Sich zu duzen war einmal exklusiver Ausdruck von Nähe – von tatsächlicher oder gewünschter. Während sich in den Oberschichtenfamilien des 19. Jahrhunderts Ehepartner noch siezten und auch Kinder ihre Eltern mit „Sie“ anredeten, duzten sich die Genossen in der Arbeiterbewegung gegenseitig, und auch die Studenten pflegten ihren Duz-Comment als Ausdruck der Verbundenheit. Das „Du“ war auch bei den Lebensreformern, Wandervögeln und später bei den Hippies immer Ausdruck einer Distanz zu der als geheuchelt empfundenen formalen Höflichkeit der Gesellschaft.

Bei manchen Duzern spielten nationale Vorurteile eine Rolle: Das Siezen, das seit dem späten 18. Jahrhundert die älteren Höflichkeitsanreden „Ihr“ und „Er“ verdrängte, galt irgendwie als französisch, während patriotische Romantiker das vom einfachen Volk lange ausschließlich beibehaltene Duzen als kerndeutsch ansahen.

Doch jede alternative Kultur wird früher oder später vom Kapitalismus aufgesogen und in eine Ware oder eine Pose verwandelt. Der Zweck ist entweder die Verschleierung der Machtverhältnisse oder Verkaufsförderung – oft beides zugleich. In vielen Unternehmen ist es mittlerweile Standard, sich über die Hierarchien hinweg untereinander zu duzen. Und Firmen oder Behörden duzen ihre Kunden, als wären diese ihre Freunde oder Kinder. Die Wahrscheinlichkeit, von der Bank einen Kredit oder vom Wohnungsunternehmen eine korrekte Nebenkostenabrechnung zu bekommen, erhöht sich natürlich nicht durch diese gespielte Nähe. Und der duzende Chef wird Mitarbeiter genauso schnell entlassen wie der siezende.

Die neue Duzkultur erscheint manchmal allgegenwärtig und wird von vielen als Belästigung empfunden. Doch wie verbreitet ist das Duzen wirklich?

Aufschluss gibt eine große Datenanalyse von Listflix, einem Angebot des Nürnberger Softwareunternehmens Datamego. Dafür wurden insgesamt 1.656.975 Millionen Unternehmenswebseiten danach untersucht, ob die Besucher geduzt oder gesiezt oder ob beide Formen verwendet werden. Auf dieser Basis wurde festgestellt, in welchen Bundesländern, Städten und Kreisen der prozentuale Anteil von Unternehmen und Institutionen, die duzen, besonders hoch ist und wo eher niedrig.

Listflix hatte eine ähnliche vergleichende Analyse kürzlich für das Gendern durchgeführt und unter anderem festgestellt, dass Freiburg die Gender-Hauptstadt Deutschlands ist mit der höchsten Quote von Seiten, die „geschlechtergerechte“ Sprache nutzen.

Die Stadt mit der höchsten Duz-Quote liegt am anderen Ende Deutschlands, im hohen Norden Schleswig-Holsteins: In Flensburg duzen 28,2 Prozent aller Webseiten. Freiburg gehört allerdings, genau wie Köln und Berlin, zu den Orten, die sowohl beim Gendern als auch beim Duzen unter den Top 15 mit dem höchsten Prozentsatz sprachmodisch angepasster Webseiten gelistet sind. Diese Plätze werden sowohl beim Duzen als auch beim Gendern fast ausschließlich von Großstädten belegt. Dort sind die Milieus und Altersgruppen stärker vertreten, die duzen unverkrampfter finden – und die Schnittmenge mit Menschen, die Gendersprache für ein geeignetes Mittel zur Weltverbesserung halten, dürfte groß sein.

Dafür spricht auch, dass Lüchow-Dannenberg als einziger ländlich-kleinstädtisch geprägter Landkreis beim Duzen unter den ersten 15 ist – sogar an zweiter Stelle nach Flensburg (beim Gendern blieb nur Platz 6). Die hohe Duz- und Genderbereitschaft dort lässt sich wohl mit den gleichen historischen Faktoren erklären: Seitdem in den 70er-Jahren ein Atommülllager in Gorleben geplant wurde, war die Gegend jahrzehntelang ein Zentrum der Anti-Atombewegung. Der dünn besiedelte Winkel zog auch viele Alternative an, die hier einfach „anders leben“ wollten.

Die Theorie liegt nahe, dass diesen links-grünlichen Milieus zugehörige Menschen bei einer ohnehin kleinen Zahl von Einwohnern (46.000) Lüchow-Dannenberg sprachlich besonders prägen. Wie beim Gendern gibt es auch beim Duzen an der Ostgrenze Lüchow-Dannenbergs das krasseste Gefälle zwischen benachbarten Kreisen: In Ludwigslust-Parchim und der Prignitz duzen nur jeweils etwas über 15 Prozent aller Webseiten, während es in Lüchow-Dannenberg 27,8 Prozent tun.

Generell gibt es auch hier – wie beim Gendern – große Ost-West-Unterschiede: In den östlichen Bundesländern wird auffällig weniger geduzt als im Westen. Thüringen hat mit 17,8 Prozent die drittniedrigste Duz-Quote – gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (17,5) und Sachsen-Anhalt (17,2). Die Landkreise Saalekreis (13,9), Kyffhäuserkreis (13,3) und Unstrut-Hainich-Kreis (12,8) haben die geringste Duz-Quote. Auffällige Duz-Inseln im Ostmeer des Siezens sind Großstädte, die oft stark von Universitäten geprägt werden. Frappant sind die vergleichsweise hohen Duz-Quoten in Brandenburg: Je näher man an Berlin (24,7 Prozent duzende Webseiten) liegt, desto weniger wird gesiezt.

Ein gewisses Nord-Süd-Gefälle springt auch ins Auge: Im Norden des Westens gibt es besonders viele Kreise und Städte mit hoher Duz-Quote. Beim Bundesländervergleich belegen Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen die Plätze eins, drei, vier und fünf. Einziger Ausreißer ist Berlin auf Platz zwei. Vielleicht ist diese Nord-Dominanz eine Nachwirkung alter niederdeutscher Sprachprägung. Im Niederdeutschen wird grundsätzlich geduzt. Um eine Höflichkeitsform zu wahren, hielt man in diesem Sprachraum lange an der Höflichkeitsform fest, die dem traditionellen hochdeutschen Ihrzen entspricht, und redete Gesprächspartner mit „Ji“, „Jie“ oder „Jü“ an.

Unterschiede zwischen Branchen beim Duzen und Siezen

Grundsätzlich ergibt die Webseitenanalyse, dass der Eindruck täuscht, man würde mittlerweile überall ungefragt geduzt: 70,1 Prozent aller Webseiten reden Besucher noch immer mit „Sie“ an, 20,5 Prozent duzen, 9,4 gebrauchen das „Du“ und „Sie“ gemischt.

Große Unterschiede gibt es zwischen den Branchen. Bildungsunternehmen haben mit 42 Prozent den höchsten Duz-Anteil. Dahinter folgen Gastronomiebetriebe (24,4) und Einzelhändler (22,7). In der Baubranche duzen die wenigsten Firmen – 4,2 Prozent – ihre Kunden: 87,7 Prozent bevorzugen das „Sie“. Auch die Unternehmensgröße spielt eine Rolle: Kleingewerbetreibende und Freiberufler haben mit 22,8 Prozent die höchste Duz-Quote. Unter den Großunternehmen duzen 13 Prozent.

Es gibt jedoch keinen so einfachen Zusammenhang nach der Formel „Je kleiner, desto mehr du“: Listix schreibt: „Der Duz-Anteil sinkt nicht linear mit zunehmender Unternehmensgröße. Andere Faktoren scheinen einen Einfluss auf das Kommunikationsverhalten eines Unternehmens zu haben.“ Im Mittelstand duzen nur 12,5 Prozent, bei den Kleinunternehmen tun es 12,2 Prozent.

Der Grund für die außergewöhnlich hohe Duz-Quote bei Freiberuflern und Kleingewerbetreibenden ist vielleicht, dass es sich dort überdurchschnittlich häufig um Einzelunternehmen handelt, die ein ganz persönliches Verhältnis zu ihren Kunden suggerieren wollen. Für solche Kommunikationsstrategien spricht auch die Auswertung der Teilbranchen: Tattoostudios haben insgesamt mit 85,6 Prozent den höchsten Duz-Anteil. Dahinter folgen Yogastudios (80,8) und Hochzeitsfotografen (76,8). Auch bei Fahrschulen, Fitnessstudios und Gewerkschaften wird besonders viel geduzt.

Am wenigsten wird in den Teilbranchen geduzt, in denen es besonders auf Seriosität und professionelle Distanz ankommt: Apotheken duzen mit 1,2 Prozent am wenigsten, Immobilienmakler (1,4), Versicherungsvertreter (1,4), Notare (1,9) und Ärzte (3,8) haben ebenfalls niedrige Quoten.

Was lernt man als Kunde aus diesen Zahlen? Wenn Sie in einem Tattoostudio in Flensburg gesiezt werden, haben Sie die Aura eines 60 Jahre alten Zivilpolizisten, CDU-Politikers oder Steuerprüfers. Wenn Sie einen Apotheker im Unstrut-Hainich-Kreis mit „Du“ ansprechen, wird der Sie für einen linksgrünen berufsjugendlichen Wessi halten.

Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen .

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