Eigentlich, hat die Schauspielerin Rosalie Thomass gerade WELT gesagt, hatte sie befürchtet, das Thema könnte erledigt, könnte historisch geworden sein, um das sich „Lügen über meine Mutter“ dreht. Jener Film von ihrem Lebenspartner Aron Lehmann, in dem sie nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern zu dem sie – auf der Grundlage von Daniela Dröschers autofiktionalem Roman – auch das Drehbuch geschrieben hat. Bodyshaming, die patriarchale Bewertung von Frauen über Körperbilder und Maße und Gewichtszahlen und der fast faschistische Versuch, sie in ein Körperkorsett zu pressen, dem kaum jemand genügen kann – weiß, nicht übermäßig groß, schlank, fast kindlich, so Thomass.

Sie selbst hat da nie reingepasst. Sie fand sich immer durchschnittlich. Dass Körperlichkeit und Körperideale gerade in der Schauspielerei so ein Riesenthema sind, hat sie WELT erzählt, habe sie immer gewundert. Einmal habe sie beim Drehen sogar in der Hocke herumlaufen müssen, damit sie nicht größer wirkte als der Kollege. Geholfen, diesen Druck, den es in ihrem Beruf immer noch gibt, zu verstehen, habe die Frage: „Wer profitiert davon, wenn Frauen unzufrieden mit ihrem Körper sind?“

Die Wernis dieser Welt, lernt man aus „Lügen über meine Mutter“, sind viele – und gerade werden sie augenscheinlich wieder mehr. Werni heißt der Mann von Cornelia. Er könnte gut als Dressman durchgehen: muskuliert, schlank, federnder Schritt, entsetzlicher Oberlippenbart. Sie – wie schreibt man das unfallfrei?– neigt zu Rubensscher Fülle.

Wir sind in den Achtzigern und eigentlich im Hunsrück. Wobei sich Lehmanns Film sowohl ästhetisch als auch geografisch einer wirklich fixen Verortung entzieht. Mal wird mit Super-8-Film-Bildern der Siebziger operiert, mal mit Hochglanzbildern aus den Nullerjahren. Lehmann spielt mit Unschärfen auf beinahe allen Ebenen und versucht so ziemlich erfolgreich, gerade Männern die Fluchtmöglichkeit zu verbauen, zu meinen, dass das, was man da erzählt bekommt, sei ja bloß eine historische Geschichte. Ist es natürlich nicht. Leider nicht.

Das Weltwissen der Siebenjährigen

Werni und Nellie haben eine Tochter. Ela heißt sie. Und ist ein ziemlich zauberhaftes Wesen. Sie erzählt die Geschichte. Mit der Stimme und dem Tonfall einer Siebenjährigen und dem Wissen einer durch alle Stahlbäder des Feminismus gegangenen Erwachsenen. Immer wieder blocken Thomass und Lehmann so essayistische Betrachtungen ein – über die historisch ziemlich vielsagende Herkunft des Begriffs Familie, die Abhängigkeit von Frauen bei der Berufswahl vom Wohlwollen ihres Gatten, über den patriarchalen Blick.

Elas Ausflüge liefern die Analyse, der sich die Geschichte durch ihre eher enge, bewusst privatistische Perspektive eigentlich entzieht, und weiten den Blick. Und tragen in ihrem gebrochenen, sanft ironisierten Tonfall seltsamerweise trotzdem entscheidend zur Reduktion der – nun ja – Schwerkraft dieser Legende einer Selbstermächtigung bei.

Cornelia ist eine Frau, wie sie jeder kennt, jeder regelmäßig bei Familienfeiern trifft. Sie ist Werni hinterher aufs Land gezogen. Auf den Bauernhof, wo Martha wohnt, die Schwiegermutter aus der Hölle, in deren Schatten Werni zu einem derart restmachistischen Loser herangewachsen ist, dass man sich – eine der Unschärfen des Films – fragt, wie dieser Spießer und Nellie jemals zusammenkamen. Liebe kann es kaum gewesen sein. Nellie liest in Bachmanns „Die gestundete Zeit“, als wir ihr und dem abschätzig an ihren Körperrundungen entlanggleitenden Blick ihres Gatten am Strand von Jesolo zum ersten Mal begegnen.

Sie kann Italienisch, sie will auf die Abendschule. Intellektuell ist sie Werni überlegen, Abitur hat sie aber keins und ihren Job als Sekretärin für die Mutterschaft aufgegeben. An die Verabredung, dass sich Martha um Ela kümmert, wenn Nellie irgendwann wieder arbeiten will, kann sich niemand auf dem Hof erinnern. Nellie ist die Quersumme all jener Frauen, deren Potenzial, deren Leben zur höheren Ehre eines überkommenen Familienbildes verschwendet wurden.

Aber das klagt der Film von Lehmann und Thomass gar nicht an, der sich ohnehin herrlich frei hält von irgendeinem anklagenden, geschweige denn klagenden Ton. Es geht um die Mittel und Methoden, die Werni bewusst oder unbewusst einsetzt, um seine Frau klein zu halten, zu erniedrigen, ihr Leben zu beschweren. Mittel und Methoden, auf die sie, lebens- und genussfreudig, wie sie ist, mit Nahrungsaufnahme reagiert. Werni macht Nellie, die Schöne, Unangepasste, fertig in Gedanken, Worten und Werken.

Am Strand von Italien: Nellie (Rosalie Thomass), Ela (Elise Lindner) und Werni (Golo Euler)

Alles, was schief läuft in seinem Leben, projiziert er auf den sich gerade nach der zweiten Geburt ständig ausweitenden Körper von Nellie. Einmal kommt er nach Hause, die Flasche Bier steht schon auf dem Tisch, der Kartoffelsalat zur Feier des Tages bereit. Aber die Beförderung, über die er ständig jammert, dass sie ihm zusteht, hat er wieder nicht bekommen. Bekommt er auch nicht, sagt er, solange er keine vorzeigbare Frau hat.

Er beobachtet sie, stellt sich mit Notizbuch an die Waage, drängt sie in eine Achterbahn der Diäten, bis sie krank wird und das Verhältnis zu Ela zu erodieren beginnt. Eine Außenwelt findet – abgesehen von Elas Ausflügen in die Geschichte – nicht statt. Das ist kein Manko. Mehr als Elas altklug klingende Invektiven braucht „Lügen über meine Mutter“ nicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.