MDR AKTUELL: Herr Hamann, wie erlebt ein Stenograf eine Bundestagsdebatte?
Jakob Hamann: Es ist natürlich aufgrund unserer besonderen Sitzposition im Plenarsaal des Deutschen Bundestages – nämlich sehr exponiert zwischen Redepult und Abgeordnetenrängen – so, dass wir die Debatten viel intensiver erleben als ein Zuschauer, der auf der Besuchertribüne sitzt oder die Sitzung im Livestream verfolgt. Mir sind besonders in Erinnerung geblieben der Ausbruch des Ukraine-Kriegs und die Sitzungen, die wir kurz darauf im Bundestag hatten. Das war an einem Sonntag, am 27. Februar, das war die berühmte Zeitenwende-Rede. Da merkt man natürlich schon, dass man gerade dabei ist, wenn etwas historisch Bedeutendes passiert und Geschichte geschrieben wird.
Unsere Stenografischen Aufzeichnungen, das ist für uns wie eine Landkarte.
Wenn wir die Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz nehmen: Da stelle ich mir vor, das ist noch relativ einfach für Sie, weil er sehr deutlich spricht, langsam spricht. Aber dann gibt es andere Wortmeldungen, wo es wirklich zur Sache geht und wo man sich auch ins Wort fällt. Wie gelingt es Ihnen da diese Meldungen einzufangen und aufzuschreiben?
Sie müssen sich das so vorstellen: Das Stenogramm, also unsere stenografischen Aufzeichnungen, das ist für uns wie eine Landkarte. Denn wir schreiben ja nicht nur die jeweiligen Redebeiträge und die Ausführungen der Sitzungsleitung mit, sondern wir machen auch Rednerwechsel kenntlich und vermerken Zurufe, Beifälle, Lachen und sonstige Reaktionen.
Auch Beifall schreiben Sie auf, oder?
Genau. Wenn jetzt meinetwegen die Koalition geschlossen klatscht, dann vermerken wir eben Beifall bei der CDU/CSU und der SPD. Und genauso schreiben wir auch auf, wenn nur ein Teil der Abgeordneten klatscht. Genauso machen wir das mit Lachen und Heiterkeit. Da gibt es auch einen Unterschied, denn das Lachen geht in die Richtung Verächtlichmachung des politischen Gegners und Heiterkeit ist das gemeinsame sich Freuen über eine lustige Situation.
Man sagt den Stenografen nach, dass Sie die Namen und Gesichter aller Abgeordneten im Parlament kennen würden. Ist das so?
Ja, das ist tatsächlich ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit, die Abgeordneten regelrecht zu lernen. Am Anfang einer Wahlperiode lernen wir natürlich vor allem die neu hinzugekommenen Abgeordneten. Es sind ja nicht immer alle neu. Dazu nutzen wir tatsächlich ein Programm, das ein Kollege von uns entwickelt hat. Das ist die Parlamentariersuche Innovativ, Psi abgekürzt. Mit der kann man trainieren und eben auch suchen – und zwar gefiltert nach Fraktionszugehörigkeit, Geschlecht, Alter und Ausschussmitgliedschaft. Für den Fall, dass man einen Abgeordneten im Saal mal namentlich nicht zuordnen konnte, kann man auf dieses Programm zurückgreifen und sozusagen "fahnden".
Aber das kommt offenbar selten vor. Machen Sie auch solche Spielchen, ob Sie wirklich alle Namen und Gesichter parat haben?
Man versucht natürlich, auch auf den Gängen immer die Namen gleich zuzuordnen. Das dauert vielleicht manchmal einen Moment, aber das ist auf jeden Fall eine gute Übung. Und wie gesagt: Mit diesen Programmen können wir regelrecht trainieren. Da muss man dann so und so viele Abgeordnete erkennen, und dann gibt es auch eine richtige Bestenliste und so versuchen wir, uns fit zu halten.
Was heißt denn Bestenliste?
Das ist referatsintern unter den Kolleginnen und Kollegen. Wir quizzen ein bisschen, wer die meisten Abgeordneten innerhalb kürzester Zeit erkennt.
Abgeordnete des Bundestags: Jeder Zwischenruf wird namentlich protokolliert.Bildrechte: picture alliance/dpa/Sebastian Christoph GollnowWas passiert, wenn im Plenarsaal plötzlich die Plätze getauscht werden?
Es gibt tatsächlich gar keine feste Sitzordnung. Das ist aber auch nicht schlimm, denn bei den Debatten sind in der Regel die jeweiligen Fachpolitiker anwesend. Das macht es einfacher. Für den Fall, dass ich einen Abgeordneten nicht erkenne, mache ich mir Notizen, zum Beispiel zum Aussehen oder wo derjenige sitzt. Dann kann ich auch einen Kollegen vom Plenarassistenzdienst fragen oder ich recherchiere eben mit unserem Programm.
Was für Außenstehende ein bisschen wie Gekrakel aussieht, folgt bestimmten Regeln.
Sie sind Stenograf. Stenografie, das kennt heute nicht mehr jeder, das ist so eine verkürzte Form, wo man vieles Komprimierte niederschreiben kann. Für alle, die das vielleicht noch nie gehört haben: Was genau macht Stenografie?
Die Stenografie ist ein ganz spezielles Schriftsystem, in dem man mit sehr kurzen Formen und Kürzungen arbeitet und einfach sehr schnell schreiben kann. Damit kann man bis zu 475 Silben pro Minute schreiben. Zum Vergleich, mit normaler Langschrift erreicht man eine Geschwindigkeit von etwa 30 bis 40 Silben pro Minute. Was für Außenstehende ein bisschen wie Gekrakel aussieht, folgt bestimmten Regeln.
Wie sieht so eine Stenografie-Schrift dann aus?
Dadurch, dass es ein eigenes Schriftsystem ist, ist das wirklich nicht zu entziffern. Es hat nichts mit der normalen Langschrift gemein. Wir Parlamentsstenografen verwenden die Redeschrift und die arbeitet fast ausschließlich mit Kürzungen, Andeutungen und Zusammenschreibungen. Damit erreicht man dann eben Spitzengeschwindigkeiten von 400 Silben und mehr.
Was ist so eine weit verbreitete Abkürzungsform? Ist das eine Klammer oder ist das ein Punkt oder ein Strich oder was kommt am Ende raus?
Wenn ich zum Beispiel das Wort Bundestag schreiben würde, ist das nur ein kleiner Schriftzug unter der Grundlinie. So nennt man das, also so ein kleiner Bogen. Da sieht man dann auch, wie effizient das ist. Denn wenn ich das Wort ausschreiben müsste, in Langschrift, sind das schon neun Buchstaben. Und selbst für die Abkürzung B.T. bräuchte ich etwa fünf Schriftzüge. In der Stenografie ist es gerade mal einer. Das ist natürlich unschlagbar. Wir schreiben ja nicht nur den bloßen Wortlaut der Reden auf, sondern im Kern ist unsere Arbeit ja redaktioneller Natur. Wir verwandeln das gesprochene Wort in eine sprachlich und sachlich korrekte Schriftform um.
Jede Bürgerin und jeder Bürger hat die Möglichkeit, sich jederzeit anhand der stenografischen Berichte zu informieren und sich ein Bild von den parlamentarischen Beratungen zu machen. Aber natürlich auch die Medien, die Wissenschaft und der gesamte politische Bereich, die nutzen auch unsere Protokolle. Und vor allem für die historische Forschung sind sie auch besonders wertvoll. Es gibt ja schon stenografische Berichte über die Frankfurter Nationalversammlung zum Beispiel, und es ist auf jeden Fall für mich eine ganz wundervolle Tätigkeit.
Und davon können Sie nicht genug bekommen oder ab wann müssen Sie sich auch wirklich mal erholen von so einer Bundestagsdebatte und wie sieht das dann aus?
Nach so einer Sitzungswoche hat man schon ganz schön viel Input bekommen und guckt sich jetzt vielleicht nicht noch politische Talkshows an. Aber das ist am Anfang vielleicht auch anstrengender als dann mit der Berufserfahrung.
Das Interview führte Sven Kochale. Bei dieser Fassung handelt es sich um eine verschriftlichte Kurzfassung des Interviews. Die Langfassung hören Sie in der ARD-Audiothek.
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