Wir befinden uns in Hamburg. Auf der Straße werden Hunde von Robotern Gassi geführt, in Restaurants verlangt ein Automatenkellner die elektronische Gesundheitskarte, bevor er Wodka bringt (und verweigert ihn, falls Alkohol dem Gast schaden könnte). Als Frau Winkler, 80 und Witwe, beim Hängen von Gardinen vom Hocker fällt, die Tochter mit ihrer Pflege überfordert ist und die Mittel für ein Pflegeheim nicht reichen, wird ein humanoider Roboter engagiert.

Wir schreiben das Jahr 2030, und wir befinden uns in „Frau Winkler verlässt das Haus“, dem neuen Film von Doris Dörrie. 2030 ist nicht mehr weit entfernt, und die KI-Industrie gewöhnt uns mit niedlichen Namen bereits an die Maschinen, die Menschen ersetzen sollen: Pepper (der in Altenheimen bereits Gespräche führt), Robear (der Patienten aus dem Bett hebt) oder Paro (der therapeutische Roboter in Form eines Robbenbabys).

Der Pflegeroboter bei Doris Dörrie heißt Pawlowitsch. Eigentlich will Frau Winkler (gespielt vom „Schaubühnen“-Star Angela Winkler, für die die Rolle geschrieben wurde) dieses Ding, das sich tapsig bewegt, den Bademantel des verstorbenen Herrn Winkler über der synthetischen Haut trägt und mit seinem Gesichtsdisplay Emotionen simuliert, nicht um sich haben. Jedoch: Das Ding rezitiert Anton Tschechow. Frau Winkler hat früher Theater gespielt und liebt Tschechow. Und so tauft sie den Roboter auf den Vatersnamen des Dichters und lässt sich auf ihn ein.

„Human und volkswirtschaftlich sinnvoll“ sei solch ein Gerät, erklärt die Frau von der Roboterfirma, und in der Tat, Pawlowitsch ist lernfähig, man kann mit ihm leichte Konversation betreiben, und abends stellt er sich in die Aufladestation. Anders als in „Ich bin dein Mensch“, dem ersten deutschen Humanoidenfilm von Maria Schrader, geht es bei Dörrie nicht um die Frage, was eine Maschine zum Menschen machen könnte; dafür ist Pawlowitsch viel zu artifiziell. Er ist ein Werkzeug für eine bestimmte Lebenssituation, und Dörries Tragikomödie untersucht diese ergebnisoffen, ohne Angst vor der KI und unberührt von der KI-Euphorie.

Frau Winkler (Angela Winkler), Emi Winkler (Laura Tonke), Billie Winkler (Zoë Baier), Pawlowitsch (Josef Ellers) und Selma (Via Jikeli)

Folgen wir besser einer anderen Spur als der technoiden. Viele von Dörries Filmen – „Bin ich schön?“, „Kirschblüten – Hanami“, „Glück“, „Grüße aus Fukushima“ – handeln von Verlust und Trauer und Strategien zu ihrer Bewältigung. Frau Winkler und ihre Tochter Emi (Laura Tonke) haben früh den Mann/den Vater verloren, und das hat sie zusammengeschweißt. Nun bekommt Emi – auch sie Schauspielerin – nach langer Joblosigkeit die Chance eines neuen Engagements, und ausgerechnet jetzt wird Frau Winkler pflegebedürftig. Es ist für Emi der klassische Konflikt zwischen Selbstverwirklichung und Pflichtgefühl und für ihre Mutter etwas noch Dramatischeres: die Wahl zwischen Selbstbestimmtheit und Selbstaufgabe.

Doris Dörrie verknüpft diese Aspekte engstens: Josef Ellers, der Schauspieler in dem Roboterkostüm, ist in Rückblenden zusätzlich als der Vater zu sehen. Darin sieht man auch die jüngere Frau Winkler, und sie wird dargestellt von Laura Tonke, spricht aber mit der Stimme von Angela Winkler.

Der Kristallisationspunkt der Geschichte sind Tschechows „Drei Schwestern“. Auch Doris Dörrie liebt Tschechow. Um ihn und Dostojewski im Original lesen zu können, hat sie einst auf dem Gymnasium Russisch gelernt. Und so kommt der Film immer wieder auf das Drama zurück, in dem drei Schwestern von einem besseren Leben träumen, aber in ihrer Antriebslosigkeit stecken bleiben. Frau Winkler hat eine der drei gespielt, als sie jünger war, und ihre Tochter wird nun wieder für eine der Schwestern engagiert. Angela Winkler ist einst selbst am Deutschen Theater in dem Stück aufgetreten.

Ein paar Tschechow-Spiegelungen weniger hätten es auch getan. Doch der Kern der Geschichte bleibt: Frau Winkler darf verletzlich und aufbrausend, deprimiert und sarkastisch, querulantisch und unbeschwert sein. Es ist das volle Menschenrecht dieser alten Frau.

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