Früher, als es in Bayern nur die CSU neben ein paar irrelevanten Fußabstreiferparteien gab, war der bayerische Defiliermarsch des Armeekomponisten Adolf Scherzer quasi Privateigentum der Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten. Ursprünglich war der Marsch dem 7. Infanterie-Regiment gewidmet, das in seiner langen, blutrünstigen Geschichte gegen Preußen, Türken, Österreicher, Franzosen, Sachsen, Briten, Hessen, Chinesen und Russen gekämpft hat, und entsprechend wuchtig und breitschultrig kommt die Musik daher. Schaut uns an, sagt der Marsch, wir fürchten uns auf dieser Welt vor keinem, und lange war es auch in der Bundesrepublik so, dass große Teile des Landes zitterten, wenn Franz Josef Strauß zu diesen Klängen ans Rednerpult stolzierte.

Der Marsch war die Themenmusik der CSU allein. Da Ober sticht an Unter, sagen wir in Bayern beim Schafkopfen, man wage es also nicht, nach den Insignien der Macht über das Volk zu greifen – außer man spielt einen Wenz. Wenz ist, wenn ein Spieler gegen drei andere allein antritt und der Unter der einzige Trumpf ist. So einen Wenz hat Hubert Aiwanger politisch tatsächlich gespielt, und wenn er ins Bierzelt einzog, erklang für ihn, bestenfalls Chef der zweitgrößten Partei in Bayern, auch der herrschaftliche, hoch ambitionierte Defiliermarsch. Ein Sakrileg natürlich, aber eines, das von seinen Freunden bejubelt wurde.

Ja, also der Hubsi. Im durchnivellierten deutschen Einheitsgrau der bundesweit langweilenden Akademikerklasse, die wir als Politiker bezeichnen, war der Hubsi mitsamt seinen Erfolgen eine Erscheinung, die man jenseits von Bayern, mitunter sogar jenseits von Niederbayern, den Menschen erklären musste. Allein schon wie er sprach – wie kann man so jemanden wählen? Wenn man wie ich die Söhne von Hopfen- und Spargelbauern in der Klasse hatte, war der ganze Aiwanger dagegen leicht verständlich: Da wurde einer in den niederbayerischen Bauernadel hineingeboren und mit dem Selbstbewusstsein ausgestattet, das in der Schule heute vermutlich den Ruf nach einer psychologischen Begutachtung laut werden ließe. Dass der Hubsi eine Qual für seine Lehrer war, zumal für jene, die spät aufs Dorf kamen und dachten, sie müssten sich hier profilieren: geschenkt.

Wer als SPDler in den 80er-Jahren nach Mallersdorf-Pfaffenberg zog, musste damit leben, von den Schülern nicht für voll genommen zu werden. Wir wissen alle, wie die langjährige Feindschaft eines Lehrers gegen Aiwanger in einen politischen Mordversuch jener Zeitung mündete, die mit Süddeutsch so viel zu tun hat wie Becks mit Bier. Andere hätten aufgegeben. Hubsi hat den feigen Anschlag aus Isarpreußen in einen fulminanten Zuwachs bei der Landtagswahl 2023 verwandelt. Warum? Weil die Milchbauern in Warngau, die Arbeiter in der Zulieferung bei Dingolfing, die Wirte im Altmühltal auch alle mal in der Schule waren und solche Lehrer kannten. Jetzt erst recht, sagte man sich in Bayern. Wir lassen uns nicht unseren Aiwanger kaputtmachen. Das hat – mal abgesehen von der SZ und fast allen anderen Medien, der SPD, den Grünen, den Linken und all den fremden Stämmen, auf die schon das 7. Infanterie-Regiment geschossen hat – bei uns wirklich jeder verstanden.

Dass es so kam, war dem Aiwanger Hubsi nicht in die Wiege gelegt, denn zuerst war er Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung, der Talentschmiede der CSU. Aber Niederbayern ist eben etwas anders als der Rest des Landes, landwirtschaftlich geprägt und seit jeher autonom, und dort gab es seit Langem Freie Wählergemeinschaften, die sich nur um Themen ihres Ortes kümmerten. Die CSU ist zu sehr eingebunden in Landes- und Bundespolitik, die Freien Wähler dagegen hatten den Freiraum, sich allein auf ihre lokalen Interessen zu konzentrieren. Das ist nicht immer konfliktfrei, wenn das Freie-Wähler-Dorf Dürling der Meinung ist, das Freie-Wähler-Dorf Geisbach sollte mehr Asylbewerber aufnehmen, und das Freie-Wähler-Dorf Kirchzell hätte kein Recht auf die Ansiedlung des Schraubenherstellers.

Freie Wähler stehen für gesunden Lokalegoismus, Rivalität gegen die Lumpen aus dem nächsten Dorf und die Verbrecher aus der nächsten Kreisstadt und sind somit seit Langem eine Art Honoratiorenveranstaltung unter denen, die sich eh kennen. Als Landespartei dümpelten die Freien Wähler lange Jahre ambitionslos unter dem Übervater Armin Grein vor sich hin. Aber 2001 trat Aiwanger bei und legte eine Blitzkarriere hin: 2006 war er bereits Parteichef, 2008 traten die Freien Wähler mit ihm als Zugpferd bei der bayerischen Landtagswahl an. Aiwanger positionierte seine Partei geschickt als wertkonservative, skandalfreie, heimatverbundene und flexible Alternative zur CSU. Er holte so 10,2 Prozent Fleisch vom Fleische der CSU und der im Niedergang befindlichen SPD. Seitdem hassten ihn viele, besonders bei der CSU Schwaben, die, weil eben Schwaben, eigentlich keine richtigen Bayern sind.

Da war Aiwanger ganz anders: Franken wie Söder sehen in bayerischer Tracht immer etwas künstlich aus, zumal, wenn sie nicht mal bayerisch sprechen. Beim Hubsi gab es da nie einen Zweifel, der sah jenseits des Ministeriums immer so aus, als käme er gerade von seiner geliebten Jagd, aus dem Apfelgarten oder dem Kuhstall. Seine Spezialität waren kurze Pausen unterwegs bei Metzgereien, Gasthäusern und Vereinen, die er nicht nur öffentlich lobte, sondern auch fragte, wo der Schuh drückt. Bei anderen geht das Bodenverhaftete schnell verloren, wenn sie mit den Wahlerfolgen Minister werden. Als Wirtschaftsminister in den letzten beiden Kabinetten von Markus Söder war der Hubsi immer auch ein wenig Nebenlandwirtschaftsminister mit besten Verbindungen zu einem Land, in das sich andere nur mit Personenschutz trauen.

Der Aiwanger hatte es mit der Volksnähe einfach drauf: Auf den Volksfesten bedankte er sich immer bei den Bedienungen, Reinigungskräften und den Wirtsleuten. Er ehrte die Handwerksmeister, Spargelköniginnen, Mittelständler und Freiberufler, und immer hatte man den Eindruck, dass er selbst rastlos anpackt. Wie das halt bei Bauern in Niederbayern so ist. Und wenn es sein musste, dann auch mit voller Breitseite gegen den in Städten herrschenden Zeitgeist, die Gretaanhänger, die Verbrennerverbieter, die Heizungsabschaffer und was sonst noch etwas offen hat, das Aiwanger einmal sehr offen in Erding gen Berlin sagte. Man muss es nicht mögen. Manche hielten ihn für einen Aufhetzer. Aber so sieht man das eben auf dem Land, und zu wenig andere sagen es so deutlich.

Nicht wenige haben den Hubsi daher für den besseren Ministerpräsidenten gehalten: Volksnah, direkt, bauernschlau und mit dem richtigen Maß politischem Draufgängertum gesegnet. Jeder bei uns weiß, dass sich die CSU nach so einem die Finger abgeschleckt hätte. Tatsächlich ist Aiwanger sogar das bundesweit einmalige Kunststück gelungen, seine Freien Wähler in Bayern als glaubhafte, besonnene Alternative zur zerstrittenen bayerischen AfD aufzubauen. Während man bei den Blauen nie weiß, ob sie nicht die russische Nationalhymne besser als jedes andere Lied beherrschen, schmetterte Aiwanger in den Bierzelten mit tausenden weiteren Kehlen „Einigkeit und Recht und Freiheit“ und „Gott mit dir, du Land der Bayern“. Da kannte er gar nichts.

Einmal, auf einem Milchviehabend in Reutberg im März, kam er offensichtlich erkältet an. Dann ging er auf die Bühne, legte los wie ein Gesunder, und der Saal tobte eine Stunde. A richtigs Mannsbuid, sagen wir in Bayern, das dem Volk aufs Maul schaut und Verständnis für seine Sorgen und Nöte hat. Ein Kümmerer, dem man den Einsatz wirklich abkauft, und der mit dem Wadlbeißen nicht aufhört, wenn er etwas wie die deutsche Klimapolitik grundfalsch hält. Nein, politisch korrekt war er nicht. Aber enorm unprätentiös. Jemand, zu dem man sich buchstäblich an den Biertisch setzen konnte. Ein Politiker, der das noch verkörperte, was in der weichgespülten CSU unter Söder inzwischen weitgehend verloren gegangen ist.

Sein Tod ist ein furchtbarer Verlust für die Freien Wähler. So ein Bierzelttalent, so ein Volkstribun kommt nur alle 10, 20 Jahre, wenn überhaupt, und wie sich seine Partei unter den nicht immer erfolgreichen Epigonen neu sortiert, ist eine andere Frage. Manchen war das Schielen auf bundespolitische Bedeutung auch zu viel: Lieber hätte man den typisch bayerischen Patriarchen gesehen, der sein Amt benutzt, um Wohltaten aus anderer Länder Steuern mit ruhiger Segenshand über den weiten Gauen zu verteilen. Aiwanger hatte strategisch viel mehr vor. Zu gern hätte er die Freien Wähler auch im Bundestag zwischen CDU und AfD als bürgerliche Option eingeführt. Damit ist er gescheitert. Ob ohne ihn jemand die Kraft hat, die anderen Sturschädel dieser Partei zu einigen und dem labilen Konstrukt mit seinen Fliehkräften ein Gesicht zu geben, muss sich erst zeigen. Aiwanger hatte jedenfalls den richtigen Riecher für alle Gruppen, die sonst von Medien und Politik als verzichtbar betrachtet werden: Arbeiter, Nettosteuerzahler, Hausbesitzer, Landwirte, Kleinbetriebe und das ganze Geflecht, aus dem heraus eine Region des Wohlstands entsteht.

Unter ihm ist die Partei sehr weit gekommen: Direktmandate im Bayerischen Landtag und ein enormer Erfolg bei den letzten Kommunalwahlen, bei denen 28 von 71 Landratsposten erobert wurden. Für das alte Bayern der einzigen CSU ist das sensationell, aber weil das Fleisch von ihrem Fleische ist, findet man in der Regel lokal auch wieder zusammen. Trotzdem hat der Aiwanger Hubert die politische Landschaft im Freistaat nachhaltig verändert. Dass sein Werk unvollendet blieb, weil er mit nur 55 Jahren in Berlin starb, ist ein schwerer politischer und kultureller Schlag für das Land, das seine liebenswerten und sperrigen Eigenheiten solchen Charakterschädeln verdankt. So einer wie der Bauernsohn aus Ergoldsbach, der mit dem Defiliermarsch selbstbewusst seinen Weg geht und allein mit dem Wenz auch gegen alle anderen aufspielt, weil manchmal der Unter eben doch den Ober sticht – so einer, muss man befürchten, kommt leider nicht so schnell wieder.

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