Ein 21-Jähriger aus Mecklenburg-Vorpommern zieht zum Studium nach Berlin. Er fremdelt. Waren seine Mitstudenten nach dem Abitur auf Weltreisen, versackte er in seinem Plattenbau in Stralsund. Andere haben Geld von ihren Eltern. Er sucht Arbeit. „Aus Ruinen“ erzählt die Geschichte ihres Autors als Roman. Es ist sein zweiter: Hendrik Bolz schildert, wie es nach seinem ersten, „Nullerjahre“ von 2022, weitergeht. Der Ostdeutsche findet sich unter Westlern wieder. „Keiner sieht hier aus wie ich“, lautet sein Mantra.

In Berlin lebt Bolz noch immer. Er gründete das Rap-Duo Zugezogen Maskulin unter dem Künstlernamen Testo. „Nullerjahre“ war sein Buch über die Wendekinder in der ostdeutschen Provinz. Im Podcast „Springerstiefel“ ging es um die sogenannten Baseballschlägerjahre und die Folgen. „Aus Ruinen“ liest sich wie Hip-Hop in Prosa. Es bricht mit dem Glauben, mit den Spät- und Nachgeborenen der DDR würde die Ostidentität verschwinden und alle würden so werden wie im Westen.

WELT: Ihre Geschichte spielt im Jahr 2009. An einer Stelle schreiben Sie über Ihre Heimat Mecklenburg-Vorpommern: „Die große Fascho-Welle der Nachwendezeit ist lange vorbei. Bei der Europawahl vor ein paar Wochen liefen die rechtsextremen Parteien unter ‚Sonstige‘, bei den Kommunalwahlen holten sie insgesamt Ergebnisse im niedrigen einstelligen Bereich. Das große ostdeutsche Drama ist durch, über Massenarbeitslosigkeit und Rechtsextremismus spricht keine Sau mehr.“ Was ist seither passiert, dass doch wieder alle über Rechtsextreme reden und das Drama der Ostdeutschen? Wo waren damals die 38,2 Prozent AfD-Wähler von 2026?

Hendrik Bolz: Als Thema war Rechtsextremismus am Ende der Nullerjahre durch. Die Annahme war: Die wenigen Verbliebenen in ihren Dörfern würden auch noch aufwachen. So hat es sich zumindest angefühlt. Das änderte sich erst wieder Mitte der Zehnerjahre, zur Zeit von Pegida. Auch ich war überrascht. Da war ich ja schon in Berlin in meiner Musik- und Medienblase.

Und zu den aktuellen Wahlergebnissen: 2009 wurden in meiner Heimat noch die Linke und die Grünen, FDP, SPD und CDU gewählt. Diese Wähler wurden in den 17 Jahren jetzt nicht plötzlich zu Neonazis. Viele haben einfach die Schnauze voll, weil sie den Eindruck haben, es geht nur noch bergab und niemand ist für sie und ihr Umfeld da. Die AfD musste sie nur noch einsammeln. Vor allem in den Plattenbaugebieten und in ländlicheren Gegenden: Wie überall, wo Rechtspopulisten gewählt werden, geht es auch um Ökonomie. Im Osten gibt es keine Parteienbindung? Doch, eine Partei hat das sehr gut geschafft.

WELT: Welche Ihrer beiden Heimaten ist Ihre erste?

Bolz: Schon MV. Berlin ist meine zweite, hier lebe ich.

WELT: Der Sänger Monchi aus Vorpommern formuliert in seinem Buch „Jenseits der Brandmauer“ den Vorwurf, Sie und alle anderen, die heute aus den Großstädten über den Osten schreiben, hätten lieber dableiben und sich daheim um die politische Hygiene kümmern sollen. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Bolz: Nein. Die Kritik kann ich verstehen, von Leuten, die sich dort, wo sie herkommen, engagieren und etwas bewegen. Aber ich finde, jeder darf sich frei entscheiden, wo er sein Leben verbringen will, wo er sich wohl und aufgehoben fühlt. Für mich ist Berlin dieser Ort und das will ich nicht eintauschen, auch nicht aus moralischen Gründen. So sehr ich die Leute in Vorpommern auch mag, vor allem meine alten Freunde, und will, dass es ihnen gut geht.

WELT: 2009 war Berlin für Sie noch nichts, davon handelt „Aus Ruinen“.

Bolz: Ja, die ganze Geschichte dreht sich um die Frage: Was mach’ ich hier eigentlich? Ich war an der Uni in Zehlendorf und fand mich überhaupt nicht zurecht.

WELT: Sie haben mit Leuten studiert, die anders waren als Sie. Es ging nicht nur um Ost und West, um unterschiedliche Kulturen, sondern um verschiedene Klassen. Interessanterweise wird das Ökonomische erst für die Jüngeren wirklich wichtig, für die Vor- und Nachwendegeborenen. Marieke Reimann schreibt darüber in ihrem Buch „Zweite Wende“, Ruth-Maria Thomas in ihrem Roman „Die zweitgrößte Liebe“. Und jetzt Sie.

Bolz: Warum hat das Geld bei Ihnen und den Älteren keine so große Rolle gespielt?

WELT: Vielleicht waren Wörter wie „Vermögensverteilung“ zu abstrakt, wenn es darum ging, sich im neuen Alltag zurechtzufinden. Mentalitätsdifferenzen schienen wichtiger zu sein, um sich mit Westdeutschen zu arrangieren. Davon erzählen Sie ja auch, von „Schlaumeier-Lappen“, aber eben mehr von Privilegien.

Bolz: 2009 war ich dafür aber auch noch blind. Beim Schreiben schaue ich mir dabei über die Schulter, wie ich versuche, ein völlig fremdes Wertesystem zu verstehen, das durch Vermögen und Einkommen seine Milieus ausbildet. Im ostdeutschen Plattenbau wurden Klassen ja eingeebnet. Alle sollten gleich sein. Keiner sollte sich wichtig machen.

Es gibt von Sido die Zeilen: „Du brauchst’n Auto, so groß wie ein Schiff/ Ich hab’ gehört, dass du sonst ein Niemand bist/ Du brauchst’n Schiff, so groß wie ein Haus/ Ich weiß nicht warum/ Doch man sagt, dass du das brauchst.“ So ging es mir auch. Klar, reich ist besser als arm. Aber dass sich über den sozialen Status alles ausdrückt, wie man die Welt sieht, wie man denkt und spricht, war mir lange nicht bewusst. Der Hendrik von damals glaubt ja sogar, er wäre denen überlegen: Die haben sich noch nie geprügelt. Alles blasse Langweiler. Die sehen komisch aus, anders als ich, die checken noch nicht, dass ich eigentlich cooler bin.

WELT: Das wirkt nach im Osten?

Bolz: Da wären wir wieder bei den Wahlen und den ökonomischen Motiven. Wenn es in den Portemonnaies eng wird, werden die Herzen enger, dann ist man weniger motiviert, anderen was abzugeben. Wenn Miete und Tank das Geld verschlingen, rundherum alles dichtgemacht wird, werden Politiker zu Gegnern, die Steuern verschwenden – und sollen weg. Die Wut kann ich nachvollziehen. Wo hingegen über Generationen vererbt wurde, kann man auch in Krisenzeiten resilienter sein.

WELT: Bisher galt die Krisenresilienz als ostdeutsche Errungenschaft: Dort haben sie schon einen Staat und ein ganzes System verschwinden sehen und die härtesten Transformationen überstanden.

Bolz: Beides stimmt. Sowohl die Transformationskompetenz als auch die Transformationsmüdigkeit. Den Ossi gibt es ja sowieso nicht, und auch innerhalb einer Person kann man beides in sich tragen.

WELT: Sie schreiben: „Entgegen der Vorstellung einiger wohlmeinender Linker ist es leider nicht so, dass Menschen in Orten mit niedrigem Lebensstandard durchweg herzlicher, solidarischer und menschlicher wären als in wohlhabenden Schichten.“

Bolz: Ja, ist doch klar. Wenn jemand dauerhaft Not erlebt und keine echte Perspektive hat, werden kriminelle Angebote zunehmend verlockend. Wenn jemand seine Umwelt als gestresst und gewaltvoll erlebt, von staatlicher Seite nicht gut interveniert wird, muss er sich selbst verteidigen und wird unter Umständen „toxisch“.

Auch bei mir war es nicht so, dass ich mir mein komisches Männlichsein zugelegt hätte, um cooler zu wirken und alle damit zu nerven – gut, das vielleicht auch. Aber meine Hauptmotivation war Angst, das war mein Grundgefühl. Angst davor, sonst zum Opfer zu werden, kaputtgeschlagen. Ich wurde von einem Ort geprägt, an dem ich das Gefühl hatte, abschreckend sein zu müssen. Wenn wir als Gesellschaft vorankommen wollen, reicht es nicht, problematische Menschen zu Monstern zu erklären und wegzujagen, sondern wir müssen uns die Gründe für ihr Verhalten anschauen.

WELT: Die AfD redet dem Ostdeutschen nicht nur ein, der bessere, wahre Deutsche zu sein, sondern auch der männlichere Mann.

Bolz: Auch da verstecken sich hinter den Ost-West-Zuschreibungen oft andere Dynamiken: Oben verhalten sich Männer anders als unten und in der Stadt anders als auf dem Land. Im Osten gibt es mehr ländlichen Raum, breitere Arbeitermilieus, weniger Wohlstand. Der Osten ist einfach anders strukturiert als der Westen, unter anderem auch, weil tausende motivierte Menschen rübergegangen sind. Aber Männer, die im Ruhrpott in den Zechen waren, und Männer, die in einer Stralsunder Werft gearbeitet haben, dürften sich wiederum recht nah sein.

Was aber natürlich stimmt: Viele Ostdeutsche mussten nach der Wende Gewalterfahrungen machen, die Westdeutschen weitgehend erspart geblieben sind. Die Bundesrepublik hat ihre neuen Bürger im Osten jahrelang nicht richtig beschützt, der Stärkere hatte recht, und jeder musste selbst für sich zurechtkommen. Das sind Zustände, aus denen sich dann eben auch so eine Hinwendung zu Stärke und Härte speist. Interessanterweise habe ich meine Vorbilder dahingehend aber vor allem aus dem Deutschrap westdeutscher Prägung genommen.

„Aus Ruinen“ von Hendrik Bolz

WELT: Die Westdeutschen in Ihrem Buch schauen auf Sie herab, wie Sie auf die.

Bolz: Gespürt habe ich das. Aber, wie gesagt, für mich war klar: Die checken das echte Leben nicht. Ich fand meine Hosen nicht komisch, für mich waren es die coolsten Hosen, die man tragen konnte. Die Loser hatten einfach keine Ahnung.

WELT: Bis eine Frau zu Ihnen sagt: „Du bist ein Klotz.“

Bolz: Auch wenn ich es nicht ganz verstanden habe, das hat mich ganz komisch getroffen. Viele Irritationen entstammten so einer blöden Schwierigkeit, erst mal eine gemeinsame Sprache zu finden. Daran muss ich auch manchmal im Rahmen dieser Wahlberichterstattungen denken: Es gibt so abgekapselte Milieus, die sprechen aneinander vorbei. Das ist sogar innerhalb Ostdeutschlands so. Manche haben es leicht, andere nicht. Für viele, wo es netter war, sind AfD-Wähler einfach nur schlechte, empathielose Menschen. Dabei fehlt es ihnen selbst vielleicht etwas an Empathie für Menschen außerhalb ihrer Bubble.

WELT: Sie zitieren aus dem „Spiegel“, der 2009 über die sogenannten Krisenkinder schreibt: „Aufgewachsen in der Sattheit und Sorglosigkeit der 1980er- und 1990er-Jahre, erlebten sie, als sie erwachsen wurden, die Bedrohung dieses Wohlstandskokons.“ Damit waren allein die Westkinder gemeint.

Bolz: Und mit den Westkindern auch keine Kinder von Migranten, Arbeitern und Ärmeren.

WELT: Westkinder sehen auch keine Unterschiede mehr zu Ostkindern, Ostkinder zu Westkindern schon.

Bolz: Dieser Diskurs erinnert manchmal an Männer, die Frauen erklären, dass aus ihrer Sicht die Gleichberechtigung vollendet wäre. Grundsätzlich ist es aber vielleicht ein Fortschritt, wenn Westdeutsche die Ostdeutschen nicht mehr als andersartig und minderwertig wahrnehmen, wie so oft in den 1990er-Jahren. Oder es zumindest behaupten.

Hendrik Bolz: Aus Ruinen – Junger Mann in Krisenzeiten. Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 22 Euro

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