Solche Aussagen des ARD-Chefs über Migration und die AfD hört man selten: Florian Hager, Intendant des Hessischen Rundfunks und Vorsitzender der ARD, hat im Podcast „Ronzheimer“ Verständnis für die Sorgen von AfD-Wählern gezeigt und Selbstkritik geübt. Bei der Migration sei man in der Vergangenheit nicht immer kritisch genug gewesen. Auch den Vorwurf, Journalisten wirkten auf normale Menschen oft belehrend, weist er nicht zurück.

Im Podcast von Axel Springer Global Reporter Paul Ronzheimer erklärte Hager, er wolle zwischen AfD-Politikern und ihren Wählern unterscheiden. „Ich versuche, eine Trennung zu machen zwischen den AfD-Politikern und den Menschen, die die AfD wählen.“ Die Sorgen der Wähler dürften nicht ignoriert werden. „Und wenn da das Gefühl herrscht, dass wir sie nicht vertreten, dass sie nicht gesehen werden oder dass sie uns nicht mehr vertrauen können, dann ist es ein Riesenthema für uns. Und dann kann man nicht sagen: ‚Ist deren Problem …‘ – sondern es ist unser Problem.“

Hager verweist auf Gespräche mit Polizeivertretern, die ihn in Bezug auf AfD-Wähler nachdenklich gemacht hätten. Wer seit Jahren in dasselbe schwierige Wohngebiet fahre, ohne Veränderungen zu erleben, „egal, wer regiert hat“, der fühle sich von der Politik nicht gehört. Fehlten politische Lösungen, entstehe der Wunsch nach einem Wechsel in der Regierung: „Dann kann ich mir schon vorstellen, dass du an einem gewissen Punkt dann auch sagst: ‚Okay, also jetzt muss mal jemand anderes ran.‘ Das ist natürlich inhaltlich schwierig, aber nachvollziehbar.“

Zugleich kritisiert Hager Ankündigungen von AfD-Politikern, etwa in Sachsen-Anhalt, Rundfunkstaatsverträge zu kündigen. Darin sieht er eine Bedrohung der Existenz der ARD.

ARD-Vorsitzender über Migration: „An manchen Stellen wahrscheinlich nicht kritisch genug“

Auf die Berichterstattung über Einwanderung angesprochen, wurde der ARD-Chef ungewohnt deutlich. „Beim Thema Migration muss man wahrscheinlich auch selbstkritisch sagen: Wir haben in der Vergangenheit auch nicht alles richtig gemacht und waren an manchen Stellen wahrscheinlich nicht kritisch genug, haben Dinge nicht hinterfragt.“

Er berichtet von seinem Austausch mit Kommunen und Bürgermeistern – und Problemen, die vor Ort nicht gelöst werden. Vieles habe in der Berichterstattung zu wenig Raum bekommen: „Wenn ich höre, wie auch Dinge vor Ort einfach nicht funktionieren, dann haben die vielleicht einfach auch in unserer Berichterstattung zu wenig stattgefunden.“

Auch die Ausbildung von Journalisten sieht Hager kritisch. Häufig seien besonders gute Bewerber aus Akademikerfamilien in die Volontariate gekommen. Dadurch könnten Redaktionen den Kontakt zu anderen Lebensrealitäten verlieren. Er verstehe den Eindruck, den die ARD auf einige Zuschauer mache: „Ich kann schon verstehen, dass manche Menschen den Eindruck haben, dass wir an der einen oder anderen Stelle belehrend rüberkommen.“ Die ARD versuche deshalb, Gegenmeinungen stärker mitzudenken.

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