Wer Aufmerksamkeit will, braucht große Gesten. Klotzen statt kleckern, sagt der Volksmund. Niemand hat das besser verstanden als Matthias Lilienthal, der neue Intendant der Berliner Volksbühne. Lilienthal, der demnächst 67 Jahre alt wird, ist seit Jahren im Geschäft. Vor fast 30 Jahren begann er seine Karriere als Chefdramaturg der Volksbühne, später provozierte er als Chef der Münchner Kammerspiele so lange genüsslich das dortige Bildungsbürgertum, bis es ihn sogar ein bisschen liebgewann. Jetzt hat er sich Berlin vorgenommen: Nach dem umstrittenen Volksbad folgte diesen Donnerstag die Eröffnung des Hauses, mit Florentina Holzinger und Rimini Protokoll.

Von weitem schon sieht man eine aufblasbare Version von Gustave Courbets „Der Ursprung der Welt“, die nackten Schenkel über dem Schriftzug „Volksbühne“ gespreizt. In Florentina Holzingers „A Year Without Summer“ krabbeln die nackten Performerinnen aus dem Plastikschoß heraus, die gefeierte Inszenierung gehört zum Repertoire der Volksbühne. An diesem Abend seilen sich die Nackten vom Dach ab, mit Lappen und Besen nähern sie sich der wuchtigen Fassade des traditionsreichen Hauses. Sie schrubben und scheuern, während aus dem Schwimmbecken auf dem Vorplatz Wasserfontänen in den Abendhimmel steigen und dröhnende Musik ertönt.

Die spielerische feministische Inbesitznahme des Theaters inklusive Reinigungsritual wird vom Publikum euphorisch beklatscht. Holzingers Performance steht unter dem Titel „House Wash“. Der Rosa-Luxemburg-Platz ist voller Menschen, die Stimmung hat sich zwischen Familienausflug und Kunstvernissage eingependelt. Das Volksbad genannte Schwimmbecken ist für Besucher inzwischen gesperrt und wird wohl in den nächsten Tagen abgebaut, nur die Pommesbude ist noch geöffnet. Nach nur 15 Minuten sind Holzingers Volkswasserspiele beendet, der „House Wash“ ist nur ein kleiner Prolog zur als „kollektive Hausbegehung“ angekündigten Inszenierung „House of Hopes“.

Die Volksbühne als gallisches Dorf?

Das Publikum strömt in das Theater, wo es mit farbigen Armbändchen ausgestattet in Kleingruppen geteilt wird. Wie bei einer Schnitzeljagd beim Kindergeburtstag folgt man kleinen Bildchen, die zu verschiedenen Stationen führen. An den im ganzen Haus verteilten Stationen trifft man meist auf Laiendarsteller – sogenannte Experten des Alltags –, die ihre Geschichte zum vorgegebenen Thema „Hoffnungen und Aufbrüche“ beisteuern. Es sind Geschichten, die von politischer Unterdrückung handeln, von Widerstand gegen sie und Flucht vor ihr. Es geht um die Mullahs im Iran, um Pinochet in Chile, die Kommunisten in China oder Kolonialismus und Apartheid in Namibia.

Neu-Intendant Matthias Lilienthal am Rande einer Pressekonferenz im Juni

Die Dokumentarschnipsel folgen alle einem ähnlichen Schema. Es geht um die Ohnmacht des Einzelnen und die Macht des Staates. Und um die Hoffnung, die mit dem Jahr 1989 verbunden sein soll, wie die Öffnung der Berliner Mauer, freie Wahlen in Namibia, Abzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan oder Studentenproteste in China. Die etwas konstruiert wirkende Geschichtsthese vom globalen Hoffnungsjahr dient auch der Selbststilisierung. Im Herbst 1989, so wird erklärt, wurden nämlich in der Volksbühne jene Massendemonstrationen geplant, die kurz darauf die instabile DDR erschütterten. Die Volksbühne als gallisches Dorf des Widerstands, damals wie heute?

Allein historisch kommt einem die Behauptung etwas wackelig vor. So weit bekannt, spielte bei den Protesten 1989 in Ostberlin nicht die Volksbühne die wichtigste Rolle, sondern das Deutsche Theater, wo damals Heiner Müller „Hamlet“ als Drama der Selbstzerstörung eines Staates probte. Und auch in Bezug auf die Jetztzeit hat es einige Tücken, die Widerstandsgesten politischer Kämpfe in einen Theatersaal umzusiedeln. Dem Abend fehlt nämlich ästhetisch genau das, was er politisch die ganze Zeit beschwört: ein Widerstand. In den über zwei Stunden des wuseligen Rundlaufs wird man niemals nur mit dem leisesten Anflug von Irritation oder Ambivalenz konfrontiert.

Serielles Storytelling

Wenn das Premierenpublikum einerseits immer wieder zum Mitmachen oder eher Nachmachen von Protestgesten aufgefordert wird, als stünde es im Tränengas oder Kugelregen auf einer Straße, andererseits aber nur im Theatersaal und somit im luftleeren Raum der eigenen Blase agiert, findet ein befremdlicher Wechsel der Vorzeichen statt. Man reibt sich nicht mehr an einer Sache, sondern nur noch im wohligen Gemeinschaftsgefühl aneinander. Man wärmt sich die Herzen an den rührigen Widerstandsgeschichten, die zu gefühliger Identifikation einladen. Ein Lagerfeuerfeeling der Nest- und Herdenwärme, hergestellt durch eine globale Geschichtslehrstunde nach dem Muster seriellen Storytellings, wie man es auch von Social Media kennt.

Und man kann sich wunderbar in der eigenen Widerstandserzählung einkuscheln. Wie zum Beispiel ein Tänzer aus den USA, der einem nicht nur das Hula-Tanzen als widerständige Praxis anempfiehlt, sondern seinen 3-Jahres-Vertrag an der Volksbühne als logischen Schlusspunkt seiner zum Politikum aufgebauschten Tanzkarriere präsentiert. Institutionalisierung im subventionierten Kunstbetrieb als letzter Horizont des politischen Engagements? Es drängt sich der Verdacht auf, dass der museale Erlebnispark des Widerstands mehr der performativen Selbstlegitimierung dient als einer ästhetischen oder politischen Erfahrung. Auch der selbstergriffen wirkende Schlussapplaus scheint das zu bestätigen.

Denkt man an ältere Arbeiten von Rimini Protokoll, so kann „House of Hopes“ – Konzept und Regie von Stefan Kaegi und Daniel Wetzel – nicht überzeugen. Dokumentartheater und Experten des Alltags waren einmal ein Mittel, den Widersprüchen der Gegenwart näherzukommen. Jetzt zeigt sich, dass man damit – so interessant die Geschichten im Einzelnen auch sind! – ebenso gemeinschaftsduseligen Politkitsch machen kann. Draußen die kalte, böse Welt, hier drinnen das gute Gefühl einer widerspruchslosen Gemeinschaft im Widerstand. Sind das wirklich die öffentlichen Tugenden, die man in der heutigen Zeit fördern möchte? Man darf gespannt sein, was der versierte Provokationsprofi und Polarisierungsbewirtschafter Lilienthal noch zu bieten hat. Am Freitag und Samstag wird der Premierenreigen an der Volksbühne fortgesetzt.

„House of Hopes“ läuft an der Berliner Volksbühne.

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