Wer schon immer einmal im Rampenlicht auf der Bühne des berühmten Burgtheaters stehen wollte, hat dieser Tage hervorragende Chancen. In Wien entdeckt man nämlich gerade den diskreten Charme des Mitmachtheaters. Statt die Zuschauer zum Mitdenken oder Mitfühlen zu verführen, wird das Publikum zum Mitmachen animiert. So zum Beispiel in „König Ubu“. Oder besser: „König Muh“? Zu Beginn drängt sich eine Stoffkuh durch die Reihen im Parkett und reibt sich an den Zuschauern. Darunter verbergen sich Vater und Mutter Ubu, gespielt von Stefanie Reinsperger und Sebastian Wendelin. Kaum aus dem Kuhkostüm geschlüpft, zeigen die schrulligen Ubus ihr wahres Gesicht und verschleppen einzelne Zuschauer auf die Bühne – unter dem Gejohle der Verschonten.
Wie schlimm es ist? Immerhin soll man schwören, den polnischen König zu ermorden. Bevor man sich versieht, bekommt man hinter dem Vorhang ein blutiges Messer in die Hand gedrückt und wird zurück ins Rampenlicht befördert. Gerade war man noch ein unschuldiger Zuschauer, jetzt ist man ein schuldiger Mitspieler! Unter „Mörder!“-Rufen wird man von den Ubus zurück auf den Platz im Parkett gejagt. Anderen Zuschauern ergeht es nicht besser. Mit „Schleich dich!“ werden sie über die Bühne getrieben oder – natürlich alles nur gespielt – als Adelige ins Loch gestoßen und zerstückelt. Denn die Ubus sind grausam und gemein. Nur warum, das weiß eigentlich niemand so genau.
„König Ubu“ ist der Fantasie von französischen Schülern entsprungen. Die gingen damals, Ende des 19. Jahrhunderts, nicht auf die Barrikaden, sondern veralberten ihren Physiklehrer in einem Puppenspiel. Daraus machte einer von ihnen, der Schriftsteller Alfred Jarry, später „König Ubu“. Die vulgären Ausfälle des Titelhelden sorgten im Paris kurz vor der Jahrhundertwende für einen hübschen Skandal. Jarry wollte, dass sein Stück marionettenhaft und mechanisch gespielt wird – bis heute gehören zu den besten Inszenierungen solche mit Puppen. „König Ubu“ war die Erfindung des Splatter-Cartoons aus dem Geist einer „Macbeth“-Parodie, noch vor dem Siegeszug des Trickfilms.
Regisseur und Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann hat nicht nur „König Ubu“ auf die Bühne gebracht, sondern auch die beiden Nachfolgestücke „Ubu Hahnrei“ und „Ubu in Ketten“. Die werden seltener gespielt und nun weiß man immerhin auch, warum. Es mischen sich Grand Guignol und Musical, opulente Kostüme von Adriana Braga Peretzki und eine karge Bühne von Olaf Altmann. Die Hälfte des Abends spielt sowieso vor dem Vorhang, als furiose Soloshow der Ubus in Tuchfühlung mit dem Publikum. „Wer war hier scheißen?“, brüllt Reinsperger und nähert sich mit einer bräunlich verschmierten Klobürste wedelnd gefährlich nah dem Gesichtsbereich einiger Zuschauer. Die Reaktionen reichen von stoischer Regungslosigkeit bis zu hysterischem Lachkrampf.
Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann setzt neuerdings auf Mitmach-TheaterReinsperger und Wendelin spielen den fiesen Klamauk so begeisternd, dass man sie allzu gerne in einer Inszenierung gesehen hätte, die einlöst, was sie an Klugheit und Witz verspricht. Tatsächlich ist der Teil mit dem grenzüberschreitenden Mitmachzwang, der einen grübeln lässt, warum das willkürliche Bloßstellen von Einzelnen meistens ein euphorisches Gruppengefühl auslöst, noch der lebendigste des über zweistündigen Abends. Wer im nächsten Moment einen Spot auf sich und dazu noch eine Klobürste vor dem Gesicht haben kann, kann sich auch keinen Theaterschlaf erlauben. Den kann man allerdings in der gähnend langweiligen zweiten Hälfte ungestört nachholen. Es ist aber auch nicht alles schlecht: Immerhin kommt keine Trump-Perücke zum Einsatz.
Bei dem großen Auftritt der Hauptdarsteller ist noch zu erwähnen, dass Wendelin erst kurzfristig als Mutter Ubu eingesprungen ist, während Reinsperger zum Vater Ubu „befördert“ wurde. Warum nicht gleich so? Eigentlich sollte Joachim Meyerhoff den Vater Ubu spielen, der jedoch aus gesundheitlichen Gründen die Proben abbrechen musste, wie das Theater mitteilte. Das Burgtheater scheint wenig Glück mit seinen Gaststars zu haben. So war auch Jens Harzer vor zwei Jahren für „Hamlet“ angekündigt und zog sich dann zurück. Aber warum werden überhaupt so viele Gäste „eingekauft“? Das Ensemble des Burgtheaters ist das größte im deutschsprachigen Raum und eines der besten noch dazu. Was sendet es für eine Botschaft, dass man trotzdem immer wieder auf Gäste setzt? So stand allein die Frau des Direktors, die Schauspielerin Melanie Kretschmann, vergangene Spielzeit in fünf Inszenierungen auf der Bühne.
Wendelin, der mit dieser Spielzeit in das Ensemble des Burgtheaters zurückgekehrt ist, hat mit „König Ubu“ einen bemerkenswerten Einstand hingelegt und sich für Größeres empfohlen. Reinsperger kratzt in Wien inzwischen ohnehin am Kultstatus. Und das Mitmach-Theater? Das liegt am Burgtheater in dieser Spielzeit im Trend. Schon bei der Eröffnung, der Elfriede-Jelinek-Uraufführung „Unter Tieren“, wird das Publikum von Regisseur Nicolas Stemann zum gemeinsamen Singen eingeladen. Und bei „Merlin oder das wüste Land“ werden eigens Steinchen ausgegeben, damit die Zuschauer eifrig zur Klangkulisse beitragen. Willkommen in der Infantilgesellschaft? Bei dem starken „Unter Tieren“ kann man darüber hinwegsehen, bei „Merlin“ fügt es sich hingegen leider in einen völlig verblödelten Abend. „König Ubu“ reiht sich da passend ein.
„König Ubu“ läuft am Wiener Burgtheater.
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