Es ist ein Jammer, dass Leonardo DiCaprio keine Kinder hat. Ihnen wäre es zu gönnen gewesen, das zu erleben, was ein jedes Kind so glücklich macht. Sich mit müden, gequollenen Augen auf den dicken Bauch des Vaters legen und in seiner Kissenartigkeit Trost finden.

Für mich war es in den 90er-Jahren vollkommen abwegig, dass ein Vater keinen dicken Bauch haben könnte. Im Sommer sah ich auf den Campingplätzen nichts anderes als behaarte, dicke Bäuche, die sich mit jedem Dosenbier noch weiter aufspannten. Ich meine, erkannt zu haben, dass die Männer auch selbst keine andere Vorstellung von sich hatten, als ein Mann mit Plauze zu sein. Selbst die Fußballspieler, die sie am Wochenende feierten und bepöbelten, hatten keine Muskeln. Und wenn ein Profisportler, der jeden Tag Tausende Kalorien verbrennt, kein Sixpack hat, warum sollte dann ein Familienvater eins haben, der jeden Tag im Büro, in dem es damals noch keine Protein-Snackautomaten gab, ackern muss?

Seitdem ist viel passiert, Widersprüchliches in erster Linie. Denn einerseits ist die Bevölkerung viel dicker geworden, Diabetes-Diagnosen schießen in die Höhe. Andererseits sind die Menschen des öffentlichen Lebens immer dünner geworden. Und so ist die Kluft von Prominenten und dem „Normalo“ noch weiter auseinandergegangen als ohnehin schon. Die Selbstoptimierung der Öffentlichkeit ging sogar noch weiter: Auch unförmige, „unschöne“ Gesichter verschwanden von der Bildfläche. In der Gesamtbevölkerung gibt es sie aber noch genauso häufig wie damals.

Insofern ist Leonardo DiCaprio ein sündhafter Held, der uns entlastet. Am Strand von Hawaii zeigte er sich nun vollkommen unaustrainiert. Mit Verwunderung und Bewunderung zugleich wird das Foto in den sozialen Medien diskutiert. „Über Fitness und Sport spricht er nicht“, schreibt „Bild“ eher bewundernd, und das hat vermutlich einen einfachen Grund: DiCaprio macht keinen Sport. Dabei wäre es für ihn ein Leichtes, einen Personal-Trainer aufzutreiben, der ihn morgens um 7 Uhr auf der Matte zum Schwitzen bringt. Ein Post-Workout-Smoothie mit schnell verfügbaren Kohlenhydraten, der die Glykogenspeicher auffüllt, wäre sicher auch noch im Budget gewesen.

Doch einer der erfolgreichsten Schauspieler seiner Generation verzichtet im Gegensatz zu seinen Hollywood-Kollegen ganz bewusst auf jede Form der Selbstoptimierung. Dabei hätte DiCaprio, dieser Hinweis muss leider sein, hervorragendes Potenzial für einen sehr, sehr vorzeigbaren Bauch. Sein seitlicher Bauchmuskel, der Musculus obliquus externus abdominis, ist scheinbar genetisch sehr ausgeprägt. Vermutlich trägt DiCaprio auch deshalb die Badehose so weit unten, um ihn zu präsentieren. Einige Prozent weniger Körperfett und er wäre bereit für ein Calvin-Klein-Werbeplakat.

Aber nun haben wir wieder die neoliberale Denklogik übernommen, die wir mit diesem Text eigentlich verdammen wollten. Schluss mit der Zurichtung des Selbst! Denn in ihr ist etwas verloren gegangen, das nicht nur Kinder brauchen: Behaglichkeit. Die Plauze ist eine Absage an jene Verbissenheit, die wir uns täglich im Fitnessstudio antrainieren. Sie macht uns vielleicht weniger konkurrenzfähig, dafür umso zugänglicher. Wer seinen Frieden mit dem eigenen Körper gemacht hat, nicht mehr irgendwohin will, muss auch nicht mehr ständig an sich selbst denken. Anlehnen will man sich schließlich an jemanden, der auf der Couch sitzen bleibt.

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