Es ist Mitte Mai 2026. Auf den Stufen der Michael-Erzengel-Kathedrale in Ischewsk stehen zweihundert Mädchen. Alle tragen dasselbe dunkelblaue Kleid aus schwerem, steifem Stoff, mit Puffärmeln und Glockenrock. Darüber liegt ein weißer Kragen, der Schultern und Brust bedeckt. Weiße Strumpfhosen, schwarze flache Schuhe. Die Zöpfe fallen auf den Kragen, an der Krawatte steckt eine goldfarbene Brosche: ein verschnörkeltes „D“. „Dewuschka“ heißt Mädchen, junge Frau.
Die Mädchen, elf und zwölf Jahre alt, sollen für ein Video eine Hymne auf die orthodoxe Frau singen, geschrieben von einem Moderator des Kirchensenders Spas. Eine Schülerin bricht zusammen, bevor die Kamera läuft. Andere halten sich kaum auf den Beinen. Gedreht wird trotzdem, zwei Stunden lang. Als das Video im Kasten ist, wird ein weiteres Mädchen ohnmächtig. Veröffentlicht wurde der Clip nie. Die Schulen zeigten nur Fotos und sprachen von einer „schöpferischen Prüfung“. Rekonstruiert hat die Szene das russische Exilmedium „Werstka“, das mit Eltern der Schülerinnen sprach.
Die Mädchen gehören zu einem Programm namens „Traditionelle Erziehung von Mädchen der Klassen 5 bis 9“. Es läuft an gewöhnlichen staatlichen Schulen, aber in eigenen, reinen Mädchenklassen. Lehrer und Organisatoren nennen die Schülerinnen „blagorodnyje dewizy“, edle Fräulein. Das ist ein bewusster Rückgriff auf die Institute für adlige Töchter im Zarenreich, deren berühmtestes das Smolny-Institut in Sankt Petersburg war. Erklärtes Ziel ist es, aus den Mädchen fürsorgliche Ehefrauen und Mütter zu machen.
Offene Haare und Hosen sind verboten
Begonnen hat es im September 2024 an vier Schulen in Ischewsk, der Hauptstadt der Teilrepublik Udmurtien: den Schulen Nr. 42, 74, 78 und 91. Aufgenommen wurden 90 Fünftklässlerinnen. Ein Jahr später kamen weitere Schulen in Udmurtien und in der Region Krasnodar hinzu, 2026 auch eine im annektierten Simferopol. Nach Angaben der Organisatoren gibt es inzwischen 22 Klassen an 13 Schulen mit rund 400 Schülerinnen. Das ist wenig in einem Land mit Millionen Schulkindern. Doch das Projekt hat Fürsprecher, die weit über Udmurtien hinausreichen.
Hinter dem Programm steht Olga Nowgorodzewa, 60 Jahre alt, Vorsitzende des „Bundes orthodoxer Frauen“ in Udmurtien. Die Organisation wurde 2023 registriert. Zu ihren Zielen zählt sie die Zusammenarbeit der Kirche mit der Zivilgesellschaft, Respekt vor der traditionellen Rolle der Frau und eine ablehnende Haltung gegenüber Abtreibungen. 2024 und 2025 nahm sie laut „Werstka“ rund 2,5 Millionen Rubel (etwa 28.000 Euro) an Beiträgen ein; ihre Haupttätigkeit scheint dieses Schulprogramm zu sein. Nowgorodzewa selbst führte ein anderes Leben als das, auf das sie die Mädchen vorbereiten will. Sie war jahrelang Mitinhaberin von Baufirmen, 2017 zog sie für die Kremlpartei Einiges Russland in den Staatsrat Udmurtiens ein. Auf Fotos zeigt sie sich mit offenem Haar, in Rot, auf Absätzen.
Ihren Schülerinnen sind offene Haare verboten, Hosen ebenso. Mädchen in Hosen, so ihre Begründung, übernähmen männliches Verhalten. Das Kleid solle sie täglich an ihre Bestimmung erinnern. Auch Nowgorodzewas Enkelin besucht eine der Klassen.
Sittlichkeit als Schulfach
Vormittags lernen die Mädchen nach dem regulären Lehrplan, einschließlich der „Gespräche über Wichtiges“, des patriotischen Pflichtformats an russischen Schulen. Nachmittags folgen neun Zusatzfächer: Grundlagen der Sittlichkeit, Herausragende Frauen in Geschichte und Kultur, ein Fach namens „Für das Leben“, dazu Kochkunst, Modegeschichte, Floristik, Mosaik, Kunstverständnis sowie Hochzeitstraditionen und Tänze der Völker Russlands. Die Sittlichkeit unterrichten Priester. Sie nehmen die Klassen mit in die Kirche, ein Jahrgang ging gemeinsam zur Kommunion.
Ausflug in eine heroische Geschichte: Schülerinnen beim Museumsbesuch in MoskauAuf dem Lehrplan steht auch, wie man mit Jungen umgeht und welche Sprache Männer sprechen. Vorbilder sind die Fürstin Olga, die Äbtissin Margarita Naryschkina, die Heilige Matrona. In der Modegeschichte gehe es nicht um Trends, sagte Nowgorodzewa schon 2024 dem Portal „Podjom“, sondern darum, wie man sich für die Arbeit, den Gottesdienst, den Park oder das Kino kleide. Es gebe auch eine Mode, die schade.
Der Krieg ist Teil des Unterrichts. Laut einer Programmpräsentation, über die „Kommersant-Udmurtija“ berichtete, sollen Begegnungen mit Frauen, die an Kampfhandlungen teilgenommen haben, den Mädchen Patriotismus vermitteln. Unter den Referenten sind Teilnehmer des Angriffskriegs gegen die Ukraine, Priester und der Ischewsker Metropolit Viktorin. In der Schule Nr. 91 schreiben die Schülerinnen im Fach „Für das Leben“ Briefe an Soldaten, Krankenschwestern erzählen von Lazaretten und der Front. Absolventinnen, so das Programm, sollen den Wunsch entwickeln, Pädagogik oder Medizin zu studieren.
Das D steht für „Mädchentum“
Im Oktober nach dem Eintritt in die fünfte Klasse folgt die Weihe. In Udmurtien werden alle neuen Schülerinnen an einem Tag im Haus der Völkerfreundschaft in Ischewsk versammelt, die Haare gebunden, die Strumpfhosen weiß, das Kleid gebügelt. Auf der Bühne erhalten sie die Brosche. Das D steht für „Mädchentum“, Tugend, Seele, Vertrauen und Würde. In diesem Jahr steckten Duma-Abgeordnete und Regionalminister die Broschen an. Der amtierende Minister für Nationalitätenpolitik, Eduard Petrow, sagte, man müsse künftige Mütter und Ehefrauen als Hüterinnen von Herd und Tradition vorbereiten. Am Ende des Schuljahres steht ein „Fest der Ehre“; die Besten bekommen eine Perlenbrosche für den Kragen.
Das Kleid wurde zum Streitpunkt. Es wird an einem einzigen Ort nach Maß genäht, die Eltern zahlen 7500 bis 8000 Rubel (84 bis 89 Euro), dazu Kragen, Krawatte und Brosche. Getragen werden musste es das ganze Jahr, bei jeder Temperatur. Eine Mutter erzählte Werstka, ihre Tochter sei rot wie eine Tomate nach Hause gekommen. Bitten um Hosen oder wenigstens Taschen wies Nowgorodzewa zurück: Das Kleid sei Pflicht, es diszipliniere. Erst nach dem Dreh vor der Kathedrale gab es Zugeständnisse, Rock und Bluse an heißen Tagen und ein leichteres Sommerkleid, für weitere Tausende Rubel.
Begeistert sind längst nicht alle. Manche Schulen bekamen ihre Klassen nur mit Mühe voll, aufgenommen wurde jedes Mädchen, das wollte. In einem Fall legte man die Mädchen mit einer Klasse der Junarmija zusammen, der militärpatriotischen Jugendorganisation. Eine Schülerin, die das Programm nach einem Jahr verließ, warf ihr Kleid zu Hause hin: Jetzt habe sie einen Lappen zum Bodenwischen.
Für mehr fehlt einstweilen das Geld
Was in Udmurtien als Initiative einer Aktivistin begann, wird nun institutionell aufgewertet. Im Frühjahr 2026 übernahm das Gymnasium des Heiligen Basilius des Großen bei Odinzowo die Betreuung. Die Privatschule wurde vom Konzern „Zargrad“ des orthodoxen Oligarchen Konstantin Malofejew gegründet; das Bildungsministerium hatte ihr kurz zuvor den Status einer Innovationsplattform für patriotische Erziehung verliehen. Anfang Oktober meldete Nowgorodzewa, das Programm habe die Prüfung des föderalen Lednew-Instituts bestanden, das Lehrpläne auf Konformität mit den staatlichen Standards prüft. Unabhängig bestätigt ist das bisher nicht. Der Schulbuchverlag Prosweschtschenije soll das Arbeitsprogramm drucken, an einer Variante für Jungen wird bereits gearbeitet.
Zur bundesweiten Pflicht wird das Programm vorerst nicht. Eine Quelle aus dem Umfeld des Bildungsministeriums sagte „Werstka“, Regionen könnten es übernehmen, müssten es aber selbst bezahlen; für mehr fehle dem Staat das Geld. Gleichwohl fügt es sich in eine Politik, die Familie und Geburtenrate zur Staatsaufgabe erklärt hat: mit dem Schulfach „Familienkunde“, mit dem Verbot der „Propaganda“ von Kinderlosigkeit, mit regionalen Strafen für das Werben für Abtreibungen. Auf Fragen von „Werstka“ antwortete Nowgorodzewa nicht.
Am 6. Oktober führten die Organisatoren in Ischewsk Beamten und Duma-Abgeordneten vor, was sie erreicht hatten. Es gab eine offene Stunde über die Heilige Matrona, Schulen aus Krasnodar und Simferopol waren per Video zugeschaltet. Zum Schluss sangen die Mädchen in dunkelblauen Kleidern mit weißen Kragen wieder die Hymne, die sie im Mai vor der Kathedrale gesungen hatten. Danach schrieb Nowgorodzewa, die Familie wachse.
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