Was bleibt, wenn man ganz unten angekommen ist, ohne Geld, Arbeit und Wohnung? Wenn die Gesellschaft einen wie überflüssigen Dreck behandelt und auch die letzten Reserven an Selbstachtung verbraucht sind? Am Ende stehen zwei, die es immer nur besser haben wollten für sich und ihr Kind und trotzdem immer tiefer gesunken sind, einsam und allein im Lichtkegel und singen noch ein allerletztes Lied. Und man weiß in diesem Moment nicht mehr, ob diese zarte Melodie von Hoffnung für diese hoffnungslos Verlorenen kündet oder deren brutales Schicksal geradezu zynisch konterkariert.

Aus Hans Falladas Wirtschaftskrisenroman „Kleiner Mann – was nun?“ hat die Regisseurin Luise Voigt am Schauspiel Frankfurt ein großangelegtes Musical über die Abstiegsgesellschaft vor Plattenbauszenerie gemacht. Die von Björn SC Deigner komponierten Songs bewegen sich zwischen Popschnulze, Partyhit und Schlager, an einer Stelle klingt es sogar verdächtig nach Herbert Grönemeyer. Gekonnt werden alle Register der populären Musik gezogen. Es ist ein Soundtrack der kleinen Leute, zu denen Johannes Pinneberg und seine Frau Emma, genannt „Lämmchen“, nun einmal gehören.

Illustriert die Musik den Niedergang oder vertuscht sie ihn? Während es für die beiden Protagonisten immer mehr bergab geht, verspricht die Musik, dass es trotzdem noch weitergeht. Wie bei einem Kettenkarussell auf dem Rummel, das sich zum fröhlichen Geklimper unaufhörlich dreht, während eine Kette nach der anderen abreißt. Dass die Show niemals enden darf, verkörpert auch der von Matthias Redlhammer gespielte Showmaster, der im extravaganten Anzug den Kommentator des Geschehens gibt. „Kleiner Mann, was tun?“, singt er. Eine Antwort darauf bleibt Fallada selbst schuldig.

„Kleiner Mann – was nun?“: Arash Nayebbandi und Nina Wolf

Voigt und Deigner zerlegen Falladas Roman in ein musicalgerechtes Stationendrama, das einerseits mit grotesk-komischen Videoeinspielern aufgelockert wird und andererseits durch die verfremdende Choreografie von Minako Seki immer wieder ins Unheimliche kippt. Mit den spektakulären Hochhauskulissen (Bühne: Natascha von Steiger) und den opulenten Outfits (Kostüme: Maria Strauch) wird die Gegenwart adressiert, während die Sprache von Fallada ausdrücklich nicht aktualisiert wird, sondern nach 1932 (dem Jahr der Veröffentlichung) klingt. Ein dramaturgischer Spagat, den Nina Wolf und Arash Nayebbandi in den Hauptrollen mal besser und mal schlechter bewältigen.

Ein bitteres Sozialdrama in eine heitere Revue zu verwandeln, ist jedoch nicht frei von Irritationen. Wird das Elend selbst zum Gegenstand der Unterhaltung, nicht zuletzt für die kleinen Leute selbst? Oder, mit Blick auf das Frankfurter Publikum, für die nicht so kleinen Leute, die sich von den Härten der Abstiegsgesellschaft weit entfernt wähnen dürfen? Wer spielt in dem Drama von sozialem Aufstiegsversprechen und realem Abstieg eigentlich wem etwas vor? Das fragt man sich auch in der Schlussszene, dem letzten Lied der gedemütigten Kleinfamilie Pinneberg. Es ist Rio Reisers „Halt dich an deiner Liebe fest“.

Alles können sie uns nehmen, nur unsere Liebe nicht! Das kann man getrost als Falladas Message bezeichnen, die Frank Castorf in seiner Inszenierung am Berliner Ensemble als linken Kitsch und politischen Verrat enttarnte und die Handlung mit Heiner Müller bis in die letzten Kriegstage des Jahres 1945 verlängerte, als sich die kleinen Leute – wieder einmal! – gegenseitig ans Messer liefern. Voigt und Deigner hingegen lassen bis zum Schluss im Nebel des Unklaren, ob der Kitsch bekräftigt oder ausgestellt wird. So oder so ist es eine ungewöhnliche Romanadaption, wie sie Voigt zuletzt auch spektakulär mit Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe“ in Düsseldorf gelungen ist.

Dass sich die Form der Revue nicht nur für historische Stoffe, sondern auch für die unmittelbare Gegenwart eignet, kann man zeitgleich in Berlin sehen. Am inklusiven Theater Thikwa hat die freie Theatergruppe Glanz & Krawall mit „Nix gibt’s“ eine „große Rentenrevue“ auf die Bühne gebracht. Von „Gesamtkunstwerk“ zu sprechen, wäre – wie bei der Rentenreform – zwar zu hoch gegriffen, es ist aber ein charmanter und kurzweiliger Abend geworden, den Regisseurin Marielle Sterra mit der flotten Musik von Sarah Taylor Ellis und Jana Sotzko auf der Kreuzberger Hinterhofbühne inszeniert hat – mit einem bunten Strauß an Ideen zur Schieflage in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Während in der laufenden Vorstellung die Showtreppe, stellvertretend für die gesetzliche Rente, demontiert wird, steht das Ensemble fassungslos und hilflos daneben, die Briefe zur Renteninformation mit eher mickrigen Aussichten in der Hand. Wer nicht erbt und nicht gerade Beamter, Arzt, Anwalt oder Unternehmer ist, hat die Altersarmut vor Augen. Die Rentenpunkte zerplatzen wie Seifenblasen in der Luft, das Rentenpaket mit Schleife sieht zwar hübsch aus, wird jedoch direkt wieder einkassiert. Man stimmt „Das Lied vom Generationenvertrag“ an, allein es fehlt der Glaube, dass das heute noch Gültigkeit hat.

„Nix gibt’s“ im Theater Thikwa, Berlin

Kleine Leute, was nun? Die Showtreppe des Lebens führt für viele Menschen im Alter gefährlich nach unten. Ob es da hilft, sich allein an der Liebe festzuhalten? Die gibt es immerhin umsonst, wie man im Theater Thikwa weiß. Wo „Kleiner Mann – was nun?“ das große historische Bild in den Blick nimmt und in eine dreistündige Show über Arbeitslosigkeit und andere Katastrophen des Wirtschaftslebens verwandelt, entdeckt „Nix gibt’s“ die Revue als kleine, wendige Form des Gegenwartskommentars wieder.

In beiden Fällen geht der Rückgriff auf das Genre des Unterhaltungstheaters mit dem Verzicht auf den erhobenen Zeigefinger des Moraltheaters einher. Allein deswegen könnte die Revue in nächster Zukunft ein glänzendes Comeback im Theater erleben.

„Kleiner Mann – was nun?“ läuft am Schauspiel Frankfurt. „Nix gibt’s – Die große Rentenrevue“ ist am Theater Thikwa in Berlin zu sehen.

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