Es lebe der Süden! Es lebe der Süden“, skandieren Hunderttausende, die sich am Samstagnachmittag auf dem Al-Oroub-Platz im Zentrum der jemenitischen Hafenstadt Aden versammelt haben. Die Demonstranten schwenken Fahnen des Südjemens, mit roten, weißen und schwarzen Streifen sowie einem hellblauen Dreieck mit rotem Stern. „Wir sind hier, um eine Botschaft an die Welt zu senden“, schreit Dalal al-Obeidi, um gegen die Sprechchöre anzukommen. „Wir wollen unseren unabhängigen Staat zurück, um in Frieden und Freiheit zu leben.“

Nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht war der Südjemen von 1967 bis 1990 ein eigener Staat, bevor es zur Wiedervereinigung mit dem Norden kam. „Wir brauchen und wollen nicht das Terrorregime in Saudi-Arabien“, schimpft die 31-Jährige, die wie alle Frauen hier eine schwarze Abaja (traditionelles Überkleid, Anm. d. Red.) trägt.

Auch andere Demonstrationsteilnehmer lassen ihrem Unmut freien Lauf. „Wir wollen nicht unterdrückt werden“, erklärt die 67-jährige Itissar Khamis, die sich seit 2007 für staatliche Selbstständigkeit einsetzt. „Jedes andere Land ist bei uns willkommen, nur nicht Saudi-Arabien.“

Die Enttäuschung der Menschen in Aden sitzt tief. Noch bis vor zehn Tagen schien das langersehnte Ziel einer erneuten Unabhängigkeit des Südens in greifbarer Nähe. Aidarus al-Zoubaidi, Präsident des Südlichen Übergangsrats (Southern Transitional Council, STC) hatte zu Jahresbeginn in einer Fernsehansprache eine zweijährige Übergangsphase mit abschließendem Referendum angekündigt, das einen eigenen Staat besiegeln sollte. Doch Saudi-Arabien machte den Plan mit gezielten Bombenangriffen und dem Einsatz jemenitischer Regierungstruppen zunichte.

Der STC verlor innerhalb von nur zwei Tagen die Kontrolle über sein gesamtes Territorium, worum beinahe 20 Jahre mit hohen Verlusten gekämpft worden war. Al-Zoubaidi floh aus dem Land und der Südjemen ist heute so weit von einer Unabhängigkeit entfernt wie lange nicht. Die Menschen in Aden wollen ihren Traum aber nicht aufgeben. „Wir zeigen heute, wofür wir stehen und dass uns niemand vom Weg in die Unabhängigkeit abringen kann“, sagt Koordinator Shimsan Seif am Rande der Großdemonstration.

Was derzeit in Aden passiert, ist eine der vielen Konsequenzen aus dem seit Jahren tobenden Bürgerkrieg im Jemen. Seitdem die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz im Jahr 2014 die Hauptstadt Sanaa erobert hat, hat sich der Konflikt zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit entwickelt – mit globalen Folgen. Zehntausende Menschen sind gestorben, Hunderttausende auf der Flucht. Schätzungen zufolge sind zwei von drei Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Eigentlich sind der STC und die von Saudi-Arabien unterstützte jemenitische Regierung im Kampf gegen die Huthi-Miliz verbündet, die große Teile des Nordens kontrolliert. Immer wieder griffen die Huthis in den vergangenen Jahren Schiffe im Roten Meer an, die USA antworteten mit Luftschlägen gegen die Terrororganisation, um die Folgen für die Handelsschifffahrt zu begrenzen.

Zuletzt war es innerhalb der Anti-Huthi-Allianz jedoch zu Verwerfungen gekommen. Saudi-Arabien hält zur offiziell anerkannten jemenitischen Regierung und will die Einheit des Landes erhalten. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hingegen unterstützen die Separatisten und ihre Forderung nach einem unabhängigen Süden und formten unter der Führung ihrer Bodentruppen lokale Milizen, um ihre Interessen zu sichern.

Doch nachdem sich die VAE buchstäblich von einem Tag auf den anderen aus all ihren Militärbasen im Jemen zurückgezogen haben, ist die Zukunft des Südens mehr als ungewiss. „Alles kam so überraschend, wir verstehen selbst noch nicht, was geschehen ist“, sagt Essam Abdu Ali. Er ist Vize-Vorsitzender der Generalversammlung des STC. „Es muss etwas mit den Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und den VAE zu tun haben, aber wir wissen nichts“, so Ali im Exklusivgespräch mit WELT im Amtssitz des STC in Aden.

Seit Langem schon schwelen regionale und geopolitische Spannungen zwischen Saudi-Arabien und den VAE. So unterstützen beide Länder etwa im sudanesischen Bürgerkrieg gegensätzliche Parteien. 2020 hatten die VAE ein Friedensabkommen, die sogenannten Abraham Accords, mit Israel unterzeichnet, was das Verhältnis zu Saudi-Arabien zunehmend belastete.

Während des Gaza-Kriegs gegen die Hamas distanzierten sich die Emirate nicht vom jüdischen Staat, während Saudi-Arabien bei seiner traditionell antiisraelischen Position blieb. In der vergangenen Woche waren die Unstimmigkeiten zwischen den beiden Golfstaaten im Jemen offensichtlich eskaliert. Dabei pflegt VAE-Präsident Mohammed bin Zayed eigentlich ein enges Verhältnis zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und spielte eine Schlüsselrolle bei dessen Machtübernahme 2017.

Die aktuelle Krise zwischen den beiden Staaten begann, als die STC-Truppen von ihrer Hochburg in Aden aus ins Landesinnere vorrückten und mehrere von Saudi-Arabien kontrollierte ölreiche Gebiete ohne nennenswerten Widerstand einnahmen. Zu den Provinzen, in die der STC vorrückte, gehörten Hadramaut und Al-Mahra weiter östlich. Sie grenzen an Oman sowie Saudi-Arabien und sind für Handels- und Schmuggelrouten von entscheidender Bedeutung.

Saudi-Arabien startete einen Gegenangriff und bombardierte die Truppen des STC, wobei nach Angaben vor Ort auch fünf Zivilisten getötet und Wohnhäuser zerstört wurden. Die VAE und Saudi-Arabien kritisierten sich gegenseitig scharf. Die Emirate behaupteten, Riad würde die radikale Muslimbruderschaft unterstützen und den kleineren Nachbarstaat schikanieren. Die Saudis wiederum verurteilten die VAE als antiislamisch, proisraelisch und warfen ihnen zudem vor, sie würden Sezessionisten in der gesamten Region unterstützen.

Laut Fatima Abo Alasrar, Politikanalystin am Washington Center for Yemeni Studies, hat der STC mit seinen letzten Eroberungen einen strategischen Fehler gemacht und „Prozess mit Macht“ verwechselt. „Die Separatisten hatten zwar neues Territorium, aber keine Erlaubnis dafür.“ Genau darüber sollten in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad Anfang Januar Gespräche mit einer Delegation unter der Führung von STC-Präsident al-Zoubaidi stattfinden. Doch er flüchtete mit einem Boot zuerst nach Dschibuti und dann weiter nach Abu Dhabi.

Al-Zoubaidi muss wohl einen Tipp bekommen haben, dass die Saudis nicht an echten Verhandlungen interessiert sind und es in Riad gefährlich für ihn werden könnte. Kronprinz bin Salman ist bekannt dafür, politische Gegner auch unsanft unter Druck zu setzen.

Tatsächlich sollen die übrigen nach Riad gereisten Delegationsmitglieder nach ihrer Ankunft von der Bildfläche verschwunden sein und waren Berichten zufolge selbst für ihre Familien nicht erreichbar. Wenig später verkündete Generalsekretär Abdulrahman Jalal al-Subaihi aus Riad überraschend die Auflösung des STC. Und lobte die Maßnahmen des saudischen Königshauses, die den Bedürfnissen der Menschen im Süden gerecht würden.

Freilassung des Generalsekretärs gefordert

Ali, der stellvertretende Sprecher des STC in Aden, nimmt an, dass er zu dieser Erklärung gezwungen wurde: „Wir fordern die unverzügliche Freilassung al-Subaihis und aller anderen Mitglieder der Delegation.“

Ali betont, dass der STC auch weiterhin als Interessenvertretung der Menschen im Südjemen arbeiten und sich ganz sicher nicht auflösen werde. Selbst wenn es neue Angriffe durch Saudi-Arabien geben sollte. „Wir haben keine Angst“, erklärt Ali hinter seinem Schreibtisch. „Schließlich wissen wir, wofür wir kämpfen und sind bereit dafür zu sterben.“

In Aden haben mittlerweile Einheiten die Kontrolle übernommen, die als loyal gegenüber Saudi-Arabien und der anerkannten Regierung des Jemens gelten. Der neue Sicherheitschef heißt Abdul al-Muharami. Der bekannte Militärkommandeur führt die al-Amalaki-Kräfte an, die nach Aden einmarschiert sind, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Nach außen hin mögen die aktuellen Vorgänge wie eine Revolution wirken und auf eine Entmachtung des STC hindeuten. Aber letztendlich hat sich am Boden wenig verändert. Offiziell kooperiert al-Muharami mit der jemenitischen Regierung und Saudi-Arabien, ist aber gleichzeitig auch Vize-Präsident des STC. „Ich mache mir keine Sorgen“, sagt STC-Vertreter Ali lächelnd. „Er ist und bleibt ein Sohn des Südens.“

Alfred Hackensberger hat seit 2009 aus mehr als einem Dutzend Kriegs- und Krisengebieten im Auftrag von WELT berichtet. Vorwiegend aus den Ländern des Nahen und Mittleren Osten wie Libyen, Syrien, dem Irak und Afghanistan, zuletzt aber auch aus Bergkarabach und der Ukraine.

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