Sie heißen Pawlowitsch (in Doris Dörries „Frau Winkler verlässt das Haus“) und Tom (in Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“) und Yang (in Kogonadas „After Yang“) und Kakeru (in Hirokazu Kore-edas „Sheep in the Box“). Im Kino wimmelt es gerade vor KI-Figuren, und es sind keine Maschinen, die in der Fabrik am Fließband roboten oder dreckige Kriegs-Jobs ohne Gewissensbisse erledigen. Vielmehr sollen sie ein Ersatz sein für den menschlichen Kontakt, der in unserer Gesellschaft so unbezahlbar geworden sei, wie man es uns einredet.
Die neueste Androide heißt Klara und steht im Schaufenster eines Ladens, der KFs verkauft, Künstliche Freunde für Kinder. Sie ist solarbetrieben und vergöttert deshalb die Sonne, die jeden Morgen aufgeht. Klara (Jenna Ortega) ist niedlich und unschuldig und liebenswert wie ein Elfchen, aber auch etwas zurückgeblieben, weil sie ein älteres Modell ist; sie fürchtet, in die Fabrik zurückgerufen und eingeschmolzen zu werden, wenn kein Kind sie kauft. Zum Glück kommt Josie.
Josie ist 14, und ihre Mutter sucht eine Spielgefährtin für ihre Tochter, deren kleine Schwester gestorben ist. Josie ist eine „Gehobene“, also ein Wunderkind, dessen Gene nachträglich verändert worden sind, um es fit für die Weltregierungs-Elite zu machen; leider scheint bei dem Eingriff etwas schiefgegangen zu sein, und Josie ist schwer erkrankt.
Klara, ihr ehrlich zugetan, ist sich sicher, sie mithilfe der Sonnengöttin heilen zu können – jener Sonne, die abends hinter einer Scheune am Horizont untergeht. Leider, stellt sich heraus, wohnt dort ein düsteres Monster, ein Mähdrescher, der tagsüber die riesigen Weizenfelder selbstfahrend aberntet und mit seinem Dieselqualm die Sonne verdunkelt.
Außerdem gibt es einen Dr.-Frankenstein-Typen, der Josie zu kurieren vorgibt (ein ungewohnt zurückhaltender Steve Buscemi), einen „ungehobenen“ Jungen, den Josie trotzdem liebt, und jede Menge „gehobene“ Upper-Upper-Class-Schwachköpfe.
„Klara und die Sonne“ klingt wie ein Kinderfilm, und tatsächlich wollte Kazuo Ishiguro – nachdem er 2017 den Literatur-Nobelpreis bekommen hatte – zunächst ein Kinderbuch schreiben. Was blieb, war die Atmosphäre von Kinderbüchern, deren unlogische Logik, die unsichtbaren Dinge, die nur Kinder sehen, sowie die Perspektive des Roboterkindes Klara. Ishiguro wollte auch eine optimistische Version von „Alles, was wir geben mussten“ entwerfen, dem Vorgängerroman, in dem menschliche Klone als Ersatzteillager für Organe gezüchtet werden.
Was blieb, waren die Fragen, die unsere Debatte bestimmen: Haben Androiden ein Recht auf Existenz? Können sie Gefühle entwickeln? Ist etwas im Menschen – nennen wir es Seele –, das sich mit Algorithmen nicht nachbauen lässt? Wird eine Mutter einen Doppelgänger ihres verlorenen Kindes als gleichwertigen Ersatz akzeptieren? Kann es Eifersucht eines realen Menschen auf einen künstlichen geben?
Welch ausgezeichnete Fragen! Welch Elend, dass sich Regisseur Taika Waititi außerstande sieht, auch nur einen ernsthaften Antwortversuch zu unternehmen. „Jojo Rabbit“ war der Film, mit dem er 2020 international bekannt wurde, und darin hatte ein zehnjähriger Junge einen imaginären besten Freund namens Adolf Hitler. Es war ein kühner Balanceakt zwischen Fantasie und Realität mit anarchischem Witz und absurden Karikaturen und einem kontrollierten Übergang des Tonfalls vom Komischen ins Ernste.
Von der Grundkonstruktion her ist auch „Klara und die Sonne“ die Geschichte einer imaginären besten Freundin, mit dem Unterschied, dass aus ihrer Perspektive erzählt wird und sie ein KI-Konstrukt ist. Doch Waititi bekommt sie überhaupt nicht in den Griff.
Wo Ishiguro in seiner präzisen, nüchternen Prosa von existenziellen Fragen erzählt, flüchtet Waititi jedes Mal, wenn solch eine Frage aufzutauchen wagt, in einen Gag – von denen sich ein nicht besonders witziger (Klara steht aufgrund eines Konstruktionsfehlers öfter auf einem Bein) mehrfach wiederholt.
Im Einklang mit dem sacharinsüßen Konzept hat Taika Waititi auch Kazuo Ishiguros Ende verändert. In dem Buch fristet Klara, je mehr sich Josie erholt, ihre Tage zunehmend in einem Abstellraum. Als Josie aufs College verschwindet, wird ihre künstliche Freundin auf einem Schrottplatz entsorgt. Waititi geht zwar nicht so weit, die beiden als beste Freundinnen durchs Leben wandeln zu lassen, doch konstruiert er eine Art Altersheim für ausgediente Androiden an einem Strand, wo diese sich gegenseitig Anekdoten aus ihrer früheren Existenz erzählen. Was für ein Kitsch!
Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen.
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