Zwei Seelen schlagen in der Brust von Carl Bischoff. Als gelernter Maurer hält er das Handwerk hoch, als angehender Dichter vertritt er die Seite des Genialischen und der höheren Mächten zu verdankende Inspiration. Mit der könnte man keine gerade Wand hochziehen. Kommt beides zusammen, entsteht Kunst.
Als Bischoff bei einem seiner Schwarzarbeiter-Jobs im Haus einer seltsamen Alten einen Giebel neu verputzen soll, kriegt er vom maroden Stromanschluss derartig eine gewischt, dass seine Schaffenskrise schlagartig überwunden ist: „Jedes Wort war geladen, auf seiner Zunge, wild und voller Energie. Wenn er den Kopf zu schnell drehte, flogen Funken in den Augenwinkeln.“ Der Dichter ist mit planetarischen Kräften im Bunde, „er war sprach- und strahlenbegabt“.
Carl Bischoff war der Protagonist von Lutz Seilers „Stern 111“, der 2020 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. In diesem Postwende-Roman überhöhte Seiler die Hausbesetzerjahre im Prenzlauer Berg der 90er-Jahre nicht ohne Selbstironie zu einem endzeitlichen Ringen zwischen anarchischer Subkultur und den neuen Mächten des Kapitalismus. Der Ausgang des Kampfes war absehbar, doch Bischoff wurde darüber zum Dichter. Was in der Wirklichkeit unterliegt, triumphiert im unendlichen Potentialis der Poesie.
Seilers neuer Roman „Das tickende Herz“ spielt unmittelbar nach der Jahrtausendwende und trifft den von seiner Freundin verlassenen Carl Bischoff allein und depressiv in einer viel zu großen Altbauwohnung im Berliner Winskiez an. Zwar ist sein Lyrikdebüt erschienen, doch Resonanz war gleich null. Der Tiefpunkt ist eine Lesung im winterlich-trüben Erfurt vor einer Handvoll Zuhörern.
Allerdings ist da auch eine geheimnisvolle, wunderschöne Frau dabei, die sich hinterher als Aysha vorstellt, ihm aus der Hand liest und Sätze sagt wie „Die Erde hat Heimweh.“ Nach seiner Rückkehr bemerkt Bischoff ein halbmondartiges Zeichen unter der Haut seiner Hand: ein Splitter? Ein Mini-Tumor? Eine Art Antenne? Für welche Frequenzen?
Kurz darauf bekommt Bischoff eine hochexklusive Einladung zum Poetry International Festival in Rotterdam, wo er als einziger deutscher Vertreter lesen darf und Anschluss findet an den elitären Zirkel der globalen Lyrikszene mit seinem ununterbrochenen Festivalhopping. Natürlich trifft er Aysha wieder, die eigentlich Anna heißt und aus Litauen stammt, zugleich aber die Tochter eines bedeutenden Schamanen aus der kasachischen Steppe ist.
Die beiden werden ein Liebespaar, verbringen rauschhafte Tage an der Kurischen Nehrung, doch als Aysha/Anna von den Geistern ihres Stammes zurückgerufen wird, ist klar, dass auch Carl bald gen Osten aufbrechen muss. Trifft sich gut, dass zu seinen vielen Einladungen auf Literaturfestivals auch eines unter dem Label „Der erste deutsche Dichter in der Steppe“ dabei ist. Zurück in Berlin, macht sich Bischoff gleich auf zum kasachischen Konsulat und kauft sibirisch-winterfeste Kleidung.
Seiler verwendet das in „Stern 111“ bewährte Verfahren: Er nimmt reale biografische Versatzstücke, wie den Poeten-Lesereise-Zirkus, und unterlegt ihm ein mythisches, den religiösen Wahn und das Verschwörungstheoretische streifendes Muster. Von seinem Nachbarn, dem Hausbesetzer-Veteranen Fränkie, wird der verliebte Dichter früh über die wahre Natur seiner neuen Bekannten aufgeklärt: „Carl, das sind die Gaiaisten, die sogenannten Erdbeschützer. Nicht nur die ‚Freunde des Gedichts‘ (die FDG, wie Fränkie schrieb), auch die ‚Earth Liberation Front‘ (ELF), die ‚Avalanche-Verbindung‘ (AV) und einige (etliche) andere Gruppen von ‚Erdwächtern‘ und ‚Erdbeschützern‘ nutzten bevorzugt die internationalen Feste rund um das Gedicht als Legende für ihre Treffen.“ Bischoff spielt in den Erderlösungsplänen des Schamanen-Bundes selbst eine zentrale Rolle, wie er in der eisigen Steppe, einst ein Atomwaffen-Testgebiet, auf schmerzvolle Weise erfahren wird.
Seilers Grundidee, die uralte Vorstellung vom Dichter-Schamanen, für bare Münze zu nehmen, ist ziemlich lustig; auf 460 Seiten Romanlänge ausgewalzt, verliert sie allerdings viel von ihrem selbstironischen Charme. Schon „Stern 111“ hatte Längen; nun wird das Motiv der Heilung und des Auserwähltseins restlos überstrapaziert, ebenso wie die zu Seilers Privatmythologie gehörende Radioaktivität (er stammt aus dem Wismut-Gebiet der DDR, wo Uranerz abgebaut wurde). Initiationsrituale gibt es gleich mehrere, inklusive Seelenwanderungen durch Nahtoderfahrungen. Alles strahlt, alles spricht, alles hängt mit allem zusammen, auch wenn der Roman seinen Gaia-Überbau als Fiktion sichtbar macht: Alles könnte nur ein Fiebertraum gewesen sein.
Spätestens wenn wieder einmal die Ziege Dodo, das sprachbegabte Totemtier der Hausbesetzer aus „Stern 111“, heranzockelt, wünscht sich der Leser einen Seilerschen Lyrikband herbei. Doch warum soll es der Leser leichter haben als der Autor? Kurz nach 9/11 mit einer wackeligen Antonow in Zentralasien auf Lesetour zu gehen, im Gepäck einen Geigerzähler und als Bordverpflegung geräuchertes Kamel: Weltrettungspoet kann ein hartes Los sein. „Das Fleisch war ausgesprochen zäh und versalzen. ‚Kauen, einfach kauen‘, murmelte der Konsul.“
Lutz Seiler: „Das tickende Herz“. Suhrkamp, 470 Seiten, 28 Euro.
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