Der neue Botho Strauß ist der alte. Wie kann es anders sein? Schon immer verliebt ins Abschiednehmen, in Absonderung und Abendrot, stimmt der 81-Jährige in diesem Buch, einem „losen Erzählgeflecht“, seine ganz persönlichen „vier letzten Lieder“ an. Ja, er erwähnt ausdrücklich das herrliche Alterswerk seines Namensvetters Richard Strauss. Er scheint es nun oft zu hören, in einer Aufnahme mit der vortrefflichen Gundula Janowitz.

Denn wie jeder Klassik-Fan weiß Botho Strauß: Dies ist, 1948 komponiert, der grandiose Abgesang auf das romantische Melos, das in dem berühmtesten Flötentriller der deutschen Musik ausklingt. Vom Tonsetzer Richard Strauss, dem Dichter Joseph von Eichendorff beigesellt, dessen Frage da lautet, im vierten und letzten dieser Lieder: „Ist dies etwa der Tod?“.

Noch nicht! Erst einmal erfolgt das Eingewöhnen in den Gedanken an den Tod. Friedlich versöhnt sind die Töne, die in diesen letzten Liedern des Botho Strauß angeschlagen werden. „Denken nurmehr als Gedenken“ lautet die Devise. Oder auch, wieder mit einer Verbeugung vor Richard Strauss: „Was geht ihn Aufklärung an? Er ist für Verklärung zuständig.“ („Tod und Verklärung“ heißt eine der bekanntesten Tondichtungen des Namensvetters). Von Angst vor dem Ende kann nicht die Rede sein: „Es regelt sich. Es wird sich finden. Darin liegt alle Magie beschlossen.“

Noch einmal passieren sie Revue, seine Themen, die ihn und uns als Leser seit nunmehr fünf Jahrzehnten begleiten. Der Lobpreis des „poetischen Wissens“, das sich eher in der Literatur als in den Wissenschaften findet, steht ganz obenan. Dicht gefolgt von der Selbstbeschreibung als Leser, als Fortführer, als Vermittler von Schrifttum von dessen Anbeginn bis in die Jetztzeit hinein. Nicht zu vergessen die Sorge um die „Unbeholfenen“, wie eines der Bücher von Botho Strauß überschrieben war. Hier treten sie noch einmal auf, Zauderer, Zagende, die für den permanenten Wettbewerb der Gegenwart nicht recht taugen. Friede sei mit ihnen.

Die Verbeugung vor den Ahnen

Und auch die Verbeugung vor den Ahnen ist wieder da, die Botho Strauß’ Memoir „Herkunft“ vor zwölf Jahren so wunderbar unzeitgemäß geformt hatte. Verbeugung nicht nur in einem geistigen, sondern auch in einem biologischen Sinne, wenn es da in einer physiognomischen Selbstbeobachtung heißt: „Die lange Melodie eines Gesichts in einer Familie, über Generationen setzt sie sich fort mit etlichen Variationen. Zug um Zug rücken Mutter und Großmutter vor in seinem Gesicht. Was er selbst zu sein einmal versprach, wird von den Ahnen überwunden.“ Wohl dem, der seiner Väter (und Mütter!) gern gedenkt, kann man das nur mit Goethe kommentieren.

Noch inniger wird allerdings des Sohnes gedacht. Er, der so frisch und frohgemut vor 30 Jahren in dem Buch „Die Fehler des Kopisten“ erstmals vor das geistige Auge der Leser trat (und nun selbst eine bekannte Figur im deutschen Journalismus geworden ist): Er wird hier immer wieder herbeizitiert als „der Junge“, „der liebe Gefährte“, der auf langen Spaziergängen die Wunder der uckermärkischen Landschaft genauso begeistert bestaunte wie der Herr Papa, als der ihn noch an die Hand nahm. Selten begegnet man in der Literatur einem so liebevollen Vater, der sich hier ein tränenseliges „Weißt du noch?“ gestattet, wie man es eher von Müttern kennt.

Aber Doppelgeschlechtlichkeit hat schon immer zu den Kennzeichen des Dichters gehört. Jedoch, wie Botho Strauß an einer Stelle anmerkt, ist die Sentimentalität ein Mischding aus Gefühl und Geist (mens), und so kommen auch in diesem Werk die geistreichen Sottisen, spitzen Bemerkungen und Spotteinlagen nicht zu kurz. Der Optimierungswahn ist es dieses Mal, der aufs Korn genommen wird, auch das „Rund-um-die-Uhr-Geleit für die Verunsicherten“ mit ihren „neuartigen Schwächen und Einbußen“, die umso bedrohlicher werden, je mehr sie in vorbeugenden Maßnahmen für behandlungsbedürftig gehalten werden.

Verschwiegen sei nicht, dass auch diese Sammlung von Miniaturen, Denkbildern, Erzählfragmenten wieder viel Bildungsflitter enthält. Auch rhetorisch aufgerüstete Banalitäten. Doch man liest den schmalen Band um der „Perlen im Sande“ willen, wie die einst populäre Ottilie Wildermuth das nannte. Solche Perlen findet man da, wo es um die ewigen Gefühle geht. Um das Unglücklichsein beispielsweise – „eines der letzten Tabus, denn es entzieht sich den Kuren sowohl der dünnbrettbohrenden Katheder-Psychologin wie der staatlichen Fürsorge. Außer der jüdisch-christlichen gibt es bis jetzt keine Schule, die es zu ertragen lehrte.“

So ist es. Es ist ja alles noch da! Es wurde alles schon immer gewusst im Abendland. Dessen guter Geist wird hier geatmet, von der ersten bis zur letzten Seite. Dies ist ein Buch, das, anders als der kümmerliche Rationalismus anderer Achtzigjähriger, Lust aufs Altern macht. Weil es selbst aus Lust gemacht ist. Der Lust, „nachträumend“, wie es im letzten der Straussischen vier letzten Lieder heißt, aufzusteigen in jene Sphären, die wir alle noch nicht kennen. Und die wir alle eines Tages kennenlernen werden.

Botho Strauß: Bleiben und Blicken. Hanser, 196 Seiten. 19,99 Euro

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