Es ist Le Corbusiers radikalstes Bauwerk: das Kloster Sainte-Marie de La Tourette bei Éveux, etwa 25 Kilometer nordwestlich von Lyon. Der schwere, bunkerhafte Betonkörper, in denen Lichtöffnungen wie Schießscharten und Schornsteine eingelassen sind, versehen mit Glasscheiben im Corbusier-typischen Rot, Gelb, Grün und Blau, entstand zwischen 1953 und 1960 für den Dominikanerorden. Seitdem liegt er wie ein Raumschiff an einem bewaldeten Hang. Der Bau fiel in die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, als sich die katholische Kirche entstaubte: Sie gab moderne Sakralgebäude in Auftrag, die Messe wurde nicht mehr auf Lateinisch gehalten, und der Priester wandte sich der Gemeinde zu statt von ihr ab.
In La Tourette leben heute noch neun Mönche. Man sieht sie in ihren weißen Kutten über Rampen und durch von den Primärfarben rhythmisierte Gänge laufen. Gäste können sich über Nacht in knapp elf Quadratmeter kleinen Zellen einmieten: Tisch, Stuhl und Schrank sind, wie alles hier, original. Durch eine schmale Terrassentür tritt man auf die Loggia und blickt auf Wiesen und Bäume. Von den Fensterfronten der bis zum Holzhocker durchgestalteten Studienräume und dem Refektorium geht die Aussicht dagegen weit über die Hügel. Von den Gängen blickt man in den Innenhof.
Dort entfaltet sich das, was man als Le Corbusiers Betonbaukastensystem bezeichnen könnte: eine auf Würfel und rechteckige Betonteile aufgesockelte Pyramide (die Kapelle) und Wände voller Fensterschlitze, was ebenso absurd wirkt wie futuristisch und transzendental – es scheint, als befände man sich im Tempel einer Science-Fiction-Dystopie. Nur die vom untersten Gebäudebereich hoch emporstrebende Kirche wirkt intensiver: Wohl kein anderer geistlicher Raum bietet eine derart sinnlich-rohe Mischung aus Brutalismus und Sakralität, Erhabenheit und Zukunftsvision, mit der kein irdischer Lichtkünstler mithalten kann.
An einem solchen Ort zeitgenössische Kunst zu zeigen, ist ein Wagnis. Schon früher haben sich, im Auftrag eines kunstsinnigen Mönchs, männliche Großkünstler wie Anselm Kiefer, Anish Kapoor oder François Morellet daran versucht. Doch dem organischen Ensemble des Klosters können Werke kaum gerecht werden, in denen das Künstler-Ego mit beiden Händen greifbar ist. Etwas anderes passiert bei der abstrakten, sanft-geometrischen Malerei von Liliane Tomasko.
Die 1967 in Zürich geborene Künstlerin, die mit dem Design von Le Corbusier praktisch aufgewachsen ist, arbeitet seit jeher mit dem Gefühl von Träumen, das sich in zerwühlten Bettlaken, Handtüchern und Kleidung manifestiert: Tomasko spricht von „zweiten Häuten“. In La Tourette waren es die Stoffservietten der Mönche, jede auf ihre eigene, eigenwillige Weise gefaltet, die ihre Aufmerksamkeit erregten – „die Art, wie diese bescheidenen, weichen Gegenstände das Leben dieser neun Männer begleiteten und die unterschiedliche menschliche Energie still in ihr Gewebe aufnahmen.“
Liliane Tomaskos „Horizontal Habit“ von 2026 im Kloster La TouretteTomaskos Gemälde „a dream of (A RED THREAD)“ von 2018Tomasko fotografierte die Servietten und übersetzte sie in Zeichnungen, die wiederum zum Ausgangspunkt für ihre Gemälde wurden: konzentrierte, dynamische und farbintensive Bilder, die sich in das Kloster einfügen wie Momente puren Fühlens, wenn der Verstand verschwimmt und sich bereit macht für die nächste Ebene. Tomasko hat sie in verschiedenen Bereichen des Gebäudes platziert, beim Refektorium, in Gängen oder in der Bibliothek.
Zur Ausstellungseröffnung sind einige Mönche zugegen, die neugierig über die Bilder diskutieren – der jüngste von ihnen ist selbst Architekt. Bruder Charles kennt jeden Winkel des Gebäudes und führt auch in die Sakristei, wo sieben Betonaltäre durch runde Lichtschächte angestrahlt werden: In der Abenddämmerung schwebt der Raum förmlich in rosa-grauem Dunst. Als der Mönch zu singen anhebt, um die herausragende Akustik zu demonstrieren, geht es einem durch Mark und Bein.
Es ist erstaunlich, wie Tomaskos Kunst sich in das Gespann aus Vergeistigung und schwerer, steinerner Materialität einfügt. Zurück in den öffentlichen Bereichen, in denen die Mönche kaum mehr ohne Architekturfans aus aller Welt auskommen, heben Tomaskos Bilder die rohen, grauen Wände förmlich an. Zwischen Malerei und Architektur entsteht ein meditatives Miteinander, was nur gelingt, da die Gemälde die Farb- und Linienführung des Klosters subtil wiedergeben, ohne je illustrativ zu werden. In ihnen scheinen Kanten und Ecken auf, beiläufige bauliche Augenblicke bis hin zu den Serviettenmustern, die sorgsam gefaltet in einem kleinen Regal im Refektorium liegen. Auch dort ist alles im Original belassen, bis hin zur leuchtend gelben Küche aus klobigen Holzschränken – so wie im ganzen Gebäude Schränke und Türen aller Formate in monochromen Knallfarben auftauchen, deren dicke schwarze Griffe damit kontrastieren.
Tomaskos Malerei deutet solche Auffälligkeiten nur entfernt an. Ihre Bildelemente überlagern sich, dann streben sie wieder auseinander, mal sind die Farbflächen dicht, dann wieder sieht man jedes Pinselhaar: Es ist diese Sensibilität, die es mit Corbusiers dominanter Baulichkeit nonchalant aufnehmen kann. Nur selten besitzt zeitgenössische Malerei diese Bescheidenheit, um mit der Umgebung wirklich in Dialog zu treten. Wenn La Tourette weiterhin Kunst zeigen will, ist diese Haltung unabdingbar.
„Liliane Tomasko. Les songes de la trame“, bis 18. November 2026, Dominikanerkloster Sainte-Marie de La Tourette in Éveux bei Lyon
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.