, profitiere von Hadern, Ängstlichkeit sowie Leisetreterei der Gemäßigten.“ (Ursula Münch)
Die Jury der Sachbücher des Monats:
Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, radio 3 vom rbb; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. – Die Redaktion der Jury-Voten liegt bei Andreas Wang.
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